Schriftgeschichte

Eine kurze Darstellung der lateinischen Schriftgeschichte und der einzelnen Schriften soll eine ungefähre Datierung von Texten im Archiv ermöglichen. Du solltest auf den ersten Blick abschätzen können, ob Du eine früh- oder spätmittelalterliche Handschrift oder eine neuzeitliche Quelle vor Augen hast.

Schriftvergleiche können ausserdem Hinweise zur Herkunft (Provenienz) einer Handschrift geben. Die Datierung und vor allem die Lokalisierung der Handschrift allein aufgrund des Schriftbildes ist jedoch schwierig und kann in der Regel nur in Zusammenarbeit mit Spezialisten erfolgen.

Grundsätzlich unterscheidet man:

Majuskelschriften
Grossbuchstaben
Zweiliniensystem
keine Ober- und Unterlängen
Minuskelschriften

Kleinbuchstaben
Vierliniensystem
Ober- und Unterlängen
Kursiven
rasche, flüchtige Schrift
meist verbundene Buchstaben
häufig Schlaufen

Die Nomenklatur der Schriften und der Schriftbeschreibung ist nicht einheitlich. Spezialisten unterscheiden zum Teil Schriftarten einzelner Klöster (Skriptorien). Eine solche Zuschreibung ist jedoch vielfach problematisch und für Laien ohnehin kaum möglich.

Bibel aus dem Kloster Tours in Frankreich (Alkuin-Bibel), um 830
Capitalis quadrata
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 1, fol. 220r

Bibel aus dem Kloster Tours in Frankreich (Alkuin-Bibel), um 830
Capitalis rustica
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 1, fol. IVr

Den Ausgangspunkt für die mittelalterliche Schriftentwicklung bildete die römische Capitalis. Es handelt sich um eine Majuskelschrift, d. h. sie wird nur aus gleich hohen Grossbuchstaben gebildet.
Majuskelschriften des Mittelalters orientierten sich stark an dieser vor allem für Steininschriften verwendeten römischen Vorlage. Es lassen sich drei Majuskelschriften unterscheiden: Capitalis quadrata, Capitalis rustica und Unziale.
Die Capitalis quadrata wird auch als Capitalis monumentalis bezeichnet. Ihr Name leitet sich vom geometrischen Verhältnis zwischen Höhe und Breite der Buchstaben ab (besonders deutlich sichtbar bei den Buchstaben M, N, O und D).
Bei der Capitalis rustica hingegen sind die Buchstaben weniger breit als hoch. In der Regel werden sie näher aneinandergerückt, was zu schmaleren Proportionen führt.

Unziale
Psalterium, Frankreich, Ende 9. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 161, fol. 1r

Halbunziale
Evangelienfragment, 5. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 79b, fol. 6r

Die Unziale ist eine reine Majuskelschrift. Ihre Formgebung ist allerdings nicht quadratisch oder eckig wie bei der Capitalis, sondern rund. Daher erklärt sich auch ihr Name (lateinisch uncus = 'Bogen', 'Haken'). Man erkennt dies besonders gut an den Buchstaben E, M und U (statt V). Als Buchschrift taucht die Unziale vor allem in Texten des späten 3. bis 8. Jahrhunderts auf.
Die Halbunziale bildet gegenüber der Unziale die Ober- und Unterlängen weiter aus. Sie lässt sich nicht eindeutig als Majuskel- oder Minuskelschrift bezeichnen, sondern steht zwischen diesen beiden Grundtypen. Auffällig sind vor allem die Oberlängen bei b, d, h, l, und Unterlängen bei f, g, p, q. Das a ähnelt einem ci oder cc, g besitzt eine wellenförmige Unterlänge, n wird häufig in Majuskelform geschrieben.
Capitalis und Unziale wurden im Mittelalter nach dem Übergang zur Minuskel weiterhin als Auszeichnungsschriften für Überschriften, Incipits, Explicits, Rubriken und Hervorhebungen verwendet.

Vor- und frühkarolingische Minuskel
Liber scintillarum, 8. Jh. Provenienz: St. Gallen
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 65, fol. 9v

Die Auflösung des römischen Reiches führte zu einer regionalisierten Schriftentwicklung. Aus diesem Grund sprach man im 19. Jahrhundert von der Zeit der «Nationalschriften» (6. bis 11. Jahrhundert). Gemeinsames Merkmal dieser Schriften ist, dass sie die Halbunziale und die römische Kursive zu Minuskeln (Kleinbuchstabenschriften) weiterentwickelten (z. B. langobardische Schrift, westgotische Minuskel, Beneventana). Sie sind zum Teil schwer lesbar.
Besonders hervorzuheben sind die insularen Schriften, die im irisch-angelsächsischen Gebiet entstanden sind. Von der Insularis gibt es einen stark gerundeten Typ und später die kursivierte Spitzschrift. Die ältesten Quellen in St. Gallen, Fulda, Mainz, Würzburg und Salzburg sind dem runden Typ zuzuordnen. Besonders auffällig sind in der Spitzschrift das a (dreieckförmig) und das f (mit Unterlänge und Mittelstrich). r und s sind sehr ähnlich und leicht zu verwechseln.
Die frühkarolingischen Minuskeln des 8. und 9. Jahrhunderts kündigten als Schriften des Übergangs den nächsten bedeutsamen Wandel an: Auf der einen Seite wirkten in ihren zahlreichen Ligaturen Traditionen kursiven Schreibens aus der Spätantike und in ihren Buchstabenformen ältere Minuskelschriften fort. Auf der anderen Seite bildeten einige ihrer Varianten die Basis für die nächste Etappe in der lateinischen Schrift: Die karolingische Minuskel.

Karolingische Minuskel Psalterium, Frankreich, Ende 9. Jh. Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 161, fol. 163v

Die karolingische Minuskel entstand um 800 aus ausgewogen stilisierten Elementen verschiedener Vorgängerschriften in den Bildungszentren des karolingischen Reiches. Sie war eine neue, klare und einheitliche Schrift, die unter der Herrschaft Karls des Grossen flächendeckend eingeführt wurde. In den Randzonen blieben regionale Schriften noch längere Zeit erhalten. Die karolingische Minuskel ist eine geformte Buchschrift. Sie zeichnet sich aus durch:

  • konsequente Verwendung des Vierliniensystems
  • unverbundene Buchstaben
  • wenige Ligaturen

Für Überschriften wurden weiterhin Majuskelschriften verwendet (Capitalis, Unziale, Misch- und Zierformen).
Die karolingische Minuskel hielt sich fast vier Jahrhunderte, auch wenn sich einige ihrer Buchstabenformen veränderten. Eine Datierung aufgrund der Buchstaben ist allerdings nicht einfach, weil die Grundschrift relativ einheitlich bleibt.
Eine Sonderform ist die diplomatische Minuskel, die in den Königsurkunden seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts verwendet wurde. Ihre Kennzeichen sind grosse geschwungene und geschnörkelte Oberlängen sowie Gitterschrift in der ersten Zeile und in der Recognitionszeile.

Spätkarolingische Minuskel
Epistolae Pauli, 12. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 149, fol. 51v

Frühgotische Minuskel
Psalterium, Schaffhausen 1253 (früheste datierte Handschrift der Zentralbibliothek Zürich)
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 85, fol. 61v

Der Übergang von der spätkarolingischen Minuskel zur frühgotischen Minuskel ist fliessend. Es bestanden Mischformen wie die romanische Minuskel oder die karolingisch-gotische Mischschrift. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts ist dieser Umformungsprozess vollendet; seither erinnerten die Schriften in ihren Zügen kaum mehr an die karolingische Minuskel.
Die Veränderungen gegenüber der karolingischen Minuskel sind insbesondere die Brechung, die Engerstellung der Schäfte, die Streckung und stärkere Betonung der Vertikalen sowie die Bogenverbindung (de, do, be, bo, or). Die Bögen und Halbbögen wurden nicht mehr in einem runden und einzigen Zug geschrieben, sondern die Feder wurde im Spitz neu angesetzt (gotische Brechung).

links: Textura oder Textualis formata
Rudolf von Ems, Weltchronik, um 1350
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 15, fol. 218v
rechts: Rotunda
Psalmen und Brevier, Italien, 15. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 182, fol. 9r

Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte sich aus der frühgotischen Minuskel die Textura. Die Grundprinzipien der Brechung von Bögen, der Organisation der Schäfte auf der Zeile und der Streckung des Mittellängenbereichs zu Lasten der Ober- und Unterlängen sowie der Bogenverbindungen sind voll ausgebildet und führen zu jenem ineinander verwobenen, gitterartigen Schriftbild, dem die Schrift ihren Namen verdankt. Infolgedessen sind insbesondere die Buchstaben, die nur aus Schäften im Mittelband bestehen, schwer zu unterscheiden, da i noch lange ohne i-Strich oder i-Punkt geschrieben wird. So lassen sich Buchstabenkombinationen wie mm mi ni ui in iu iii etc. oft nur aus dem Kontext erschliessen.
Die Gründung von Universitäten und der damit verbundene höhere Bedarf an natürlich begrenzten Ressourcen (Pergament) führten zu einer veränderten Gestaltung von Büchern. Die Schriften wurden in dieser Zeit immer kleiner und gedrängter. Zudem wurden deutlich mehr Abkürzungen verwendet.
Die Textualis ist im Vergleich zur Textura eine einfachere Schrift, die rascher geschrieben werden konnte. Wichtiges Kennzeichen ist auch hier, dass die Buchstaben unverbunden nebeneinander stehen und f und langes s ohne Unterlängen auf der unteren Schriftzeile stehen bleiben.
Vor allem in Italien und Frankreich wurden rundere Buchstabenformen bevorzugt. Diese Schrift wird als Rotundaoder Textualis semiquadrata bezeichnet.
Die Textura oder Textualis formata wurde für Bücher mit hervorragender Bedeutung verwendet und zu einem Vorbild für die Typen des frühen Buchdrucks (Gutenberg-Bibel)

Gotische Bastarda
Livre d'heures, Frankreich (Tours), 15. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 168, fol. 17r


Gotische Kursive
Urkunde Lütolds von Regensberg, 1285
Klosterarchiv Einsiedeln, K.P.1.

Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte sich die Bastarda. Sie trägt sowohl Züge der Textura und Textualis, tendiert aber vom Duktus her in Richtung einer Kursive. Kennzeichen sind eine hohe Stilebene, stark geformte, wenig verbundene Buchstaben (obwohl es auch Bastarden mit Schlaufen gibt) und deutliche Unterlängen bei f und langem s, deren Schäfte meist deutlich verdickt sind. Charakteristisch ist auch die sichtbare Schrägstellung der Schrift.
Insgesamt ist im Zuge der spätmittelalterlichen Zunahme an Schriftlichkeit eine stärkere Differenzierung der Schriftverwendung je nach Gebrauchskontext zu verzeichnen: von sehr schön gestalteten Buchschriften bis zu stark gekürzten Konzeptschriften.
Die verstärkte Schriftverwendung in der Verwaltung und Geschäftstätigkeit, aber auch die gestiegenen Anforderungen an die wissenschaftliche Arbeit führten im 13. Jahrhundert zur Herausbildung der gotischen Kursive, die bis ins 16. Jahrhundert in Gebrauch war. Ihre Linienführung ist flüchtiger als jene der Textualis oder Bastarda. Kennzeichen sind Unterlängen bei f und langem s, häufig Schrägstellung und durch Schlaufen verbundene Buchstaben. Die gotische Kursive oder lat. Cursiva war die vorherrschende Gebrauchsschrift, wurde in gehobener Form allerdings auch für schön ausgestaltete Bücher mit Illustrationen verwendet.

Humanistische Minuskel
Vergil, Opera, Italien, 15. Jh. Laut Eintrag fol. Ir 1765 in Rom gekauft durch David Vogel.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 83, fol. 2r.

Humanistische Kursive
Hans Füssli, Schweizer- und Zürcherchronik mit eigenhändigen Zusätzen von Heinrich Bullinger (sog. Bullinger-Chronik oder «Handbüchli»)
Zentralbibliothek Zürich, M. K 39 Bullinger, fol. 125v.

Die humanistischen Gelehrten lehnten im 14. / 15. Jahrhundert die gotischen Schriften zunehmend ab und orientierten sich statt dessen wieder an der karolingischen Minuskel. So entstand die humanistische Minuskel(Antiqua).
Die humanistische Minuskel unterscheidet sich nur wenig von der karolingischen Minuskel. Mögliche Differenzierungsmerkmale bieten lediglich die i-Punkte, das gotische t, dessen Schaft den Querbalken durchstösst, und die teilweise Verwendung des runden s und r. Häufig kam es auch zu individuellen Mischungen von gotischer Schrift und humanistischer Minuskel (Gotico-Antiqua).
Als Auszeichnungsschrift wurde weiterhin die Capitalis nachgeahmt.
Neben der humanistischen Minuskel entwickelte sich die flüchtige, nun stark individuell geprägte humanistische Kursive.
Die humanistische Minuskel (Antiqua) wurde neben der Textualis (Fraktur) in den Buchdruck übernommen. In neuzeitlichen Handschriften wurde die Antiqua oft für fremdsprachige Zitate (Latein, Französisch, Italienisch) oder als Auszeichnungsschrift verwendet.

Romanische Schrift
Staatsarchiv Graubünden, D II a 1.20a

Die Entwicklung der lateinischen Schrift war seit dem 15. Jahrhundert durch den Buchdruck mitgeprägt. Die Kunst handschriftlichen Buchschreibens wurde zunehmend von Gutenbergs Drucktechnik mit beweglichen Lettern verdrängt. Damit wurde die weitere Geschichte der Handschrift in zunehmendem Masse vom Bereich des Geschäfts- und Gebrauchsschriftguts bestimmt. Auch die Gebrauchsschriften differenzierten sich immer stärker je nach Zweck und Ausführungsgrad. Neben kalligraphische, d. h. ausgesprochene Schönschriften, traten stark individuell geprägte Schriften.
Die europäische Schrift - die geschriebene und die gedruckte - entwickelte sich in der Frühen Neuzeit in zwei Strängen. Diese sind im Allgemeinen voneinander unabhängig und vermischen sich selten.
Der erste Strang, die romanische Schrift, wurzelt in der Schrifttradition des italienischen Humanismus (15. Jahrhundert). Diese italienische Schrift wurde zum Vorbild für die neuzeitliche Kursive in Frankreich, Spanien und den Niederlanden (z. B. Bastarda Ilana). Auch die Lettre anglaisesteht in dieser Tradition.

Deutsche Kurrentschrift im 16. Jahrhundert
Hans Füssli, Schweizer- und Zürcherchronik (sog. Bullinger-Chronik oder «Handbüchli»)
Zentralbibliothek Zürich, Ms. K 39, fol. 73v

Deutsche Kurrentschrift im 18. Jahrhundert
Universitätsbibliothek Basel, VB Mscr. M 14.3, p. 81

Der zweite Strang stand weiterhin in der Tradition der gotischen Schriften und war vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet. Diese sogenannte deutsche Kurrentschriftwurde zur allgemein üblichen Geschäftsschrift der Neuzeit.
Sie entwickelte die kursiven Elemente der gotischen Kursive weiter, überwand aber nach und nach die Brechungen. Erkennbar ist die Kurrentschrift am h mit Schleifen an Ober- und Unterlänge. Ebenfalls charakteristisch ist das «Knospen»-e, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geöffnet wurde und seit dem 17. Jahrhundert fast ausschliesslich zweischäftig verwendet wurde.
Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden i und j, u und v jeweils nach ihrem Lautwert geschrieben. Gleichzeitig setzte sich die Grossschreibung aller Substantive immer mehr durch. In der Barockzeit wurden die Grossbuchstaben zunehmend verschnörkelt.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Kurrentschrift die gebräuchliche Verkehrsschrift in Deutschland.

Capitalis quadrata

Vergil-Handschrift, 4. bis 5. Jhd.
Erhart / Hollenstein 2006, S. 84

Die Interpunktion diente im frühen Mittelalter der rhetorischen Gliederung. Sie richtete sich nach den Sprechpausen und der Metrik und nicht nach der Grammatik.
Texte wurden meist durch Initialen gegliedert. Rot ausgezeichnete Majuskeln markierten die Satzanfänge. Textabschnitte wurden später auch mit Paragraphenzeichen kenntlich gemacht. Viele Texte kamen allerdings ohne jede Interpunktion aus.
Verschiedene Mittel der Textorganisation und Interpunktionszeichen, welche uns bei der Organisation eines Textes heute helfen und unersetzlich erscheinen, entwickelten sich erst mit der Zeit. Die Worttrennung setzte sich beispielsweise nur sehr langsam durch. Erst vom 9. Jahrhundert an wurden die Wörter durchgehend auseinander geschrieben.
Die Silbentrennung durch einen Strich am Ende der Zeile wurde erst im 11. Jahrhundert üblich, durch zwei Striche dann im 14. Jahrhundert. Fragezeichen gibt es seit der karolingischen Minuskel. Ausrufezeichen werden sogar erst im 16. Jahrhundert verwendet.