Ältere Sprachentwicklungen

Das Althochdeutsche hat sich mittels verschiedener sprachlichen Veränderungen aus dem Germanischen herausgebildet. In diesem Tutorium werden die wichtigsten Lautwandelphänomene bei den Vokalen erläutert. Der «Ablaut» ist ein sprachliches Phänomen, das in der Geschichte der deutschen Sprache von grosser Bedeutung ist. Ursprünglich war der Ablaut eine regelmässiger Vokalwechsel im frühen Urindoeuropäischen. In den germanischen Sprachen, und damit auch im Deutschen, werden die verschiedenen Ablautvokale als morphologisches Kennzeichen für Tempus und Numerus bei den starken Verben und als Mittel der Wortbildung funktionalisiert (Grammatikali­sierung).

Ein weiteres, für die deutsche Sprachgeschichte bedeutendes Lautgesetz ist der i-Umlaut, der in althochdeutscher Zeit eintritt. Er entwickelt sich bis zum Neuhochdeutschen unter anderem zu einem Pluralkennzeichen (z.B. Mutter - Mütter). Zudem sind für den Vokalismus des Althochdeutschen insbesondere die Resultate der ahd. Monophthongierung (z.B. germ. *dauþuz > ahd. tōd) und ahd. Diphthongierung (z.B. vorahd. *hēr > ahd. hiar 'hier') charakteristisch.

In diesem Tutorium lernst du die erwähnten Lautgesetze und den Ablaut im Überblick kennen und bekommst erläuternde Beispiele.

Ausschnitt aus: Über das Pedantische in der deutschen Sprache. In: Jacob Grimm: Kleinere Schriften, 1. Band. Berlin, 340. DS LIT T GriJ 3/1.

Der Begriff «Ablaut» wurde von Jacob Grimm 1819 geprägt; er benannte damit den regelmässigen Wechsel bestimmter Vokale in etymologisch verwandten Wörtern bzw. Wortformen, wie z.B. bei die Binde - das Band - der Bundoder in binden - band - gebunden.
Es handelt sich beim Ablaut um ein ursprünglich lautliches Phänomen, das im frühen Urindoeuropäischen produktiv war. Die Ursprünge des Lautgesetzes lassen sich nicht genau rekonstruieren. Die Auswirkungen in den diversen ie. Sprachen zeigen aber, dass es schon im Frühie. einen regelmässigen Vokalwechsel gegeben haben muss.
Die germanischen Sprachen haben den Ablaut aus ihrer ie. Vorstufe ererbt. Im Germanischen wird der Ablaut bei den Verben systematisiert. Das bedeutet, dass die verschiedenen Vokalstufen grammatische Funktionen übernehmen: Sie werden zum Ausdruck der verschiedenen Tempusformen.

Schematische Darstellung der ie. Ablautstufen: Unterschiedliche Wortakzentverhältnisse verursachen im frühen Urie. Vokalalternanzen. Man unterscheidet vier verschiedene Stufen dieser Vokalalternanzen (Ablautstufen): Normalstufe, Abtönstufe, Schwundstufe/Nullstufe und Dehnstufe. Die abgetönte Dehnstufe ist sekundär entstanden.

Die Entstehung des Ablauts wird mit den Wortakzentverhältnissen im Ie. erklärt. Entscheidend ist, wie eine betreffende Silbe betont wurde. Daraus ergeben sich zwei Arten des Ablauts:

1. Der quantitative Ablaut:
Man geht von einem Ausgangsvokal e aus. Diese Ablautstufe wird «Normalstufe» genannt. Der Vokal in einem Wort verändert je nach Akzentuierung v.a. durch Luftdruck und Lautstärke (= dynamischer Akzent) seine Quantität in zwei Stufen. Bei starker Betonung wurde der Vokal gedehnt (Dehnstufe). Bei schwacher Betonung wurde der Vokal zu Null reduziert (Schwund- oder Nullstufe).
(i) Normalstufe: e, o: Bsp. lat. tegere
(ii) Dehnstufe: ē, ō: Bsp. lat. tegere - tēgula
(iii) Schwundstufe/Nullstufe: Bsp. gr. patéra 'Vater' (Akk.) - Schwundstufe gr. patø (Dativ)

2. Der qualitative Ablaut:
Wenn der Vokal e oder ē in einem Wort durch verschiedene Tonhöhenverläufe betont wurde (= musikalischer Akzent), veränderte er die Qualität zu o:
(i) Abtönungsstufe: Bsp. lat. tegere '(be)decken' - toga 'Bedeckung; Bekleidung'.

Bei allen starken Verben der 1. Klasse folgt im Infinitiv-/Präsensstamm auf den Wurzelvokal e ein i und ein beliebiger Konsonant (K). Zum Ahd. hat sich das daraus entstandene germ. ei lautgesetzlich zu ī entwickelt. Ahd. īwird im Nhd. wiederum zu ei (frühneuhochdeutsche Diphthongierung).

Bei den anderen Tempusformen (Singular Präteritum, Plural Präteritum, Partizip Perfekt), zeigt die Veränderung des Wurzelvokals den Tempuswechsel an (= Ablaut).

Im Germanischen werden die verschiedenen Vokalalternanzen des Ablauts (Ablautstufen) systematisiert. Sie übernehmen bei den starken Verben eine grammatische Funktion und werden zum Ausdruck der folgenden beiden Kategorien:
(i) Tempusunterscheidung zwischen Präsens und Präteritum: ahd. singu 'ich singe' (aus germ. *sengwō, das ientstand durch Hebung von e > i vor Nasal + Konsonant) vs. sang 'ich sang' und
(ii) Numerusunterscheidung zwischen Sg. und Pl. innerhalb des Präteritums: ahd. sang 'ich sang' vs. sungum 'wir sangen'.
In der Grammatik des Neuhochdeutschen spricht man bei den starken Verben auch von «unregelmässigen» Verben. Verfolgt man aber die starken Verben zurück ins Germanische, erkennt man eine Regelmässigkeit im System. Die starken Verben lassen sich nach ihrer Wurzelstruktur in 7 Klassen einteilen. Die Klassen 1-5 weisen den Präsensvokal e auf, Klasse 6 a. Diese 6 Klassen bilden die Tempusformen mit Ablaut. Klasse 7 enthält Verben, die die Präteritalformen durch Reduplikation bilden.
Der Ablaut war auch in der Wortbildung produktiv, z.B. bei Ableitungen von Nomen aus Verben (Derivation): zum Beispiel ahd. maza 'das Mass' abgeleitet von mezzan'messen'.

Vokaltrapez: Angleichung der velaren Vokale [a, o, u] in betonten Silben an die palatalen Vokale [i, i:, j].

Beim i-Umlaut handelt es sich um einen kombinatorischen Lautwandel: Die langen und kurzen velaren Vokale u, ū, o, ōund a, ā sind betroffen. Wenn sie sich in einem Wort befinden, bei dem in der Folgesilbe ein i, j, ī auftritt, passen sie sich partiell an. So wird bspw. kurzes a vor i, j, ī in der Folgesilbe zu e verändert wie in vorahd. *band-il > ahd. bentil. Im vorliegenden Fall übernimmt a das Merkmal «vorne» (palatal) und tauscht es gegen «hinten» (velar) aus.
Dieser Vorgang wird seit dem 8. Jh. systematisch verschriftet, zunächst aber nur für den Kurzvokal a; als Graphem wird verwendet (sog. Primärumlaut). Die anderen Vokale o und uund die Langvokale wurden wahrscheinlich auch schon im Althochdeutschen umgelautet, aber erst ab mittelhoch­deutscher Zeit regelmässig in der Schrift wiedergegeben (sog. Sekundärumlaut). Die Umlaute waren in frühahd. Zeit noch keine selbständigen Phoneme, sondern Allophone, d.h. stellungsbedingte Varianten zu den ursprünglichen velaren Vokalen.
Im Althochdeutschen wirkten die Konsonantenverbindungen ht; hs; K+w umlauthindernd, im Mittelhochdeutschen werden dann auch die a in ursprünglich umlautgehinderter Position zu ä.

Aus dem phonetischen Vorgang entwickelt sich in der Folge eine «phonologisch-morphologische Phase» des Umlauts: Die Umlaut-Allophone werden zu Phonemen und später zu einem grammatischen Kennzeichen für den Plural bei manchen Substantiven. Ursprünglich i-haltige Flexive (bspw. das Pluralmorphem -i bei den Substantiven oder -it für 3. Pers. Sg. Präs. bei den starken Verben) lösten Umlaut aus und damit einen Vokalwechsel im Paradigma. Dadurch werden grammatische Informationen wie z.B. Plural bei Substantiven oder die 2./3. Person Sg. Präs. bei den starken Verben zusätzlich markiert: ahd. gast (Sg.m. 'Gast') - *gast-i (Pl.) > gesti ('Gäste'); ahd. faran (fahren') - ahd. ferit ('er fährt').
Zur Markierung des Plurals bei den Substantiven ist der Umlaut im Ahd. noch redundant, da die Kategorie «Plural» durch Pluralflexive angezeigt wird. Solange die Endung noch intakt ist, können die umgelauteten Vokale nur als phonetische bzw. graphemische Varianten gewertet werden. Erst mit der Abschwächung von [i, i:, j] in den Nebensilben (Nebensilbenabschwächung) kann die grammatische Funktion des Umlauts einsetzen. Nach dem Wegfall der Kontextbedingungen erhalten die Allophone e, ä, ö und ü etc. Phonemstatus. Die Umlautvokale können als grammatisch bedingt aufgefasst und so zum Pluralkennzeichen werden (Grammatikalisierung).

Grammatikalisierung des i-Umlauts

vorahd. *gast-i'Gäst-e, pl.' -i = Pluralflexiv
ahd. gest-i in der Folgesilbe löst Umlaut aus
Nebensilbenabschwächung (-i > -e)
mhd. gest-e -e = Pluralflexiv, aber mehrdeutig
-e- in der Stammsilbe wird zum Kennzeichen für Plural

Der Umlaut wird zum Pluralkennzeichen, er wird uminterpretiert als morphologisches Kennzeichen. Der Umlaut alleine kann nun die grammatische Funktion «Plural» zum Ausdruck bringen, so etwa bei Garten - Gärten. Dies geschieht auch bei Wörtern, die in (vor)ahd. Zeit kein i, j, ī in der Folgesilbe enthielten. Diese Ausbreitung wird als «analogischer Aspekt» des Umlauts bezeichnet.

Im Ahd. und Mhd. gibt es bei gewissen Substantivklassen auch umgelautete Singularformen (z.B. ahd. krefti > mhd. krefte 'der Kraft', Gen. Sg.). Diese werden in mhd./frühnhd. Zeit abgebaut (nhd. Kraft, auch im Gen. Sg.), was eine Festigung des Umlauts als Pluralkennzeichen bewirkt.

Der Umlaut breitet sich analogisch als Pluralkennzeichen aus, und zwar in der stark erweiterten er-Pluralklasse: land - länder, mann - männer, in der e-Pluralklasse: wolf - wölfe, strand - strände, und in der Null-Pluralklasse: mutter - mütter, bogen - bögen. Im Oberdeutschen ist der Umlaut häufiger als in anderen Dialekten: Ärme, Nämen, Brünnen. In alemannischen Dialekten ist er auch heute noch in der Pluralbildung produktiv: Tag - Täg, Wage - Wäge, Koffer - Köffer.

Die Entwicklung des i-Umlauts

vorahd. ahd. mhd. nhd.
kein Umlaut
*gast (Sg.) - gast-i (Pl.) gast - gesti
Primär­umlaut
gast - geste Gast - Gäste
*naht - *nahti naht - nahti naht - nähte
Sekundär­umlaut
Nacht - Nächte
*wulfaz - wulfōz wolf - wolfa wolf - wolfe Wolf - Wölfe
analogischer Umlaut
Monophthongierung /ai/ > /e:/
Diphthongierung /e:/ > /ea, ia/
Der Diphthong /ai/ wird monophthongiert und rückt in die Nähe des Phonems /e:/. Dieses wiederum wird zu /ea, ia/ verschoben.

In althochdeutscher Zeit treten auch bei Diphthongen, Lang- und Kurzvokalen Veränderungen ein.

Die germ. Diphthonge ai und au werden unter bestimmten lautlichen Bedingungen zu ē, respektive ō monophthongiert (kombinatorischer Lautwandel). Germ. ai wird zu ahd. ē monophthongiert, wenn die Konsonanten h, r, oder w in einem Wort auf den Diphthong ai folgten (Bsp. germ. *þaih > ahd. dēh 'ich/er (ge)dieh'). Germ. au wird zu ahd. ō vor Dental (s, z, t, d, n, l, r) und germ. h (Bsp. germ. *tauh > ahd. zōh 'ich/er zog'). Die Monophthongierung tritt im 7./8. Jahrhundert ein und breitet sich von Norden nach Süden aus.

In Reaktion auf die ahd. Monophthongierung, bei der ein neues ē und ō entstehen, weichen die alten vorahd. (westgerm.) ē und ō aus, indem sie ab dem 9. Jahrhundert zu Diphthongen werden (spontaner Lautwandel). Jedes vorahd. ē wird zu ahd. ea > ia > ie (Bsp. vorahd. fēbar > ahd. fieber 'Fieber') und jedes vorahd. ō zu ahd. oa > ua, oa > uo (Bsp. vorahd. scōla > ahd. scuola 'Schule'). Man kann diesen Vorgang als strukturellen Schub im Sprachsystem erklären. Die Aussprache des Phonems /ai/ rückt in die Nähe des Phonems /e:/, dieses wiederum rückt in den Bereich von /ea, ia/ vor. Dadurch bleiben die Phoneme unterschiedlich (distinkt).