Charakterisierung des Beschreibstoffes

Im Handschriftenbeschrieb genügt es normalerweise, den Beschreibstoff (Pergament / Papier) anzugeben.
Die Entwicklung und Verwendung der verschiedenen Beschreibstoffe ist von kulturhistorischem Interesse. So ist die im 12. und 13. Jahrhundert einsetzende Verschriftlichung und zunehmend schriftlich geführte Verwaltung nur dank dem billigeren Beschreibstoff Papier möglich.
Ausserdem liefert der Beschreibstoff Indizien über den intendierten Gebrauchszweck einer Handschrift. Warum etwa werden manche Urbare, die als Amtsbücher normalerweise zum Verwaltungsschriftgut gezählt werden, auf teurem Pergament geschrieben und nicht auf dem ebenfalls verfügbaren, preisgünstigen Papier?

Papyrus-Fragment von Cicero, In Verrem II.2 (20 v. Chr. bis 100 n. Chr.), H 16,0 cm x 19,0 cm.
Papyrussammlungen an der Universitätsbibliothek Giessen, Inventarnummer P. Iand. inv. 20.

In der Antike ist Papyrus der wichtigste Beschreibstoff. Im europäischen Mittelalter ist er eher selten. Eine ausführliche Beschreibung, wie Papyrus hergestellt wird, gibt Plinius der Ältere in seiner Historia naturalis (XIII, 74-82).
Das Mark der Papyrusstaude wird entrindet und in dünne Streifen geschnitten. Eine Schicht der Streifen wird eng nebeneinander, im rechten Winkel hierzu eine zweite Schicht darüber gelegt, gepresst und geklopft. Etwa 20 so hergestellte Blätter werden zu einer Rolle zusammengeklebt. Diese Rollen sind in der Regel 2 bis 4 m lang und ca. 30 cm breit.
Die Vorderseite, die durch die horizontalen Fasern leichter zu beschreiben ist, nennt man Recto. Ursprünglich wird nur sie beschrieben. Die Rückseite mit vertikaler Faserung bezeichnet man als Verso.
Die Bezeichnungen recto - verso werden auch heute noch für Vorder- und Rückseite eines Blattes verwendet.

Papyrusfragment von Homers Illias VIII. 3-12 (nicht vor dem 1. Jahrhundert v. Chr.), 5,8 cm x 3,5 cm.
Duke University: Duke Papyrus Archive, Inventarnummer: P.Duk.inv.59.

Im 4. Jahrhundert wird Papyrus durch das Pergament verdrängt. Das ist vor allem für die Überlieferung der antiken Literatur von Bedeutung. Die Überlieferungschance in Mitteleuropa ist für den Papyrus wegen des feuchten Klimas äusserst schlecht. Schwerpunkt der Papyrusherstellung und der Papyriüberlieferung ist Ägypten.
Bis ins Frühmittelalter wird Papyrus in manchen Kanzleien für Akten, Briefe und Urkunden verwendet. Die päpstliche Kanzlei schrieb Urkunden und Kopialbücher sogar bis ins 11. Jahrhundert auf Papyrus.
Mit Papyri beschäftigt sich eine eigene Wissenschaft, die Papyrologie.

Pergamentmacher mit Schabeisen. Druck aus dem späten 17. Jahrhundert.

Im Früh- und Hochmittelalter ist Pergament der wichtigste Beschreibstoff. Es wird aus Tierhäuten hergestellt.
Die Herstellung von Pergament durchläuft grundsätzlich folgende Phasen:

1.  Die Tierhaut wird etwa drei bis sechs Wochen in starker Kalklauge gebeizt.
2. Dadurch können Haare, Oberhaut und Fleischteile leichter mit einem halbmondförmigen Schabmesser entfernt werden. Es bleibt die verwendbare Lederhaut übrig.
3. Zur Beseitigung noch vorhandener Fettreste wird die Haut erneut gewässert und mit fettlösenden Materialien (Asche, feuchtem gelöschtem Kalk) behandelt.
4. Sie wird nass in einen Rahmen gespannt und an der Luft getrocknet.
5. Die Weiterbehandlung ist nach Gegend, Zeit und angestrebter Qualität verschieden, meist werden jedoch Stellen mit Äderungen oder Fettspuren mit Bimsstein und Kreide abgeschliffen.

Illustration aus dem Buch der Stifter und Guttäter des Klosters Einsiedeln. Die Pergamenthandschrift wurde 1588 hergestellt.
Klosterarchiv Einsiedeln, A.WD.11a.

Seit dem 4. Jahrhundert löst das Pergament Papyrus als Beschreibstoff ab. In diesem Wandel der Schriftkultur spielt das Christentum eine wichtige Rolle, da es als Buchreligion einen haltbaren Beschreibstoff benötigt, der auch dem neuen Repräsentationsbedürfnis (Liturgie, Buchmalerei) gerecht werden kann.
Wegen der Haltbarkeit des Pergaments ist dieser Beschreibstoff auch für die Überlieferung der antiken Literatur von grosser Bedeutung. Der Schwerpunkt dieser Überlieferung liegt in karolingischer Zeit.
Auch nach der Einführung des Papiers wird Pergament weiterhin vor allem für liturgische Bücher, Bibeln, Urkunden und wichtige literarische Werke verwendet. Insbesondere die Humanisten verwenden viel Pergament.

Palimpsest: Ciceros «De re publica» (4.-5. Jahrhundert) unter Augustins «Enarratio in psalmum» (7. Jahrhundert).
Rom, Bibl. Vaticana, Vat. 5757, fol. 6.

Pergament ist teuer, man benötigt für eine Handschrift die Häute vieler Tiere. Deshalb werden schon einmal beschriebene Blätter manchmal mit Bimstein oder einem Messer abgeschabt und neu beschrieben. Solche mehrfach beschriebenen Exemplare nennt man Palimpseste.
Mit chemischen Behandlungen (19. Jahrhundert) und dem Einsatz von Ultraviolett- und Infrarotstrahlen sowie der Fluoreszenzfotografie (20. Jahrhundert) lassen sich die gelöschten Schriften wieder zum Vorschein bringen.
Das Verhältnis zwischen Unter- und Oberschrift lässt auf den Geschmack und die Interessen der Zeit schliessen. Bei der christlich-liturgischen Ausrichtung des Frühmittelalters sind einige profane Werke der antiken Literatur nur als Palimpseste erhalten. Das einzige Exemplar von Ciceros «De re publica» ist z.B. überschrieben mit einem hundertfach überlieferten Augustinustext.

Papierpresse in der Basler Papiermühle.

Zur Herstellung von Papier werden im Mittelalter Lumpen (sog. Hadern) als Rohstoff verwendet. Diese werden zerkleinert, dann lässt man sie faulen. Danach werden sie gewaschen und durch Stampfen (wasserradbetriebene Stampfwerke) zu einem Faserbrei verarbeitet. Dieser wird stark mit Wasser verdünnt und in eine grosse Wanne gegossen. Mit einem aus Draht geflochtenen Schöpfsieb schöpft man die Bogen. Die tropfnassen Bogen werden auf Filz gepresst. Im Anschluss wird das Papier zum Trocknen aufgehängt.
Um das Papier beschreiben zu können, muss die Oberfläche geleimt und nochmals gepresst werden. Der Leimauftrag verhindert, dass Tinte in das Papier eindringt. Durch einen weiteren Pressvorgang wird das Papier geglättet.


In der Basler Papiermühle befindet sich das Papiermuseum, wo heute wieder Papier hergestellt wird.

Papier ist eine chinesische Erfindung, die über die Araber nach Europa kommt. In Europa wird seit dem 12. Jahrhundert in Spanien, seit dem 13. Jahrhundert in Italien und seit dem 14. Jahrhundert in Frankreich (1340 Troyes) Papier produziert. In Deutschland und der Schweiz sind Papiermühlen seit dem späten 14. Jahrhundert nachzuweisen. Um 1450 gibt es in Deutschland ca. 10, um 1500 rund 60 Orte mit Papiermühlen.
In der Schweiz ist Basel die Hochburg der Papierproduktion. Das liegt wohl am Bedarf, den das Basler Konzil (1431-1448) an Beschreibstoff hatte. Ausserdem wird 1460 in Basel die Universität gegründet. Seit den 1460er Jahren gewinnt der Buchdruck an Bedeutung. Von 12 Wassermühlen am Kanal (St. Albantal) werden im Laufe des 15. Jahrhunderts 10 zu Papiermühlen umfunktioniert. Durch die Steigerung der Papierproduktion werden zeitweise Lumpen knapp, deshalb kommt es oft zu Lumpenausfuhrverboten.

Das Urbar von 1433 aus dem Kloster Einsiedeln ist auf Papier geschrieben.
Klosterarchiv Einsiedeln, A.RM.1.

Im Spätmittelalter löst Papier das Pergament als wichtigsten Beschreibstoff ab. Die Papierverwendung scheint der Papierproduktion vorauszugehen, so importiert man in der Schweiz im 14. Jahrhundert das Papier aus Frankreich.
Während im 14. Jahrhundert Pergament noch zu ca. 70% das Material für die Buchproduktion darstellt, sinkt dieser Wert im 15. Jahrhundert auf 30%. Papier ist vor allem billiger als Pergament. Deshalb kann die Buchproduktion enorm gesteigert werden. Das ermöglicht nun auch Laien, Bücher zu kaufen.
In Byzanz und Sizilien beschreibt man seit dem 11. Jahrhundert neben Pergament auch Papier. Im 13. Jahrhundert werden Akten der apostolischen Kammer, im 14. Jahrhundert päpstliche Urkunden zu Papier gebracht.
Auch im deutschsprachigen Gebiet ist die Verwendung von Papier zunächst auf das Verwaltungsschriftgut beschränkt (Urbare, Rechnungsbücher und Kopialbücher). Papierhandschriften mit wissenschaftlichen und literarischen Texten gibt es im deutschsprachigen Raum seit ca. 1330.

Handgeschöpftes Papier aus der Papiermühle Basel mit Wasserzeichen.

Wasserzeichen werden durch eine auf dem Schöpfsieb angebrachte Drahtzeichnung erzeugt. Wenn man das Blatt gegen das Licht hält, kann man das Wasserzeichen erkennen, das Aufschluss über die Papiermühle geben kann. Die Bestimmungen aufgrund des Wasserzeichens sind oft sehr schwierig und aufwendig. Wenn etwa in einer Handschriftenbeschreibung als Wasserzeichen «Ochsenkopf» angegeben wird, dann bringt das nicht sehr viel, denn von diesem Wasserzeichen kennt man mindestens 1364 verschiedene Varianten. Deshalb empfiehlt es sich, wenn man das Wasserzeichen identifizieren will, in den Verzeichnissen von Piccard und Briquet die entsprechende Nummer anzugeben.

Schreiber mit Wachstafel und Griffel. Ausschnitt aus einer Ambrosiushandschrift (12. Jahrhundert).
Staatsbibliothek Bamberg, Msc. Patr. 5, fol. 1r.

Wachstafeln, Holztafeln, Stein, Ton, Birkenrinden, Vierkantstäbe u.ä. spielen als Beschreibstoffe im Archiv eine untergeordnete Rolle.
Wachstafeln sind allerdings in der Antike und im Mittelalter weit verbreitet. Als Schreibgerät dient ein Griffel. Vor allem Konzepte und Rechnungen werden in Wachstafeln eingeritzt.
Werden zwei oder mehr Wachstafeln vereinigt und zusammengebunden, so spricht man von Diptychon, Triptychon oder Polyptychon.
Polyptychon ist auch der Begriff für die frühmittelalterlichen Inventare, Urbare oder Abgabenverzeichnisse.

Rote Tinte: Titelblatt des Buchs der Stifter und Guttäter des Klosters Einsiedeln (1588).
Klosterarchiv Einsiedeln, A.WD.11a.

Anleitungen und Rezepte zur Tintenherstellung finden sich bereits in spätantiken und frühmittelalterlichen Rezeptsammlungen.
In einer Handschriftenbeschreibung sollten Angaben über die verwendeten Farben enthalten sein. Die Texte sind zumeist in schwarzer oder brauner Tinte geschrieben, Auszeichnungen und Initialen werden sehr häufig rot ausgezeichnet (Rubrizierung.

Gotische Schreibstube.
Papiermuseum Basel.

Als Schreibgerät dient normalerweise eine Gänsefeder, die an der Kielspitze gespalten und zugeschnitten ist. Der Griffel wird benutzt, um Linien vorzuritzen. Seit dem 12. Jahrhundert verwendet man hierzu auch den Bleistift. Geschrieben wird auf einem schrägen Pult. Kreide, Bimsstein und Rasiermesser zum Radieren (Rasuren), eine Ahle, Bleistift und Lineal vervollständigen die Werkzeuge des Schreibers.
Schliesslich ist noch die Brille zu erwähnen, die etwa 1285 erfunden wird und das Lesen und Schreiben für viele erleichtert hat.