Kopialbücher und Kartulare

Kopiare (auch Kopialbuch, Chartular oder Kartular genannt) sind Sammlungen von Schriftstücken, meist in Buch-, seltener in Heftform. Meist sind Dokumente eines einzelnen Empfängers beziehungsweise einer Institution, beispielsweise eines Klosters, zusammengefasst. 

Hierbei können unterschiedliche Ordnungssysteme zum Zug kommen: chronologische, geographische oder inhaltliche. In vielen Fällen enthalten Kopialbücher hauptsächlich Urkundenabschriften, sie können aber mit anderen Quellengattungen wie Chronikelementen durchsetzt sein, was Hinweise auf den jeweiligen Verwendungszweck des Buches liefert. Die formale Gestaltung der Bücher variiert, zudem bilden sich je nach Herstellungszeit unterschiedliche Charakteristika aus.

Typologisch können Kopiare auch zu den Wirtschafts- und Verwaltungsquellen gezählt werden. Die Verzeichnung und Systematisierung von Abgaben ist allerdings meist nicht das primäre Ziel, was sie tendenziell vom Urbar unterscheidet. Dennoch bestehen auch Parallelen, so können beispielsweise Urbare und Kartulare als Rechtsquellen fungieren. Die Herstellung von Kopialbüchern kommt just zu einem Zeitpunkt auf, an dem sich verschiedene neue Verwaltungstechniken entwickeln.

Welche konkreten Administrationsaufgaben mit einem Kopialbuch erfüllt werden können, ist deshalb von Fall zu Fall unterschiedlich. Zu beachten ist, dass Kartulare weit mehr als nur Nachschlagewerke sind, denn die Kopisten ordneten und kompilierten die Bücher mit einer bestimmten Intention, die es zu ergründen gilt. Die Analyse von gebundenen Kartularen (Codex) bedient sich der Methoden der Kodikologie.

Das Königsfelder Kopialbuch II enthält auf der ersten Seite einen Inhaltsbeschrieb, allerdings wurde er nachträglich angebracht. Die Zeilen verkünden, dass darin «Abschriften der Bullen so in gemeinwisent» und zu den «fryheiten des Ordens» zu finden sind.
StAAG AA 429.

Die Begriffe Kopialbuch, Kartular und Kopiar werden meist als Synonyme verwendet. Gelegentlich findet sich auch die Schreibweise Chartular, die auf carta verweist - eine Bezeichnung für Urkunden. Kopialbücher enthalten in der Regel die Urkunden eines bestimmten Empfängers. Oftmals finden sich in den Büchern auch andere Elemente, wie beispielsweise Auszüge von Chroniken und andere Textgattungen. Deren Herkunft und Funktion sind genau zu klären.

Eng verwandt mit Kartularen sind Traditionsbücher, welche Schenkungen enthalten. Daraus leitet sich auch ein möglicher Zweck von Kopiaren ab: Die Erinnerung an ihren Inhaber, bzw. Ersteller. Oder in den Worten von Patrick Geary: Solche Bücher produzieren immer die «Skizze einer Geschichte». Kopialbücher sind nicht selten Teil einer «Serie», das heisst: Auf ein Kartular folgen oft weitere, in welchen der Sammelfokus gleich bleibt oder ändert. Solche Serieneffektegilt es bei der Beurteilung eines Codex ebenfalls einzubeziehen.

Was stellt der Schreiber her? Kopien oder «neue Originale»? Im Bild Jean Miélot, im 15. Jh. Übersetzer im Dienste Philipps des Guten von Burgund.

Bild: Unbekannter Miniaturist, Brussels Royal Library, MS 9278, fol. 10r.

In der Beschreibung und Analyse von Kartularen stellt sich schnell die Frage nach der Beurteilung von «Kopie» und «Original». Die strikte Unterscheidung dieser beiden Kategorien hat in der traditionellen Diplomatik einen hohen Stellenwert. Die neuere Forschung betont jedoch den fliessenden Übergang vom Original zur Kopie und umgekehrt: Wenn Dokumente abgeschrieben und vervielfältigt werden, so entsteht nicht einfach nur eine Kopie eines Ursprungsdokumentes, es formiert sich auch ein neues «Original» mit eigenständigen Funktionsmechanismen. Augenscheinlich wird dies beispielsweise in der Symbolik des Buches: Die Pergamentseiten mit den kopierten «Originalen» bilden ein neues Objekt. Wird im Kopialbuch eines Klosters beispielsweise die Stiftungsurkunde eingeschrieben und aufwändig verziert und anschliessend weitere Urkunden aus der Entstehungszeit des Klosters um diese Abschrift herum gruppiert, so ist klar, dass es es nicht einfach nur um die technische Kopie eines Dokumentes geht. Durch die Dokumentation wird die Geschichte der jeweiligen Institution hergestellt.

Brigitte-Bedos Rezak schlägt vor, dass man weniger zwischen Kopie und Original zu unterscheiden versucht, sondern eine oder mehrere Abschriften eines Dokumentes als neue/s Orignal/e ansieht. Die Tatsache, dass innerhalb von Urkundentexten oft zahlreiche Informationen zur Gestaltung des Dokumentes gemacht werden - beispielsweise über die Platzierung und Befestigung der Siegel - wertet sie als Hinweis dafür, dass Abschriften zunehmend als Stellvertreter für die Originale eingesetzt werden können. Wobei der reproduzierte Text selbstverständlich eine Wirkung entfaltet, die nicht mit derjenigen des Vorgängers identisch ist. Der Akt der Reproduktion erhält deshalb eine zentrale Bedeutung und muss für sich interpretiert werden.

Im Kloster St. Peter in Salzburg, wurden Ende des 8. Jahrhunderts neuartige Quellendossiers angelegt: Die Notitia Arnonis und die Breves Noticie funktionierten als eine Art Liegenschaftsverzeichnis.

Foto: Wikipedia, User Snotty.

Die Technik zum Anlegen von Kopiaren entstand im 9. Jahrhundert. Vermutlich entstanden die Dokumentsammlungen aus loseren Bündeln von Schriftstücken, die unter anderem dem Besitznachweis dienten. Die Notitia Arnonis und die Breves Noticie, die in der Administration des Bischofs Arn von Salzburg gegen Ende des 8. Jahrhunderts entstanden, werden zu den ersten Dokumenten gezählt, die als eine Art «Liegenschaftsregister» funktionieren.

Es waren anschliessend vor allem kirchliche Institutionen, die Kopiare herstellen liessen. In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich die Technik aber auch an weltlichen Höfen und über die Sprachgrenzen hinweg. In Nordfrankreich etablierte sich beispielsweise im 12. Und 13. Jahrhundert eine ausgeprägte Schrift- und Verwaltungskultur, die zahlreiche Kartulare hervorbrachte. Das Kopialbuch nahm als neues «Schrift-Instrument» Region für Region für sich ein: Wobei der gegenseitige Kontakt unter den Herrschaftshäusern die Verbreitung begünstigt haben dürfte. Erstellte eine erste Institution ein Kopialbuch, so folgten ihr kurz darauf weitere, die mit ihr in Verbindung standen.

Oftmals bestand für die Herstellung eines Kartulars ein konkreter Anlass, wie etwa lokale und regionale Krisen und Auseinandersetzungen oder strukturell-institutioneller Wandel. Ein möglicher Auslöser für die Niederschrift eines Kartulars ist beispielsweise die Gütersicherung bei einer Erbschaft. Bis zu einem gewissen Grad entsprach der Besitz eines solchen Dokumentes aber auch dem «Zeitgeist».

Lange wurden Kopialbücher hauptsächlich gelesen, um klassische Urkundensammlungen zu vervollständigen.

Lange Zeit wurden Kopialbücher vor allem konsultiert, um Urkundensammlungen und Editionen zu komplettieren, wobei die Bücher nur selten als eingeständige Quellen mit spezifischen Entstehungsmechanismen untersucht wurden. Spätestens seit den 1990er-Jahren sind aber ausführliche Analysen zu Kartularen häufiger geworden, wobei die Codices einer umfassenden Quellenkritik (Kodikologie) unterzogen werden. Wesentlich hierzu beigetragen hat eine Erweiterung der Forschungsperspektive: Verwaltungsschriftgut wurde zunehmend als Informationsquelle für die politischen Handlungsstrategien seiner Besitzer untersucht. So können Kartulare beispielsweise in politisch-juristischen Auseinandersetzungen verwendet worden sein und Informationen darüber liefern, wie eine Institution ihren territorialen Besitz ordnete.

Kopialbücher liefern oft auch entscheidende Informationen zur Selbstdarstellung ihrer Besitzer und Hersteller, denn sie wurden oft angelegt, um an eine Person oder ein Ereignis zu erinnern. Kartulare sind somit nicht nur Sammlungen zum «Abbilden» eines Urkundenbestandes, sie sind auch Spiegelbild von herrschaftlichen Strategien.

Eine hervorgehobene Initiale im «2. Königsfelder Kopialbuch»
StAAG AA 429, fol. 17r.

Die formale Gestaltung von Kartularen kann Informationen über deren Verwendungszweck liefern und auch den Herstellungsprozess aufzeigen. Ein üppig geschmücktes Buch mit farbigen Initialen und Rubriken könnte zu Präsentationszwecken hergestellt worden sein. In einer Beschreibung der Quellenmerkmale dürfen deshalb Schriftfarben und Initiale nicht fehlen. Gelegentlich können anhand der Initiale auch Kapitelgliederungen unterschieden werden.

Um Hinweise auf den Herstellungsprozess zu erhalten, muss versucht werden, verschiedene Schriftstile und allenfalls Schreiberhände zu unterscheiden, um diese anschliessend unterschiedlichen Herstellungsetappen zuzuordnen. Zu berücksichtigen sind dabei auch Leerräume im Buch, diese sind oftmals für Ergänzungen eingeplant worden. Gelegentlich lassen sich so auch einzelne Seitenbündel unterscheiden, die zuvor als Lagen, Dossiers oder Hefte (cahiers) bestanden haben. Aufschluss hierüber kann eine Lagenzählung (Lage) geben. Viele Kopialbücher wurden mehrfach neu gebunden, nicht selten in der Neuzeit. Von besonderer Bedeutung sind nachträgliche Notizen, die auf die Nutzung des Codex verweisen. Merkmale wie die Spaltengliederung und die Dimensionierung des Schriftkörpers helfen ebenfalls bei der Beurteilung der Quelle: Der Wechsel von einer auf zwei Spalten kann ein Hinweis für unterschiedliche Herstellungsetappen sein.

Einzelne Kopialbücher beinhalten Illuminationen und Illustrationen, die in der Analyse zu würdigen sind. Für das bekannte Liber feudorum maior erklärt Adam Kosto beispielsweise, dass die Abbildungen, die Bezug auf die ins Kartular kopierten Dokumente nehmen, eine siegelähnliche Funktion einnehmen, weil sie die «Autorität eines Bildes» mit der «Autorität des Textes» kombinieren.



Verschiedene Schriftstile und Ergänzungen aus dem ersten Königsfelder Kopialbuch. Der Eintrag mit der dunkelschwarzen Tinte stammt aus dem 14.oder 15. Jh. Die dunkelrote Notiz am Rand des zweiten Auszugs stammt gar aus dem 16 Jh.

StAAG AA 429, fol. 82v und 123v.

Eine kodikologische Untersuchung kann modellhaft in drei Schritte aufgeteilt werden: Die Datierung des Objekts (1) erfolgt mit einem Abgleich der Schrifttypen und Urkundendatierungen: Sind in einem bestimmten Schriftstil beispielsweise nur Einträge bis 1295 vorhanden und in einem weiteren dann Urkunden bis 1307, so ist es plausibel, zwei Herstellungsetappen anzunehmen, die in den entsprechenden Jahren beendet wurden. Zudem gilt es die Augen für spätere Ergänzungen bei den Rubrizierungen oder ähnlichen «Notizen» offen zu halten. Sie können verraten, wofür das Buch hervorgeholt wurde. Als Hinweis für die Unterscheidung von Erstellungsetappen kann - wie bereits erwähnt - auch das «Seitenlayout» dienen. Verändert sich beispielsweise die Spaltenzahl, so deutet dies auf einen neuen «Produktionsabschnitt» hin.

Sobald klar ist, wann das Buch hergestellt wurde, sollte die Überlieferungsgeschichte geklärt werden, da sie oft Informationen über Funktion und Verwendung des Objekts liefern kann.

Bücher als Utensilien in Rechtsstreitigkeiten: Schriftstücke können zur Vorbereitung und Dokumentation in juristischen Auseinandersetzungen gedient haben. Im Bild eine Sitzung des «Parlement de Paris» im 15. Jahrhundert. Gegründet worden war das Tribunal bereits im 13. Jahrhundert.

Bild: Miniatur von Jean Fouquet, Le Lit de Justice de Vendôme, in: Boccaccio, Des cas des nobles hommes et femmes.
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cod. Gall. 6, fol. 2v.

Um die Funktionalität eines Codex zu erfassen ist insbesondere dessen Gliederung (2) zu analysieren. Hierbei muss zuallererst beachtet werden, ob ein Kartular hauptsächlich «eingehenden» oder «ausgehenden» Schriftverkehr enthält. Insgesamt dominierten in den meisten Kopialbüchern Urkunden, die den Inhaber des Codex als Empfänger haben. Schemenhaft werden drei Gliederungsvarianten unterschieden: Kopialbücher mit chronologischer Aufteilung, Kopialbücher mit einer geographischen Struktur und Kopialbücher mit «hierarchischer» Gliederung - wobei die Urkunden nach der gesellschaftlichen Stellung ihrer Aussteller geordnet werden. Die Typologie des Kartulars kann wiederum Hinweise auf dessen Erstellungszeitraum geben, die geographische Ordnung verbreitete sich beispielsweise im Verlaufe des 13. Jahrhunderts.

Durch einen Zusammenzug der Informationen aus den ersten beiden Analyseschritten kann versucht werden, die Verwendung und Herstellungsmotivation des Objekts zu ermitteln (3). Hierbei ist die gesamte historische Situation zu beachten. Wenn in Quellen oder Literatur beispielsweise Konflikte beschrieben werden, die sich in auch im Kopialbuch widerspiegeln, und das Erstellungsjahr einen solchen Zusammenhang plausibel erscheinen lässt, so lohnt es sich, diesen zu vertiefen.

Oft nehmen Untersuchungen zu Kopialbüchern auch einen Vergleich mit Originaldokumenten vor. Denn gelegentlich wird in Kartularen die Reorganisation des jeweiligen Archivs sichtbar. Bei solchen Vergleichen sind zudem folgende Fragen von Bedeutung: Welche Urkunden wurden ins Kartular übernommen und welche nicht? Und: Sind an den übertragenen Urkunden Veränderungen vorgenommen worden? Differenzen zwischen Originalen und Kopien bergen immer einen Interpretationsspielraum.


Ein König und sein Schreiber bei der Arbeit: Alfons I. im Gespräch mit Ramon de Caldes. Das Liber feudorum maior, das letzterer erstellt hat, und aus dem das Bild stammt, ist ein Beispiel für ein besonders eindrücklich illustriertes Kartular. Adam Kosto weist daraufhin, dass sich im Mittelpunkt dieses Bildes ein Schriftstück befindet und nicht eine Person. (Kosto, Liber Feudorum, S. 20)

Bild: Ramòn de Caldes, Liber feudorum maior.
ES 08019 ACA / 1.1.1.1.8, fol. 1r.

Für Kopialbücher gilt, was für alle mittelalterlichen Schriftstücke gilt: Ihre Funktionalität und Materialität lässt sich nur im Zusammenhang mit der obrigkeitlichen Herrschaftsvermittlung beschreiben. In ihrer Nutzung und Präsentation sind mittelalterliche Dokumente Teil eines vielschichtigen Schrifthandelns, dies zeigt sich beispielsweise wenn eine Urkunde in einer Verhandlung herumgezeigt wird. Kartulare nehmen in diesem Zusammenhang eine interessante Doppelfunktion ein: Einerseits stellen sie als technische Neuerung in der Verwaltung eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur «pragmatischen Schriftlichkeit» dar, wie es Hagen Keller beschrieben hat. Gleichzeitig behalten sie aber auch Charakteristika des liturgischen Schriftgutes: Bücher können im Hochmittelalter immer auch Elemente einer «biblischen» Symbolik aufweisen. Dieses Spannungsfeld ist auf Ad fontes unter «Lebensfunktion der Schrift» und «Schrift als Objekt und Symbol» umrissen.

Betrachtet man Kopialbücher als Verwaltungsquellen, so ist nicht zuletzt von Interesse, ob sie eine Archivreorganisation abbilden, wie dies im vorhergehenden Kapitel angetönt wurde. Kartulare können so Informationen zum «keeping» von Urkunden liefern.

Besonders wertvoll sind Hinweise auf eine konkrete Verwendung von Kopialbüchern, beispielsweise eine Erwähnung in Gerichtsakten. Denn solche sind bis heute eine Seltenheit.

Offensichtlich können Kartulare als Indikator von Herrschaftsbeziehungen ausgewertet werden. So zeigen beispielsweise Kopialbücher von Klöstern oftmals die Patronage-verhältnisse auf, in denen die Gotteshäuser stehen.

Eine der neuen Quellengattungen, die neben dem Kopialbuch ihre Verbreitung findet: Auszug aus dem Königsfelder Zinsbuch (15 Jh.)
StAAG AA 464, fol. 2v - 3r.

Nachdem die Technik zum Anlegen von Kopialbüchern im 13. Jahrhundert ihre grosse Breitenwirkung entfaltet hat und in die unterschiedlichen Stufen der adligen Herrschaft vorgedrungen ist, beginnt sie sich in der Folge stärker zu differenzieren. Die Konzepte in der Gestaltung von Verwaltungsdokumenten werden unterschiedlicher, wobei zunehmend auch die ökonomisch-verwalterische Komponente zu beachten ist. Die verschiedenen Dokumentgattungen dürften den Herrschaftsträgern immer öfter auch dazu gedient haben, Auskünfte über Besitz und Einkommen zu liefern. Hierbei wird die «Verwandtschaft» des Kopialbuches mit den anderen Verwaltungsquellen sichtbar.

Mit dem Aufkommen von separaten Rechnungsbüchernund frühen Buchhaltungsquellen sind möglicherweise ökonomische Funktionsweisen des Kopialbuches weiterentwickelt worden. Der Quellentyp des Kopiars bleibt aber noch lange bestehen, selbst zu Beginn der frühen Neuzeit werden noch solche Bücher hergestellt, was ein Hinweis dafür ist, welch vielfältige Funktionen die Dokumentgattung übernehmen kann.

«Wie unnser gotshus Küngsvelden begabet ist worden mitt dem kilchen satz zuo Brugg von Herzog Ruodolfen Ertzhertzogen zuo Österih etc.»
Das 2. Königsfelder Kopialbuch – Herrschafts-, Verwaltungs- oder Traditionsbildungsinstrument?
StAAG AA 429, fol. 1r.

Ein Veränderung der Forschungsperspektive vor rund 20 Jahren hat aus dem Kartular, das lange nur als unspektakuläre Dokumentgattung und «Urkundenlieferant» angesehen wurde, einen vielfältigen Quellentyp gemacht. Untersucht man Kopialbücher als Objekte mit eigenständigen Gestaltungs- und Verwendungsmerkmalen, so wird aus ihnen ein herrschaftliches Dokument, Adam Kosto spricht von einer «expression of power», die politische Handlungsstränge aufzeigt.

Für die Interpretation eines Kopialbuches als Herrschaftsinstrument muss das Zusammenspiel von formalen Merkmalen (Gestaltung, Illustration, Schmuck, Gliederung, etc.) und dem Inhalt und dessen Strukturierung entschlüsselt werden. Kopialbücher nehmen auch innerhalb der Verwaltungsgeschichte eine interessante Position ein, denn sie verbinden Administrationsaufgaben mit Aspekten der Traditionsbildung.

Oft dienen Kopialbücher dazu, als Schriftobjekt die Geschichte der jeweiligen Institution festzuhalten, gleichzeitig entwickeln sich mit ihnen Techniken zur Erfassung von Besitz und Einkünften, und auch in der Organisation eines Archivs.

Dieses Wissen wird später mit der Einführung anderer Quellentypen, wie beispielsweise Zinsbüchern, weiter differenziert.

Für ein einzelnes Kartular ist immer zu prüfen, welche Verwaltungsaufgaben damit bewältigt werden können und welche anderen Funktionen - beispielsweise als Memorabilia - das Buch übernimmt. Solche Wechselwirkungen machen Kopialbücher zu komplexen, aber äusserst interessanten Quellen.