Namen – Namenforschung

Die Namenforschung (Onomastik) befasst sich mit der wissenschaftlichen Erforschung von Namen (vor allem Personen- und Ortsnamen, daneben auch Markennamen). Im Mittelpunkt stehen dabei die historische Entwicklung, die Bildung, die Deutung und die geographische Verbreitung von Namen.

Da Namen relativ altes Wortmaterial und alte Sprachzustände konservieren, bieten sie wichtige Einblicke in die Sprachgeschichte, die Sprachgeographie und die Sprachverwandtschaft einer Sprache.

Gegenüberstellung Appellativ - Eigenname:

Appellativ/Gattungsname
nomen appellativum:

Eigenname
nomen proprium:

bezeichnet eine Vielzahl gleichartiger Gegenstände bzw. Sachverhalte,
erfasst die Angehörigen einer Gattung
klassifiziert, charakterisiert

dient dazu, Einzelwesen oder Einzelobjekte innerhalb einer Vielzahl gleichartiger Wesen bzw. Objekte zu benennen
identifiziert, individualisiert

hat eine lexikalische Bedeutung
Bedeutungsfunktion z.B. Berg m. 'grössere Erhebung im Gelände'

hat keine lexikalische Bedeutung
Benennungsfunktion
z.B. Matterhorn, Etzel, Uetliberg

auch wenn ein gleichlautendes Appellativ vorliegt:
- Herr Schnyder ist kein Schneider
- in Widnau SG gibt es kaum noch Weidenbäume

kann übersetzt werden
Berg: montagne (frz.), mountain (engl.), dag (türk.)
wird normalerweise nicht übersetzt:
Kilchberg ≠ Churchmountain

Im Wortschatz nehmen Namen eine gesonderte Stellung ein. Sie gehören zwar zur Gruppe der Substantive und bezeichnen konkrete Objekte. Wenn es aber darum geht, den Bedeutungsinhalt zwischen Tier und Peter zu definieren, werden die Unterschiede klar:
(i) Appellative (Gattungsnamen) bezeichnen Lebewesen, Gegenstände oder Dinge einer Gattung, die eine bestimmte Anzahl von Charakteristika gemeinsam haben: zum Beispiel Tier «Lebewesen, das sich von organischen Stoffen ernährt und die Fähigkeit besitzt, sich zu bewegen und auf Reize zu reagieren». Mit Gattungsnamen ordnen wir Dinge und Personen einer Kategorie zu: Wir klassifizieren sie.
(ii) Eigennamen benennen ein Lebewesen, einen Gegenstand, der so nur einmal vorkommt. Auch wenn viele Peter heissen, so ist im konkreten Fall immer ein spezielles Individuum gemeint: Sie werden identifiziert bzw. individualisiert.
Ein wesentlicher Unterschied ergibt sich in der Bedeutung: Während Appellative über eine lexikalische Bedeutung verfügen, ist die ursprüngliche Bedeutung eines Namens hinter seine Benennungsfunktion zurückgetreten.

Eigennamen können in drei Grossgruppen eingeteilt werden: Ortsnamen, Personennamen und sonstige Namen. Zu den Ortsnamen gehören Siedlungsnamen, die bewohnte Orte benennen, Flurnamen, die unbewohnte Orte benennen, Gewässernamen für stehende und fliessende Gewässer sowie Raumnamen.
Da die Personen in unserem Raum zuerst einnamig waren, spricht man für die frühe Phase von Rufnamen statt von Vornamen. Erst nach der Entwicklung der Familiennamen ab dem 14. Jahrhundert macht eine Einteilung in Vor- und Nach- bzw. Familiennamen Sinn. Daneben gibt es noch eine Gruppe an inoffiziellen Namen, wie Haus- oder Kosenamen.
Zwischen den Orts- und Personennamen gibt es vielfach Berührungspunkte, z. B. können Namen von einem Gewässer auf die benachbarte Siedlung (Feldbach TG) übertragen werden.
Die dritte Gruppe der sonstigen Namen entspricht einer Restgruppe: Hier werden all jene Eigennamen zusammengefasst, die nicht zur Gruppe 1 oder 2 gehören.

Einteilung der Eigennamen:

1 Ortsnamen (im weiteren Sinn)

Ortsnamen (im engeren Sinn) / Siedlungsnamen (inklusive Häuser- und Burgennamen): Zürich, Dällikon, Affoltern, Schwandegg
Flurnamen: Egg, Ried(en), Matt, Rüti
Gewässernamen: Limmat, Rhein, Mühlebach, Bodensee
Raumnamen: Appenzell, Thurgau

2 Personennamen

Rufnamen (Vornamen): Gerlinde, Hermann, Philipp, Simon, Paul(us)
Familiennamen (Nach-, Zuname): Gärtner, Weiss, Wiener, Oberholzer, Peter
Übernamen, Kosenamen, Hausnamen (meist inoffiziell): Dicker, Engel, Nudler

3 sonstige Namen (Sachnamen)

Ereignisse: Bartholomäusnacht
meteorologische Erscheinungen: Lothar
Markennamen: Toblerone, adidas

Ausgangspunkt für die Benennung der frühen deutschsprachigen Ortsnamen sind nach allgemeiner Ansicht Personenbezeichnungen: ein germanischer, männlicher Rufname wird mit einem Ortsnamensuffix verbunden: Dällikon < personenname Tello + Suffix -ing + Suffix -hofen. Der Bestandteil -ing drückt die Zugehörigkeit zu einer Person aus, -hofen ist eine alte Dativ-Pluralform von Hof. Der Name bedeutet damit 'bei den Höfen der Leute des Tello'. Weitere Motive sind Geländebezeichnungen im weitesten Sinn (Höngg, Affoltern, Regensberg) und kulturelle Einrichtungen (Feldkirch, Neukirch).
Bei antiken Autoren werden vereinzelt deutsch-germanische Siedlungsnamen genannt, gehäuft treten sie dann in den Urkunden und urbariellen Aufzeichnungen ab der Mitte des 13. Jahrhunderts auf. Die Funktion der Siedlungsnamen ist hierbei in erster Linie, den Geschäftsvorgang geographisch zu verorten, damit für die Beteiligten Eindeutigkeit entsteht.

Ausschnitt aus der Transkription der Urkunde Lütolds von Regensberg vom 29. Mai 1285:

Allen, die disen brief ansehent alde hoerint lesen, künde ich Lütold der junge von Regensberg, das ich von dem gotshuse zi dien Einsidillen zi rechtem lêne han die vogtei der hoeven zi Tellinkonund zi Boppensol ubir lüte und ubir guot und Egelolf der meier von Affoltre und Heinrich sin bruodir und Ruodolf sin bruodir der da zi Hōengge sizit der meier [...]

Regensberg (Regensberg ZH): Zusammensetzung aus dem ersten Bestandteil des ON Regen-s-dorf und ahd. berg 'Berg, der zu Regensdorf gehört'; Regen zum ahd. Personennamen Ragan/Regin mit Genitivendung -s.
Einsidillen (Einsiedeln SZ): Asterisk (=*) ze den Einsidelen'bei den Einsiedlern'.
Tellinkon (Dällikon ZH): zum ahd. Personennamen Tello und -ing+ -hofen 'bei den Höfen der Leute des Tello'.
Boppensol (Boppelsen ZH): zum ahd. Personennamen Boppo/Poppo und ahd. sol (Suhle, Lache, Sumpf) 'Sumpflache des Poppo'.
Affoltre (Affoltern ZH): zu ahd. affoltra, affaltar (Apfelbaum) 'bei den Apfelbäumen'.
Hōengge (Höngg ZH): zu ahd. h_h (hoch) und -inga > h_hinga 'Höhensiedlung'.

Ausschnitt aus dem Urbar von St. Gerold aus dem Jahr 1666 (Klosterarchiv Einsiedeln, F.WD.1, S. 363):

Jacob von Plon, seine erben Zinsen
jährlich - 2- Wertkäß ab 4 1/2 khüe-
hew landt, beÿ der dannen genandt. stosst
aufwert an bartli weltiß seel. erben, die
inner lewe genandt
, innwert an Waldt,
außwert an hannß von blonen, der inner
Anhorn
genandt. Abwert an Joß von
blonen Erben, auff danleti genandt.

Im betreffenden Abschnitt werden der Zinser Jacob von Plon, die vom Zins betroffenen sowie die anstossenden Grundstücke genannt; die modernen Flurnamenformen im Grossen Walsertal (Vorarlberg/A) sind: Tanna, die Leu, der inner Ahora, das Tannetli

Flurnamen benennen jene Örtlichkeiten, die nicht besiedelt, sondern landwirtschaftlich genutztes bzw. unbebautes Land sind. Heute entstehen viele neue Siedlungsräume um bereits bestehende Siedlungen und Flurnamen werden zu Siedlungsnamen. Manchmal werden Siedlungen auch aufgegeben, dann spricht man von einer Wüstung.
In Urkunden werden Flurnamen meistens in Zusammenhang mit Abgaben bzw. Kauf oder Verkauf eines Grundstückes genannt. Der Aufbau in den Schriftstücken ist formelhaft: Das betreffende Grundstück samt Inhaber wird genannt. Um die Flur geographisch einordnen zu können, erfolgt meistens die Aufzählung der anstossenden Grundstücke.
Je nach Region, Siedlungsstruktur und Kulturraum finden sich häufig wiederkehrende Benennungsmotive in Flurnamen: Garten für Land, das unmittelbar beim Hof liegt, Rüti für gerodetes Land, Ried für sumpfiges Gebiet. Als #Grundwort# weisen Anwand, Feld, Acker auf Landwirtschaft hin, die Bestimmungswörter Bohne, Erbse, Hanf, Rübe, Knoblauch, Korn, Flachs auf den Anbau von Kulturpflanzen.

Stich der Schwandegg von David Herrliberger (1754-1773):
«Als Egg bezeichnet man eine vorspringende Anhöhe oder einen langgestreckten Hügelrücken, wie das für jene Erhebung gilt, auf der die Burg Schwandegg ZH, "Egg, auf der der Wald durch Schwenden gerodet wurde", steht.» (Heinrich Boxler)

Während bei der Benennung von Ortsnamen auf Geländebezeichnungen, Personen sowie kulturelle Einrichtungen zurückgegriffen wird, zeigt die Burgennamengebung teilweise andere Motive: Die Namen spiegeln ein gewisses Selbstbewusstsein des Adels wider. Burgennamen dienen als Zierde und sollen prunkhaft sein. Wortmaterial, das in Burgennamen vorkommt, soll Schönheit, Widerstand oder Kraft ausdrücken.
Typologisch gesehen werden am häufigsten die Grundwörter -burg, -berg, -stein, -fels und -werd verbunden. Diese Typen beziehen sich auf die erhöhte Lage der Burg, häufig an einem Geländevorsprung und entsprechen «dem Repräsentations- und Sicherheitsbedürfnis der Burgenbauer» (Heinrich Boxler).
Die Bestimmungswörter können sich auf die Örtlichkeit beziehen wie Haldenstein zu Halde 'Abhang', daneben kommen aber auch Standesbewusstsein (Herrenberg SG: Burg des Herren), Ritterideale (Freudenfels TG: Burg des Frohsinns) und Prunknamen (Glanzenberg ZH zu mhd. glanz'hell, glänzend') vor.

In den Siedlungsnamen erhalten sich Spuren älterer Benennungen durch frühere Sprachgemeinschaften. Für die deutschsprachige Schweiz unterscheidet man grob drei Schichten von Siedlungsnamen:
(i) vorrömisch: keltisch (Zürich, Winterthur), schwer zu fassen ist eine rätische Schicht,
(ii) römisch (Pfyn), romanisch (Mustér) und
(iii) germanisch - deutsch/alemannisch (Tellikon, Affoltern).
Innerhalb der germanisch-deutschen Siedlungsnamen lassen sich wiederum zeitliche Gruppen bestimmen: Zur ersten Ausbaustufe der germanisch-alemannischen Besiedlung gehören die -ingen und -heim-Namen, gefolgt von den -inghofen (> -ikon), -hofen, -h(a)usen und -w(e)iler-Namen. Einen Namentyp der Ausbauphase ab dem Hochmittelalter bilden die häufigen Rodungsnamen mit dem Element Rüti, das ganz allgemein Rodung bzw. urbar gemachtes Land benennt. In diese Zeit fallen auch die Burgennamengebung sowie die Zunahme von Flurnamen. «Doch kann man die Ortsnamentypen im Allgemeinen nicht ausschließlich einer bestimmten Zeitperiode zuordnen. Das Appellativ Weilerbleibt in seiner Bedeutung 'kleinere Hofsiedlung' bis in die Neuzeit hinein produktiv.» (Werner König)

Veränderungen und Neubildungen im Namenmaterial anhand ausgewählter Beispiele:

1. Kontinuität bei Namen durch Übernahme bzw. Adaptation:
keltisch * (Asterisk) Turīcon > römisch Turīcum > romanisch Turitg - germanisch - deutsch Zürich

2. Neue Namengebung:
Jede Siedlerschicht bringt neue Namenelemente mit, z.B. Namensuffixe:
keltisch ON-Suffix -durōn > Winterthur
römisch. castellum > Tiefencastel
romanisch. Suffix -īna > Tschappina
germ. Suffix -ing(en) > Ermatingen

3. Namen sterben aus oder Orte werden umbenannt:
vordt. Tenedo (Etymologie unklar, heute Zurzach)
römisch Aquae Helveticae 'die helvetischen Bäder' (heute Baden)
romanisch Guscha (ehemalige Walsersiedlung in GR, heute unbewohnt)
germanisch - deutsch Zutereswilare (heute Wüstung im TG)

Bis ins 15. Jahrhundert sind grosse Teile der Bevölkerung einnamig, d.h. dass die Menschen nur über einen Rufnamen verfügen. Die frühen germanischen Rufnamen sind zweigliedrig (Ger+linde, Her+mann); die zwei Glieder sind bis ins 4. Jahrhundert sinnvoll aufeinander bezogen, danach aber rein mechanisch kombiniert. Ab dem 12. Jahrhundert werden fremdsprachige Namen, v. a. aus dem Neuen Testament häufiger: Philipp, Simon, Paul(us), Matthäus usw.
Ausgehend von städtischen und adeligen Bevölkerungsschichten treten ab dem 13. Jahrhundert zu den Rufnamen Beinamen auf. Diese Beinamen sind aber lediglich okkasionelle Zusätze, die nicht an folgende Generationen weitervererbt werden. Sie beziehen sich also nur auf einen Träger und verschwinden mit dessen Tod. Ziel in Schriftstücken ist es, Personen v. a. in einem juristischen oder wirtschaftlichen Rahmen (Steuern, Erbrecht, Handelsbeziehungen) eindeutiger zu identifizieren. Ab dem 15. Jahrhundert wird Zweinamigkeit üblich, allerdings ist Namenwechsel bei einer Person bzw. zwischen den Generationen verbreitet. Beinamen, woraus später die Familiennamen entstehen, lassen sich semantisch in folgende Gruppen einteilen:
1. Berufsnamen (Meier)
2. Übernamen (Jung, Bruder)
3. Herkunftsnamen (Regensberg)
4. Wohnstättennamen (Regensberg)
5. Vaternamen (Heinrich). Da meistens Männer urkunden, sind v. a. männliche Personennamen überliefert.

Ausschnitt aus der Transkription der Urkunde Lütolds von Regensberg vom 29. Mai 1285:

Allen, die disen brief ansehent alde hoerint lesen, künde ich Lütoldder junge
von Regensberg
, das ich von dem gotshuse zi dien Einsidillen zi rechtem lêne han
die vogtei der hoeven zi Tellinkon und zi Boppensol ubir lüte und ubir guot
und Egelolf der meier von Affoltre und Heinrich sin bruodir und Ruodolf
sin bruodir der da zi Hoengge sizit der meier [...]

Männliche Rufnamen: zweigliedrige germanische Namenbildung:
Lütold: liut 'Menschen, Volk' + waltan (zu -old abgeschwächt) 'herrschen, regieren'
Egelolf: agil, egil 'Schärfe, Ecke' + wolf 'Wolf' (zu -olfabgeschwächt)
Hein-rich: heim 'Heim, Heimat' + rîchi 'Herrschaft, Herrscher'
Ruodolf: hruod 'Ruhm' + wolf 'Wolf'

Okkasionelle Zusätze bzw. Beinamen:
der junge: Übername, kann sich zum FamN Jung entwickeln
von Regensberg: Wohn- oder Herkunftsname, in diesen Gruppen gibt es häufig Berührungspunkte
der meier: Berufsbezeichnung, FamN Meier, Meyer, Maier etc.
sin bruodir: Übername, kann sich zum FamN Bruderentwickeln

An Namen wie Erlenbach oder Pfannenstiel wird deutlich, dass sich das Namenmaterial aus den Gattungsnamen schöpft, d.h. dass Namen auf Appellative zurückgeführt werden können: Erle, Bach, Pfanne und Stiel. Bei Namen wie Lööli oder Kilchberg sind die Benennungsmotive jedoch nicht mehr uneingeschränkt klar. Bei der Erstellung einer Etymologie müssen verschiedene sprachliche Ebenen betrachtet werden, damit von Lööli auf Loo 'lichtes Gehölz' und von Kilche auf Kirche geschlossen werden kann. Dies geschieht unter Heranziehung von Hilfsmitteln (Wörterbüchern) bzw. durch Vergleich.
i) morphologische Ebene: Analyse des Namens als Simplex Loo, Kompositum Loo-müli oder Ableitung Löö-li
ii) phonologische Ebene: Einbezug der lautlich-dialektalen Verhältnisse wie Wandel r > l in Kirche - Kilche
iii) lexikalische Ebene mit der Frage nach dem Benennungsmotiv: Bezug zu einem Appellativ und zur Benennungsgrundlage in der Realität herstellen. Je älter ein Name, desto schwieriger kann die Anknüpfung an ein Appellativ werden. Einerseits kennen ältere Sprachstufen andere Appellative; andererseits können auch Appellative aus anderen Sprachen in einem Namen konserviert sein.
iv) semantische Ebene: Was ist die Bedeutung eines Namens gewesen?

Beispiel einer Deutung: Staaruus, Flurname in Engwang im Thurgau:

Grundsätzliches zur Sprachschichtung im Thurgau:
mehrheitlich germanisch-deutsches (alemannisches) Sprachmaterial, nur vereinzelt vordeutsche Namen.

Morphologische Analyse:
Staa-ruusKompositum: Bestimmungswort und Grundwort.

Phonologisch-dialektale Analyse:
Staa: Monophthong aa geht auf mhd. ei zurück.
Ruus: Monophthong u geht entweder auf mhd. û oder auf eine Konsonantenverbindung -un- zurück, bei der der Nasal nschwindet und der Vokal u gedehnt wird.

Lexikalische-semantische Analyse, Rückschluss auf Appellativ und Namenmotiv:
Appellativ Stei(n): 'Stein, Fels', dialektal mit Nasalschwund.
Appellativ Runs, Ruus: 'Wassergraben, Wasserlauf, Rinnsal', dialektal ebenfalls mit Nasalschwund.
Benennungsmotiv: durch die Appellative ist der Name ursprünglich - beim Akt der Namengebung - motiviert und hat eine Bedeutung: 'steiniges Rinnsal eines Bachs oder Wildwassers'.

Die semantische Analyse steht am Schluss der Deutung, wenn die lexikalischen Bestandteile identifiziert worden sind. Die Deutung liegt allerdings nicht immer so eindeutig auf der Hand wie bei Kilchberg: Das Grundwort Berg benennt die naturräumliche Gegebenheit, durch das Bestimmungswort Kilche wird der Berg genauer charakterisiert. Die Bedeutung kann übersetzt werden als: Berg, auf dem eine Kirche steht.
Pfannenstiel ist zwar ebenfalls appellativisch durchsichtig als Stiel einer Pfanne, aber wie hängt dieses Kochgerät mit einer Örtlichkeit zusammen? Was bedeuten Namen mit einem Bestandteil Backe, Arsch, Kopf oder Namen wie Niagara und Tüfelschuchi? In diesen Fällen wird die Umgebung nicht benannt, wie sie vorliegt, sondern es findet eine Bedeutungsübertragung statt. Diese kann auf der Form (Pfannenstiel; Chuchi = Vertiefung, Talkessel) bzw. einer Eigenschaft (Tüfel = unwirtliche, unwegsame, wüste Gegenden und Wegstrecken) oder auf der Übertragung von menschlichen Körperteilen basieren.
Einen Spezialfall bildet Niagara: Hier wird ein bereits bestehender Name auf einen anderen Ort übertragen. Namen können also auch aus anderen Namen gebildet werden.

Semantische Analyse:

Form

wörtliche Bedeutung:

Simplex

Loch: Geländevertiefung

Ableitung: Stamm plus Ableitungssilbe, Modifikation der Bedeutung

Lööli (Loo + -li): kleines lichtes Gehölz, kleiner Buschwald

Kompositum: Bestimmungswort + Grundwort

Schafwiese: Wiese, die als Schafweide dient

Form

übertragene Bedeutung:
Simplex

Arsch: Acker von der Form eines Gesässes
Niagara: Gewässer oder eine Stelle mit starker Strömung

Ableitung

Chöpfli zum Appellativ Kopf: rundliche (kleine) Bodenerhebung

Kompositum Backenägerte: Brachland in der Form von (Hinter)Backen (Ägerte = Brachland, unfruchtbares Land)
Tüfelschuchi: tief eingeschnittenes, abgelegenes und schwer zugängliches Waldtobel
In Wappen werden häufig volksetymologische Motive verarbeitet:
Die Wappen von Unterentfelden (links) und Oberentfelden (rechts) zeigen Enten, eine volksetymologische Umdeutung des zugrundeliegenden ahd. enti 'Ende, Grenze, Rand' für ein Feld bei einer natürlichen Begrenzung.
Ein Hinweis abseits der Volksetymologie: Das 1947 kreierte Wappen von Unterentfelden ist streng heraldisch gesehen nicht korrekt, weil es eine braune Stockente enthält. Die sehr begrenzte Palette der Wappenfarben umfasst: Rot, Blau, Grün, Schwarz und Purpur sowie die zwei Metalle Gold (=Gelb) und Silber (=Weiss).

Teilweise werden deutsche und vordeutsche Namen über Jahrhunderte hinweg mündlich und in Urkunden tradiert. Da sich Sprache in einem solchen Zeitraum wandelt und Namen Teil der Sprache sind, verändern sich auch Namen. Durch Lautwandel, Verlust von Appellativen oder neue Schreibgewohnheiten können sie verdunkelt werden. An einem solchen Punkt kann Volksetymologie einsetzen: Eine bedeutungsleere, unverstandene Form wird neu motiviert und mit Bedeutung gefüllt. In einem solchen Prozess werden Namen in Lautung, Schreibung oder Morphologie durch assoziative Verknüpfung an ähnliche Appellative angeschlossen.
Blickensdorf in Zug wird volksetymologisch als Satzname 'Blick ins Dorf' gedeutet; aus sprachhistorischer Sicht kann diese Erklärung nicht stimmen. Die ursprüngliche Bedeutung von blicken ist aufleuchten, erst viel später übertragen auf den Blick des Auges. Aufgrund der Belege (um 1150 ad Plikenstorf, 1185 Plichistorh, 1279 Blichensdorf) lässt sich Blickens- als Genitiv des ahd. Personennamens Bliggîndeuten. Somit bedeutet der Name 'Dorf des Bliggîn' (Beat Dittli).