Fotografie(n) in den Geschichtswissenschaften

Lange Zeit wurde Bildern und insbesondere Fotografien in den Geschichtswissenschaften kaum Beachtung geschenkt. Mit dem Aufkommen neuer historischer Teildisziplinen und der wachsenden Bedeutung der Fotografie im 20. Jh. hat sich dies aber geändert. Heute richten sich Historikerinnen und Historiker mit vielfältigen Fragen an Fotografien.

In diesem Kapitel wird zuerst die Entwicklung nachgezeichnet, die die Fotografie innerhalb der Geschichtswissenschaften durchlaufen hat. Anschliessend wird aufgezeigt, wie sie heute als historische Quelle und als Forschungsgegenstand untersucht wird. Das dritte Kapitel bietet einen Einstieg in den methodischen Umgang mit Fotografien.

Bilder wurden in den Geschichtswissenschaften lange Zeit vernachlässigt und Fotografien sogar ignoriert. Wieso eigentlich? Woher kommt das plötzliche Interesse an ihnen? Und welche neuen Fragen hat der visual turn in den Geschichtswissenschaften aufgeworfen?
Dieses Kapitel beschreibt in vier Teilen, wie sich die Fotografie vom Lückenbüsser zur historischen Quelle und zu einem Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaften entwickelt hat.

Ramessos: «Painting of a bison in the cave of Altamira», Altamira 2008, ohne weitere Angaben. Online: Wikimedia Commons, [Stand 9.4.2014].

Bilder fanden in den Geschichtswissenschaften jenseits der Kunstgeschichte und von Spezialdisziplinen bis in die 1970er Jahre nur wenig Beachtung und insbesondere die modernen Medien, zu denen auch die Fotografie zählt, wurden weitgehend ignoriert. Bildmaterial wurde zwar immer schon als Zeugnis der Vergangenheit verstanden, dennoch fand die Auseinandersetzung mit visuellen Quellen bis weit ins 20. Jh. hinein kaum Eingang in die geschichtswissenschaftliche Praxis.
Diese Vernachlässigung hat unterschiedliche Ursachen: Die Historiker konzentrierten sich vor allem auf schriftliche Quellen. Diese galten als glaubhafter und ausreichend, um die politische Geschichte, die lange Zeit die Geschichtswissenschaften inhaltlich dominierte, zu erforschen. Zudem wurde die Beschäftigung mit Bildern der Kunstgeschichte zugeschrieben. Da Fotografien aber lange Zeit nicht als Kunstwerke galten, wurden sie auch in der Kunstgeschichte nicht wahrgenommen. Und weil in der Geschichtsforschung kaum eine Auseinandersetzung mit Bildern stattfand, hatten sich auch keine methodischen Ansätze im Umgang mit visuellen Quellen entwickelt, was ihren Einbezug weiterhin hemmte.
Ausnahmen bezüglich der Beschäftigung mit Bildquellen waren im 19. Jh. neben den Kunsthistorikern auch einige der wenigen Pioniere der Kulturgeschichte. Aufgrund mangelnder Textquellen arbeiteten auch Mediävisten und Historikerinnen der Frühen Neuzeit vereinzelt mit Bildern. Sie beschränkten sich jedoch auf die Beschäftigung mit Kunstwerken.

Forschende, die sich mit historischen Epochen auseinandersetzen, aus denen es kaum schriftliche Zeugnisse gibt, nutzen Bilder schon seit langem als Quellen. Ohne die Höhlenmalereien wie jene aus Altamira wüsste man beispielsweise kaum etwas über gesellschaftliche Praktiken der europäischen Vorgeschichte.


Buchcover: Ariès, Philippe: L'enfant et la vie familiale sous l'Ancien Régime, Paris 1960.

Erst in den 1970er Jahren, als sich sozialgeschichtliche Strömungen immer stärker etablierten, gerieten Bilder vermehrt in den Fokus. Historikerinnen und Historiker begannen, sich auch für den Alltag der Menschen und den Wandel von Mentalitäten zu interessieren – Forschungsfelder, für die die herkömmlichen Quellen alleine nicht ausreichten. Sie forderten die Anerkennung von Bildern, insbesondere auch der massenmedialen Quellenbestände der Moderne. So wurde das Spektrum der untersuchten visuellen Quellen um populärkulturelle und alltägliche Bilder wie etwa Fotografien, Plakate oder Filme erweitert.
Zur Interpretation der Bildquellen wurde zunächst v.a. auf Ansätze aus der Kunstgeschichte zurückgegriffen: In den 1930er Jahren hatten Erwin Panofsky und Aby Warburg die ikonologische Methode entwickelt, die nicht mehr primär auf die stilhistorische Bildanalyse, sondern auf den Bildinhalt zielte. Damit liessen sich auch alltagskulturelle Bilder interpretieren. Rainer Wohlfeil hat diesen methodischen Ansatz in den 1980er Jahren den Bedürfnissen der Geschichtswissenschaft angepasst und damit eine neue Historische Bildkunde befördert. Im Umgang mit Bildern schlug er ein dreistufiges Verfahren vor, das eine Beschreibung der Bildinhalte, die Analyse des Entstehungszusammenhanges und die Interpretation des historischen Dokumentensinnes beinhaltet. So sollten aus Bildern Erkenntnisse zu sozial- und kulturgeschichtlichen Fragen gewonnen werden, die aus anderen Quellen nicht ermittelt werden könnten.
Trotz der stärkeren Beachtung blieb die Funktion von Bildern in den geschichtswissenschaftlichen Arbeiten vorerst auf ihre Funktion als zusätzliche Quellen beschränkt. Sie wurden als passive Quellen verstanden, die die Geschichte widerspiegelten.

Weil Kinder in schriftlichen Archivdokumenten kaum eine Rolle spielen, hat Philippe Ariès bei seiner Forschung zur Geschichte der Kindheit auf Quellen wie Tagebücher, Briefe, Romane und Bilder zurückgegriffen. Bereits in seinem 1960 erschienen Buch «L'enfant et la vie familiale sous l'Ancien Régime» hatte er systematisch Bilder als Quellen untersucht.

Screenshot: e-pics. Bildarchiv online, ETH-Bibliothek, [Stand: 25.3.2014].

Das 20. Jh. wird oft als Medienzeitalter oder als Jahrhundert der Bilder beschrieben. Ob in Filmen oder im Fernsehen, auf Plakaten, in Zeitungen oder im Internet: Bilder prägen Politik, Kultur und Gesellschaft. Dies bewegt auch die Historikerinnen und Historiker dazu, visuelle Produktionen und Praktiken verstärkt in ihrer Arbeit zu thematisieren. Die vertiefte Auseinandersetzung in den letzten Jahren betrifft nicht nur die Untersuchung visueller Quellen, sondern auch den gesellschaftlichen Umgang mit diesen. Bilder und Bildproduktionen werden zunehmend auch als eigenständige Untersuchungsgegenstände betrachtet.
Beeinflusst wurde diese Entwicklung in den Geschichtswissenschaften von den benachbarten Disziplinen, die schon in den 1990er Jahren in einem visual turn eine Verschiebung vom Text zum Bild als Gegenstands- und Ausdrucksmedium der Wissenschaft vollzogen. Dabei wird dem visuellen Material ein interpretativer Eigenwert zugesprochen. Reflexionen über bildanalytische Ansätze halten in verschiedenen Sozial- und Geisteswissenschaften bis heute an und neue Forschungsbereiche wie die Visual Culture Studies oder die Bildwissenschaften, die sich mit den Praktiken des Sehens und Wahrnehmens beschäftigen, etablierten sich. Die neu entstandenen Forschungsfragen und -ansätze haben auch das methodisch-theoretische Denken über die Geschichtsschreibung bereichert.
Die Beschäftigung mit bildlichen Quellen, dem Umgang mit Bildern in der Geschichte und der Visualität von Geschichte haben schliesslich auch in den Geschichtswissenschaften zur Etablierung eines neuen Forschungsfeldes geführt: der Visual History.

Auch das Internet hat begünstigt, dass Bilder stärker in den Fokus der Forschenden rückte: Früher war die Suche nach Bildern ein kosten- und zeitaufwändiges Unternehmen. Dank digitaler Datenbanken können Bilder heute vom Arbeitsplatz aus gesucht und angeschaut werden. Eines der grössten und online zugänglichen Bildarchive der Schweiz bietet die ETH: Rund 280'000 Bilder aus der ETH-Bibliothek sind online verfügbar.

Buchcover: Paul, Gerhard (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1945, Göttingen 2009.

Die Visual History ist ein neues Forschungsfeld innerhalb der Geschichtswissenschaften, in dem es um die Auseinandersetzung mit Bildern und deren gesellschaftliche Bedeutung geht. Bilder – damit sind alle Arten von visuellen Erzeugnissen gemeint – werden dabei nicht nur als Quellen für andere Themen behandelt, sondern auch als eigenständige Gegenstände der historischen Forschung. Sie werden als Medien verstanden, die selbst eine gesellschaftliche Wirkungsmacht haben, d.h. sie repräsentieren Geschichte nicht nur, sondern können diese auch beeinflussen.
Dieser erweiterte Bildbegriff lässt neue Forschungsfragen zu: Untersucht wird, wie Bilder entstanden sind, wie und wozu sie verwendet werden, welche gesellschaftliche Rolle ihnen zukommt, wie sich ihre Wirkung in unterschiedlichen Kontexten verändern kann, wie Geschichte von und mit Bildern geschrieben wird und wie Bilder selbst zu Akteuren werden können.
Im Umgang mit Bildern werden verschiedene Methoden angewendet. Abhängig vom Erkenntnisinteresse werden methodische Ansätze aus anderen Disziplinen entliehen und den eigenen Fragestellungen angepasst. Visual History betrifft darüber hinaus auch die visuelle Präsentation und Vermittlung von Forschungsergebnissen und historischen Inhalten.
Was die Visual History in Bezug auf die Forschungsfragen und den methodischen Umgang mit Fotografien bedeutet, wird in den folgenden Kapiteln aufgezeigt.

Der zweibändige «Bilderatlas» ist in vielfacher Hinsicht ein spannendes Beispiel der Visual History: In 180 Beiträgen wird die Geschichte des 20. Jh. als ein Jahrhundert der Bilder, Bildmedien und Bildpraxen untersucht. Bilder werden dabei nicht nur als Quellen begriffen, sondern auch als Medien, die das Geschehen prägen. Behandelt werden sowohl Kunst- und Fotoklassiker als auch Karikaturen, Werbeplakate, Plattencover, Sammelalben, Handybilder oder die interaktiven Bildwelten von Second Life.

Seit dem ausgehenden 19. Jh. ist die Fotografie eines der wichtigsten Bildmedien und das Fotografieren wurde im 20. Jh. zu einem weitverbreiteten gesellschaftlichen Phänomen: Wir sehen täglich Fotografien, sammeln sie, lassen uns fotografieren oder fotografieren selbst. So hat die Fotografie auch das Interesse der Geschichtsforschung geweckt und innerhalb der Visual History einen zentralen Platz eingenommen.
Historikerinnen und Historiker forschen mit Fotografien und über die Fotografie: Fotografien werden in den Geschichtswissenschaften zum einen als Quellen verwendet, um aus dem Bildinhalt Informationen zu gewinnen. Forschende untersuchen zum andern auch die technische Entwicklung, die Ausbreitung und die gesellschaftlichen Praktiken im Umgang mit der Fotografie. Dabei verstehen sie Fotografien nicht mehr nur als «Faktenlieferanten», sondern auch als Medien, mit denen kommuniziert wird, und als Akteure, die Vorstellungen konstruieren und historische Prozesse auslösen. Als Vermittler und Verursacher werden die Fotografien selbst zum Forschungsgegenstand.
In den folgenden Kapiteln wir zuerst gezeigt, inwiefern Fotografien historische Quellen sein können. Anschliessend wird eine kleine Auswahl der vielseitigen Fragestellungen, die Historikerinnen und Historiker im Umgang mit Fotografien beschäftigen, näher betrachtet.

De Zeitschrift Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie beschäftigt sich seit 1981 mit den Themen Fotografie und Gesellschaft. Die Zeitschrift enthält wissenschaftliche Beiträge, Buch- und Ausstellungsbesprechungen und Hinweise zu aktuellen Forschungsarbeiten zur Fotografiegeschichte.

Fotografien sind keine wirklichkeitsgetreuen Abbildungen der «Realität», keine Illustrationen der Vergangenheit, und müssen wie jedes historische Material – Texte, mündliche Quellen und andere Bilder – kritisch analysiert werden. Die Analyse von Fotografien beinhaltet die Untersuchung des Entstehungskontextes, des Bildinhaltes und des Verwendungszusammenhanges.
Im Umgang mit Fotografien hat sich kein fester Methodenkanon etabliert. Vielmehr werden verschiedene Theorien und Ansätze aus anderen Wissenschaften – etwa aus der Politologie, Kunstgeschichte oder Medienwissenschaft – übernommen und den eigenen Fragestellungen angepasst. Forschende verwenden bei der Analyse von Fotografien besonders häufig ikonologisch/ikonographische, semiotische und rezeptionsgeschichtliche Herangehensweisen sowie soziologische Zugänge oder kombinieren verschiedene Methoden miteinander. Welche Untersuchungsmethode gewählt wird, hängt in erster Linie vom Erkenntnissinteresse und den Forschungsfragen ab.
In den folgenden Kapiteln werden grundlegende quellenkritische Fragen gestellt, die bei jeder Untersuchung beachtet werden müssen und helfen, eine Fotografie zu identifizieren, in den richtigen Kontext zu stellen und zu interpretieren. Im abschliessenden Kapitel wird darauf hingewiesen, dass je nach Fragestellung nicht nur einzelne Fotografien, sondern auch ganze Bestände untersucht werden sollten.

Die Webseite Bildmanipulationen zeigt in zahlreichen Beispielen, wie Fotografien vor, während oder nach der Aufnahme gesteuert und verändert werden können.Itsuo, Inouye: «Ohne Titel», Irak 2003 © AP Photo (Montage: Ursula Dahmen / Der Tagesspiegel). Online: Museum für Kommunikation, Medienbilder «Bilder, die lügen», [Stand: 5.10.2013].

Bevor aufgezeigt wird, inwiefern Fotografien historische Quellen sind, sollte zuerst die Beziehung zwischen Abbild und Realität thematisiert werden. Über die Fragen, in welchem Verhältnis die Fotografie zum Fotografierten steht, was «Wirklichkeit» bedeutet und ob Fotografien zuverlässige Informationen über die Welt liefern, ist viel diskutiert worden.
Es gibt hier die Auffassung, und diese entspricht auch einem weit verbreiteten Alltagswissen, dass die Fotografie eine authentische Wiedergabe der Wirklichkeit sei und das Abgebildete besonders realistisch und objektiv darstelle – man sieht, was war. Eine Fotografie vermag viel stärker als andere Bilder den Betrachtenden davon zu überzeugen, dass die Abbildung die Wirklichkeit präsentiert, denn das technisch erzeugte Bild kann schliesslich als Foto nur wiedergeben, was sich vor der Linse der Kamera befunden hat.
Die fotografische Abbildung ist aber nicht nur vom Objekt abhängig, sondern auch durch die Wahl der Kamera, der Einstellungen oder der Lichteinwirkung. Zudem wählen die Fotografen und Fotografinnen Perspektive und Ausschnitt, der von der «Wirklichkeit» gezeigt wird. Bilder werden nachträglich bearbeitet und schliesslich ist das Abgebildete oft für die Kamera inszeniert und arrangiert worden.
Eine Fotografie unterliegt technischen Grenzen und Möglichkeiten, zeittypischen Konventionen und individuellen Entscheidungen, und ist daher eine Quelle für die Zeit, in der sie entstand. Sie zeigt neben objektiven technischen Gegebenheiten die subjektive Sichtweise auf das Fotografierte. Genauso wie Texte müssen Fotografien daher quellenkritisch analysiert werden.

Diese Fotografie aus dem Irakkrieg zeigt eindrucksvoll, wie entscheidend die Auswahl des Bildausschnittes sein kann. Je nach Ausschnitt können Fotografien derselben Szene ganz verschiedenartig ausfallen und unterschiedliche Aussagen machen.

Hirsbrunner: «Hochzeitsfoto von Alois und Elisabeth Kurmann-Häfliger», Luzern 1909/10, Private Sammlung.


Schneider, Jean: «Hochzeitsfoto von Franz und Josephine Kurmann-Notz», o.O 1945, Private Sammlung.

Aufgrund der Abbildungsgenauigkeit sind Fotografien geeignete Quellen, wenn es um die materielle Kultur einer Epoche geht. Sie liefern wichtige Informationen über das Aussehen von Gegenständen, Personen und Dingen zum Zeitpunkt der Aufnahme. Sie geben beispielsweise Aufschluss über Alltagsgegenstände, Mode, Waffen, Wohnungseinrichtungen, Fabrikinventare oder Transportmittel. Sie können zudem deutlich machen, wie Gegenstände angeordnet und genutzt wurden. So zeigen Fotografien zum Beispiel, welche Kleider und Accessoires bürgerliche Frauen beim gemeinsamen Kaffeetrinken um die Jahrhundertwende trugen oder welche Geräte die Bauern im Emmental in den 1920er Jahren verwendeten.
Die Rekonstruktion der materiellen Verhältnisse liefert wichtige Erkenntnisse für sozial- und alltagsgeschichtliche Fragestellungen. Aber auch Bereiche wie die Architektur- oder die Technikgeschichte profitieren von der detaillierten Abbildung von Gebäuden, Maschinen und industriellen Einrichtungen. Fotografien zeigen Details, die aus schriftlichen Quellen oft nicht hervorgehen, da es kaum möglich ist, sie in derselben Genauigkeit zu beschreiben und weil sie oft gar nicht als beschreibungswürdig empfunden wurden. Die gewonnen Informationen müssen dabei nicht zwingend etwas mit dem eigentlichen Motiv zu tun haben.

Gleichzeitig können Realien und Mode auch dabei behilflich sein, eine Fotografie zu datieren und einzuordnen. Hält beispielsweise einer der Abgebildeten eine Coca-Cola-Flasche in der Hand, kann die Fotografie nicht vor 1892 entstanden sein, da die Coca-Cola-Company erst in diesem Jahr gegründet wurde.

Fotografien ermöglichen es, Kontinuität und Wandel von Mode zu untersuchen: Frauen aus der Unter- und Mittelschicht konnten sich bis zu Beginn des 20. Jh. meist kein Brautkleid leisten; sie heirateten in schwarz oder in der Regionaltracht. Erst in den 1920er Jahren etablierte sich das weisse Brautkleid. Diese Veränderung der Brautmode zeigt sich auf diesen Hochzeitsfotografien aus den Jahren 1909 und 1945. Beim Bräutigam auf dem unteren Foto handelt es sich um den Sohn des Brautpaares auf dem linken Foto.

o.F.: «Schneiderinnen des Haute-Couture-Hauses Schiaparelli in Genf erkämpften mit einem erfolgreichen Streik eine Lohnerhöhung von 10–15 Rp./Stunde und ihre Aufnahme in einen Gesamtarbeitsvertrag», Genf 1947 © Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte. Online: Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, [Stand: 9.4.2014].

Historikerinnen und Historiker der Sozialgeschichte begannen schon früh, Fotografien als Quellen in ihre Arbeiten zu integrieren. Seit den 1970er Jahren verwenden sie Fotografien dort, wo es keine oder nur einseitige schriftliche Zeugnisse gibt. Bei der Forschung zur Geschichte der Frauen wird beispielsweise gerne auf Fotografien und andere Bilder zurückgegriffen, weil Frauen in den Textquellen oft ignoriert wurden.
Fotografien werden auch mit einbezogen, wenn die Arbeit, der Alltag und die Erfahrungen einfacher Menschen beleuchtet werden sollen. Aus Fotografien von Dorffesten lässt sich beispielsweise viel über die Freizeitgestaltung und das soziale Leben in ländlichen Gebieten lesen: Sassen Männern neben Frauen? Tanzten Bürgerliche mit Arbeiterinnen? Haben auch Jugendliche Zigaretten und Alkohol konsumiert?
Insbesondere private Fotografien beleuchten darüber hinaus auch soziale Beziehungen. Dabei ist nicht nur interessant, wer mit wem abgebildet ist, sonder auch, wie die Beziehung – z.B. eine Freundschaft – visuell dargestellt wurde, bei welchen Anlässen und Aktivitäten man besonders häufig fotografierte und welche Fotografien den Weg ins Erinnerungsalbum gefunden haben. Für sozialgeschichtliche Fragestellungen sind besonders Serien und Sammlung interessant, die über den Einzelfall hinausgehen.

Einen besonders reichen Fundus an visuellen Quellen zur Sozial- und Alltagsgeschichte der Schweiz bietet Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte.

Tamamura, Kihei: «Junge Frau in einer Riksha sitzend», Japan um 1900, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, ohne Referenznummer. Online: Gretzschel, Matthias: Kimonos und Kirschbäume – ist das typisch Japan?, Die Welt, 24.4.2013, [Stand: 26.3.2014].

In kulturgeschichtlichen Arbeiten werden Fotografien nicht als direkter Zugang zur Vergangenheit verstanden, sondern als Quellen zu den zeitgenössischen Sichtweisen auf die soziale Welt. Fotografien werden nicht dazu verwendet, um herauszufinden, wie etwas war, sondern wie man sich etwas vorgestellt hat, wie man etwas wahrnahm oder selbst wahrgenommen werden wollte.
So verraten Porträts beispielsweise, welches Bild die Porträtierten von sich selber hatten oder gegen Aussen vermitteln wollten. Fotografien sind aber nicht nur Zeugnisse von Selbstbildern, sondern zeigen auch Fremdbilder: Sie machen deutlich, wie man sich die «Anderen» oder die «Fremden» vorgestellt hat. Fotografien von marginalisierten Bevölkerungsgruppen oder anderen Kulturen sind oft mit Vorurteilen behaftet – und genau deswegen sind sie Quellen zur Erforschung der vorherrschenden Stereotype.
Die Darstellungsweisen lassen auch Rückschlüsse auf Einstellungen zu. Fotografien verraten gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen, die in einer bestimmten Zeit vorherrschten. Sie geben Aufschluss darüber, was als schön, hässlich oder normal empfunden wurde und welche Personen, Objekte und Ereignisse als abbildungswürdig galten.
Fotografien werden also nicht als Dokumentation der Wirklichkeit verstanden, sondern als Zeugnisse von Vorstellungen. Diesbezüglich spielt es auch keine Rolle, wenn eine Fotografie gestellt ist. Im Gegenteil: Die inszenierten, konventionalisierten und stereotypen Fotografien verdeutlichen die in einer Zeit vorherrschenden Sichtweisen besonders gut. Mit Bildern können Bereiche der Wahrnehmung und der Vorstellung ausgelotet werden, die sonst nicht zugänglich sind: Das materielle Bild bietet Zugang zu den mentalen Bildern.

Diese Fotografie einer japanischen Frau zeigt die exotischen Klischees, die im 19. Jh. vom «fremden Japan» verbreitet waren. Solche inszenierten Fotografien wurden für den europäischen Markt produziert und entsprechen vielmehr den Erwartungen des europäischen Publikums als der Wirklichkeit. Die Vorstellungen fanden aber nicht nur Ausdruck in solchen Fotografien; die Fotografien verfestigen auch nachhaltig die vorherrschenden Vorstellungen.

o.F.: «Aktenzeichen 505.17.430334.1», Karlsruhe 29.9.2007, private Sammlung © Christoph Huebner. Online: Flickr, [Stand: 25.3.2014]

Fotografien werden nicht nur als Quellen in unterschiedlichen Forschungsgebieten verwendet, sondern sind auch zentraler Untersuchungsgegenstand. Aber was ist eigentlich eine Fotografie? Und in welchem Verhältnis steht das fotografische Bild zum abgebildeten Motiv? Sind Fotografien Abbildungen der Realität? Historikerinnen und Historiker interessieren sich für die Auffassung der Fotografie in einer Gesellschaft und wie sich diese im Laufe der Zeit verändert hat.
Die Auffassung davon, was die Fotografie ist, ist entscheidend für den gesellschaftlichen Umgang mit Fotografien und bestimmt, in welchen Bereichen sie angewendet wird. So kann eine Fotografie beispielsweise nur dann als Beweis- oder Dokumentationsmittel dienen, wenn die Fotografie allgemein als authentisch und objektiv bewertet wird.
Es geht also um die Besonderheiten und die spezifischen Eigenschaften, die die Fotografie von anderen Bildarten unterscheidet. Wie ein Bild wirkt, hängt nicht nur vom Inhalt ab, sondern auch vom Trägermedium. Dieses ist nicht neutral, sondern beeinflusst die Bedeutung eines Bildes.

Bilder aus Radarfallen und Überwachungskameras gelten als Beweise, während eine Zeichnung, die denselben Sachverhalt darstellt, wohl von niemandem erst genommen würde.

Stafhell & Kleingrothe: «Het interieur van de fotostudio Stafhell & Kleingrothe in Medan», Medan (Sumatra) 1898, Tropenmuseum, Collecties online, Signature: 60001724. Online: Tropenmuseum, Collecties online, [Stand: 9.4.2014].

In Forschungsarbeiten mit Fotografien sollten immer auch der Kontext und die Produktionszusammenhänge betrachtet werden, in denen die Fotografien entstanden sind, es geht um ein Zusammenspiel von Kamera, Fotograf und Objekt.
Eine Fotografie hängt einerseits von den technischen Möglichkeiten ab: Sie bestimmen sowohl die materiellen Eigenschaften – auf welchem Bildträger oder in welcher Farbe eine Fotografie aufgenommen wurde – wie auch den Bildinhalt mit. So bewirken etwa lange Belichtungszeiten starr wirkende Gesichter. Zum andern wirken auch die abgebildeten Personen oder Dinge an der Entstehung mit, sie bilden schliesslich das Motiv der Fotografie. Abgebildete Personen nehmen dabei auch Einfluss auf die Bildgestaltung, etwa indem sie posieren. Und schliesslich haben auch die Fotografen viele Gestaltungsmöglichkeiten: Sie entscheiden über die Perspektive, die Lichtwahl und den Bildausschnitt, arrangieren den Aufnahmeort und geben Anweisungen.
Eine Fotografie wird also von technischen Gegebenheiten wie auch von subjektiven Entscheidungen bestimmt. In die Analyse mit einbezogen werden zudem die Faktoren, die diese Entscheidungen beeinflussen: der Auftraggeber und der vorgesehene Verwendungszweck, die vorherrschenden Darstellungskonventionen und das grössere kontextuelle Umfeld.
All diese Faktoren werden bei der Fotoanalyse berücksichtigt. Schliesslich hängt aber von der Forschungsfrage ab, ob die Technik, die Intention der Fotografin oder die Interessen der Abgebildeten im Zentrum der Untersuchung stehen.

Wie die Fotografien, die in diesem Studio um die Jahrhundertwende entstanden, wohl ausgesehen haben? Dem Zufall wurde jedenfalls nur wenig überlassen...

Röntgen, Wilhelm Conrad: «Albert von Köllikers Hand», Würzburg, 23. Januar 1896, ohne weitere Angaben. Online: Wikimedia Commons, [Stand: 9.4.2014].

Die Fotografie hat vielfältige Funktionen: Sie wird als Aufzeichnungsinstrument, Erinnerungsstück, Beweismittel und für die Dokumentation, Illustration und Kommunikation verwendet. In geschichtswissenschaftlichen Arbeiten werden daher auch die konkreten Verwendungszusammenhänge untersucht und nach der Rolle gefragt, die einzelne Fotografien oder die Fotografie im Allgemeinen in der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft spielen.
Ein besonders grosses Untersuchungsfeld bieten die Gebrauchsweisen von Fotografien in der Politik: Erforscht wird beispielsweise, wie Fotografien gezielt für die politische Propaganda instrumentalisiert wurden, welche Rolle sie innerhalb kollektiver Identitätsprozesse und bei der Generierung von Feindbildern spielten oder wie man Fotografien als Herrschafts- und Kontrollinstrumente einsetzte. Die Verwendung der Fotografie wird aber auch in ganz anderen Bereichen untersucht, in denen sie ein nicht mehr wegzudenkendes Medium geworden ist, so etwa in der kommerziellen Werbung, in der Medizin, in der Unterhaltungsindustrie, im Journalismus oder bei der Überwachung des öffentlichen Raumes.
Weil sich die Fotografie in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen verwenden lässt, ist auch das thematische Spektrum der Forschungsprojekte, die mit und über Fotografie arbeiten, sehr vielfältig. Die Untersuchungen der Gebrauchsweisen von Fotografien im öffentlichen und privaten Raum bieten Zugang zur visuellen Praxis einer Gesellschaft. Erkenntnisse werden hier nicht nur aus den Bildinhalten gewonnen, sondern auch daraus, wie die Fotografien wahrgenommen und verwendet wurden.

Auch in der Wissenschaft werden Fotografien zur Dokumentation, Forschung und Visualisierung verwendet: Röntgenaufnahmen werden in der medizinischen Praxis als Diagnoseinstrument eingesetzt und können wiederum Gegenstand technikgeschichtlicher oder kulturhistorischer Untersuchungen werden. Diese Aufnahme entstand 1896, als Wilhelm Conrad Röntgen die kurz zuvor entdeckten Röntgenstrahlen erstmals öffentlich präsentierte.

Haitham, Mussawi: «Ein islamischer Geistlicher versucht die Menge zu beschwichtigen», Libanon 2006 © Agentur AFP. Online: Agentur AFP, [Stand: 9.4.2014].

Fotografien entstehen zwar in einem spezifischen Kontext, werden jedoch in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet und dabei mit neuen Bedeutungen aufgeladen. So spielt es beispielsweise eine Rolle, in welchem Rahmen eine Fotografie gezeigt wird, ob sie in ein Album eingeklebt, in einer Zeitung veröffentlicht, in einem Museum ausgestellt oder als Postkarte verschickt worden ist.
Massgeblich beeinflusst wird die Wirkung auch vom schriftlichen Kontext, der eine Fotografie umgibt. Begleittexte, Bildlegenden oder beschriftete Rückseiten steuern die Betrachtung einer Fotografie. Und vor allem bestimmen auch die persönlichen Erfahrungen der Betrachterin und ihr Wissen über den historischen Entstehungskontext, was sie auf der Fotografie sieht.
So können sich Fotografien der ursprünglichen Intention der Produzenten entziehen und neue Wirkungen entfalten. Sie koppeln sich von ihrem spezifischen Entstehungskontext ab und beginnen, ein Eigenleben zu führen. Das macht sie zu einem interessanten Untersuchungsobjekt zu Fragen nach ihrem uneindeutigen Charakter und ihren verschiedenen Verwendungen oder auch zu Biographien einzelner Fotografien oder von Bildprogrammen.

Das Beispiel dieser Fotografie macht deutlich, wie sich mit der Bildunterschrift auch der Inhalt der Fotografie verändert: Sie wurde 2006 im Zusammenhang mit den Protesten rund um den Karikaturenstreit in Beirut aufgenommen. Die Zeitschrift Stern betitelte die Aufnahme mit der Überschrift «Ein Geistlicher heizt die Stimmung aufgebrachter Gläubiger in der libanesischen Hauptstadt an»; die Agentur AFP mit der Überschrift «Ein islamischer Geistlicher versucht die Menge zu beschwichtigen».

Ut, Nick: «Vietnam Napalm 1972», Trang Bang (Vietnam) 1972, AP Images, ID: 7206080850 © Associated Press. Online: AP Images, [Stand: 9.4.2014].

Historikerinnen und Historiker interessieren sich nicht nur für die zeitgenössischen Verwendungsweisen von Fotografien, sondern auch dafür, wie diese historischen Fotografien heute genutzt werden und welche Rolle ihnen bei der Erinnerung an die Vergangenheit zukommt. Die Erinnerung wird wesentlich über Bilder gesteuert. Fotografien speichern visuelle Eindrücke und helfen später, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Sie übernehmen nicht nur eine wichtige Funktion bei der persönlichen Erinnerung an geliebte Personen oder vergangene Erlebnisse, sondern formen auch die kollektive Wahrnehmung der Geschichte mit.
Untersucht werden Fotografien, die die Erinnerung an eine Person oder ein Ereignis nachhaltig geprägt haben. Es sind meist Fotografien, die über einen längeren Zeitraum hinweg in verschiedenen Kontexten präsentiert wurden und daher einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen. Sie stehen geradezu symbolisch für den Inhalt, den sie zeigen. Dabei interessiert auch, weshalb einzelne Fotografien immer wieder neu reproduziert werden und wie sie langfristig die Erinnerung an die Geschichte mitformen und so Geschichte schreiben.
Forschende befassen sich im Weiteren auch mit der Geschichtsvermittlung und fragen, welche Fotografien in Schulbüchern, Museen oder bei Gedenkanlässen verwendet werden. Sie untersuchen, wie Fotografien das visuelle Bild der Vergangenheit beeinflussen, wie sie am Prozess der Erinnerung mitwirken und welche Rolle sie bei der Konstruktion der Geschichte spielen.

Auch wenn wir nicht beteiligt waren, wissen wir, dass diese Fotografie eine Szene aus dem Vietnamkrieg zeigt. Die Fotografie des «Napalm Girls» von Nick Ut, das 1972 erstmals in der New York Times erschien, fehlt heute in kaum einem Geschichtsbuch und hat die Erinnerung an den Vietnamkrieges nachhaltig geprägt.

Londe, Albert: «Bâillements hystériques», o.O ca.1890, in: Nouvelle Iconographie de la Salpetrière; Clinique des Maladies du Système Nerveux, T.III, Pl. XVIII, Paris, 1890. Online: Wellcome Images, [9.4.2014].

Inszenierte Fotografien geben Vorstellungen und Normen wieder und sind deswegen interessante Quellen zu zeitgenössischen Sichtweisen. Gleichzeitig wirken die Fotografien aber auch auf die Vorstellungswelten zurück und verfestigen Normen, Idealbilder und Vorurteile.
Historikerinnen und Wissenschaftler aus anderen Fächern beschäftigen sich insbesondere mit der visuellen Konstruktion von Geschlecht, Klasse, Krankheit, Kriminalität und Ethnie. Sie fragen danach, wie diese Konzepte fotografisch erfasst und über die Publikation von Fotografien in Zeitungen, wissenschaftlichen Büchern oder auf Werbeplakaten vermittelt und verfestigt werden.
Arbeiten zur Gendergeschichte befassen sich z.B. mit den in Medienbildern dargestellten Normen von Weiblichkeit und Männlichkeit und ihrem Einfluss auf Geschlechterrollen und Identitätsfragen. Andere Untersuchungen befassen sich mit Fotografien aus dem Orient und den europäischen Kolonien und fragen, wie diese die Vorstellungen der «Fremde» und der «Anderen» formten. Interessante Arbeiten liegen auch zur visuellen Konstruktion «des Kriminellen» vor: Ausgehend von der Annahme, dass sich delinquentes Verhalten im äusseren Erscheinungsbild wiederspiegle, wurden im ausgehenden 19. Jh. mithilfe der Fotografie Verbrechertypen ermittelt und die stereotypen Bilder reproduziert.
Diesen Untersuchungen ist gemeinsam, dass sie die Wirkungsmacht der Bilder zeigen: Bilder und insbesondere die authentisch wirkende Fotografie formen Vorstellungen und erzeugen Realitäten, die wiederum Handlungen beeinflussen.

Seit Ende des 19. Jh. fotografierten Ärzte ihre Patienten und versuchten, das unsichtbare Seelenleben an körperlichen Symptomen kenntlich zu machen. Visualisiert wurden so auch Vorstellungen von Anormalität und Krankheit. Die stereotypen Bilder des Wahnsinns klingen in populären Darstellungen bis heute nach.

Levy, Charles: «Photograph of the Atomic Cloud Rising Over Nagasaki, Japan», Japan 1945, U.S. National Archives, Military Records, Identifier: 535795. Online: National Archives, [Stand: 9.4.2014].

Wenn Fotografien die Erinnerung mitgestalten oder Vorstellungen formen, wirken sie als Akteure. Sie repräsentieren Geschichte nicht nur, sondern gestalten sie mit. Fotografien können darüber hinaus auch Emotionen wie Trauer, Freude, Angst oder Protest hervorrufen und damit Handlungen auslösen und Prozesse in Gang setzen.
Der aktivierende Effekt, der von Bildern ausgeht, wird bewusst instrumentalisiert und Fotografien etwa als Werbemittel oder als Waffen in politischen und militärischen Auseinandersetzungen eingesetzt. Fotografien, die in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden, können auch ein Eigenleben entwickeln und eine eigenständige Wirkungsmacht entfalten.
Fotografien können sogar Realitäten generieren, d.h. Ereignisse werden eigens für die Bildberichterstattung erzeugt. Fotografien werden zum Bestandteil eines Ereignisses, über das berichtet wird, und so selbst zu Taten. Die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis in Abu Ghraib aus dem Jahr 2003 sind zugleich ein Beispiel dafür, dass Bilder Taten sein können und Prozesse auslösen: Einerseits wurden die Gefangenen mit dem Festhalten der Folter auf Fotografien erniedrigt und gedemütigt, andererseits führte die Veröffentlichung der Fotografien zu einer weltweiten Auseinandersetzung über die Folter und die Missstände in Abu Ghraib.
Historikerinnen und Historiker anerkennen zunehmend die generative Kraft von Fotografien und untersuchen, wie Fotografien als Akteure Prozesse in Gang setzten und Realitäten erzeugten.

Mit den Fotografien der Atompilze, die nach den Atombombenabwürfen über den japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki 1945 aufstiegen, wollten die USA auch bildlich demonstrieren, dass sie atomare Bomben besitzen und bereit sind, diese einsetzen. Diese Fotografien wurden zu einer Waffe im beginnenden Kalten Krieg.

o.F.: «Porträtt av okänd man», o.O. ca. 1850, Nordiska museet, DigitaltMuseum, Identifikationsnr.: NMA.0052911. Online: Digitalt Museum, [Stand: 9.4.2014].

Fotografien treten in vielfältigen Formen und an unterschiedlichen Orten auf: als Abzüge in Fotoalben, in Bilderrahmen hinter Glas, einzeln in einer Schuhschachtel oder als Teil einer Sammlung im Archiv aufbewahrt, in Grossformat an öffentlichen Orten präsentiert oder in einer Publikation veröffentlicht. Wo und in welcher Form eine Fotografie aufbewahrt wird, lässt Rückschlüsse auf ihre Verwendungsgeschichte zu. Aus diesem Grund werden auch der Fundort und die Präsentationsform einer Fotografie betrachtet und bei eigenen Forschungsprojekten folgende Fragen gestellt:

  • Wo wurde die Fotografie gefunden? Wie ist sie in dieses (Online-)Archiv, diese Sammlung oder in dieses Album gelangt?
  • Wie wurde die Fotografie aufbewahrt? In einem Etui, Rahmen oder lose?
  • Wurde sie öffentlich in einer Ausstellung oder in einer Publikation gezeigt? Zu welchem Zweck?
  • Gehört die Fotografie zu einer Reihe oder zu einer Sammlung?

Ausgehend von den Antworten stellen sich unterschiedliche Folgefragen: Wurde die Fotografie veröffentlicht, wird die Publikation oder der Ausstellungskontext beschrieben; befindet sie sich in einer Sammlung, interessieren die Sammlungsgeschichte und die Sammlungskriterien; ist sie in ein Album eingeklebt oder gesteckt, wird sie in Bezug auf die anderen Fotografien betrachtet und nach der Person gefragt, die das Album gestaltet hat.

Daguerreotypien wurden mit einem Deckglas versehen, gerahmt und üblicherweise in speziellen Etuis aufbewahrt. Die Etuis waren häufig mit Samt oder Seide ausgekleidet und in Leder eingebunden. Sie erfüllten nicht nur eine Schutz-, sondern auch eine repräsentative Schmuckfunktion. Die Machart eines Etuis verrät demnach etwas über die Herkunft der Daguerreotypie wie auch deren Inhaberin.

Beispielbilder und weitere Beschreibungen der fotografischen Verfahren finden sich in der Photobibliothek – Lexikon der Illustrationsverfahren.
Magnat Frères: «Müller, Johann Friedrich", Basel 1861, BM Archives, Reference: QS-30.001.0376.01. Online: BM Archives, [Stand: 9.4.2014].

Bei der Fotoanalyse müssen auch die technischen Aspekte und die materiellen Eigenschaften betrachtet werden. Wie eine Fotografie aussieht, hängt nämlich auch von der verfügbaren Technologie – der Kamera, dem Zubehör und dem Fotomaterial – ab.

Zudem kann über die materielle Beschaffenheit und das Format der ungefähre Entstehungszeitraum einer Fotografie bestimmt werden: Insbesondere im 19. Jh. gab es verschiedene Verfahren zur Herstellung von Negativen und Abzügen, die aber jeweils nur während einer gewissen Zeitspanne Anwendung fanden. Für Kennerinnen und Kenner der Fotogeschichte ist es möglich, über die äusseren Merkmale das fotografische Verfahren zu bestimmen und damit auch den ungefähren Zeitrahmen, in dem die Fotografie entstand. Es lohnt sich also, folgende Aspekte genauer zu beachten:

  • Handelt es sich um ein Negativ oder ein Positiv?
  • Format: in welcher Grösse liegt die Fotografie vor? Ist sie auf einen Untersatzkarton aufgezogen? Bildträger: ist die Fotografie aus Glas, Papier, Blech oder liegt das Negativ auf Film vor?
  • Farbe: ist die Fotografie schwarz/weiss, sepia oder farbig? Ist sie ausgebleicht? Wurde sie nachträglich koloriert?
  • Oberfläche: ist die Fotografie matt oder glänzend? Gibt es einen Metall- oder Spiegeleffekt? Ist die Struktur faserig?

Das Datierungstool hilft bei der Bestimmung des fotografischen Verfahrens, sodass die ungefähre Entstehungszeit der Fotografie festgestellt werden kann. Die Zeitleiste gibt einen Überblick über die Fotogeschichte und zeigt, zu welcher Zeit die jeweiligen Verfahren angewendet wurden und wann die einzelnen Formate, beispielsweise die Carte-de-Visite oder die Stereoskopie, besonders beliebt waren.

Ein glänzendes, negatives Bild auf Glas, das durch Hinterlegung eines schwarzen Blattes als Positiv erscheint – hier kann es sich nur um eine Ambrotypie handeln! Dieses Fotoverfahren wurde 1852 entwickelt, fand aber nur bis Mitte der 1860er Jahre allgemeine Anwendung (heute wird dieses Verfahren im künstlerischen Bereich eingesetzt). Die ungefähre Datierung ist also auch über die materiellen Eigenschaften dieser Fotografie bestimmbar.


Vorder- und Rückseite der Bildpostkarte: o.F.: «Foto dreier Jungen», o.O. 1906, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Kolonialismus und afrikanische Diaspora auf Bildpostkarten, ohne Bildnummer. Online:
Digitale Sammlungen der Universität zu Köln, [Stand: 16.8.2013]. Die Postkarte wurde 1906 von Köln nach Königswinter verschickt.

Zum historischen Kontext von Fotografien gehören auch Bildaufschriften, Bildbeschreibungen, Untertitel und andere begleitende Texte. Ohne schriftliche Angaben können viele Fotografien kaum erschlossen werden. Bei der Analyse wird daher auch der schriftliche Kontext, der die Fotografie umgibt, beachtet:

  • Wird die Fotografie von einem Text umgeben, z.B. innerhalb einer Publikation oder zusammen mit einem Brief?
  • Gibt es eine Bildlegende, eine handschriftliche Bildunterschrift oder Aufschrift?
  • Was steht auf der Rückseite? Aufnahmedatum, Ort, persönliche Notizen, Seriennummer oder Stempel des Fotostudios?

So können Informationen zum Fotografen, den Abgebildeten, Ort, Datum und Aufnahmesituation oder zum Publikationszusammenhang direkt dem schriftlichen Umfeld entnommen werden. In Online-Archiven werden diese Angaben oft in Form von Metadaten geliefert. Die schriftlichen Informationen müssen kritisch hinterfragt und auf ihre Plausibilität überprüft werden, denn es ist möglich, dass verschiedene Abzüge einer mehrfach reproduzierten Fotografie unterschiedliche Bildlegenden tragen, die dem Sammlungs- oder Publikationskontext angepasst wurden. Zudem werden Beschriftungen teilweise erst bei der Archivierung hinzugefügt und spiegeln ebenfalls den jeweiligen Zeitgeist.
Die mit überlieferten Angaben weisen auf den Entstehungs- oder Verwendungszusammenhang hin und helfen, die visuellen Informationen einzuordnen. Man sollte sich aber auch bewusst sein, dass die Bildlegende die Wirkung einer Fotografie stark lenkt und so auch die eigene Interpretation beeinflusst.

Die Universität zu Köln stellt ihre Bildpostkartensammlung online zur Verfügung, wobei jeweils Vorder- und Rückseite der Postkarten angeschaut werden können. Die Grussbotschaften, Poststempel und Aufdrucke verraten zwar wenig über die Entstehung der Fotografien, dafür aber über ihre Verwendung als Bildpostkarten.

Folgendes Buch bietet eine Einführung in die Bildbestimmung und ist mit hilfreichen Übersichtstabellen, Beispielbildern und Literaturverweisen versehen: Starl, Timm: Bildbestimmung, Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839-1945, Marburg 2009.
Rückseite eines Untersatzkartons eines Visikartenporträts, Fotografi F.Solza & Co, Lugano, o.D., Private Sammlung.

Fotografien sind als historische Quellen und Forschungsgegenstände nur brauchbar, wenn etwas über ihre Entstehungszeit bekannt ist. Verschiedene Hinweise auf dem Bildinhalt, in der materiellen Erscheinung der Fotografie und ihrer Präsentationsform helfen bei der Datierung und Identifizierung von unbeschriftetem Fotomaterial:

  • Materielle Beschaffenheit: über äussere Merkmale gelangt man zum fotografische Verfahren, das während einer gewissen Zeit angewendet wurde
  • Realien: z.B. abgebildete Personen, Kleidung, Accessoires, Gebäude oder Verkehrsmittel
  • Standardisierte Formate: z.B. Carte-de-Visite oder Zuschnitt von Glasplatten
  • Aufbewahrungs- und Präsentationsformen: z.B. Alben, Etuis oder Passepartouts
  • Hinweise auf Fotografen, Ateliers und Verlage: z.B. Etiketten, Stempel, Prägungen oder Untersatzkartons epochenspezifische Darstellungskonventionen und Stilmittel
  • Hersteller von bestimmten Bildträgern: z.B. Platten oder Untersatzkartons
  • Beschriftung auf den Fotografien: Schriften, Vokabular und Schreibweisen

Vorsicht: Die materielle Beschaffenheit und die Präsentationsform geben – im Gegensatz zum Bildinhalt – Aufschluss über die Entstehungszeit des Abzuges und nicht über das Aufnahmedatum!

Die Fotoabzüge aus Papier wurden im 19. Jh. auf Untersatzkartons aufgeklebt, um sie zu stabilisieren. Diese Untersatzkartons waren modischen Trends unterworfen, sodass die Stärke des Kartons, der Schnitt, die Farbe der Fläche sowie die Verzierungen, Motive und Schriften auf der Rückseite auf die Entstehungszeit verweisen.

Scheytt, William: «Missionar Scheytt bei einer Taufe in der Nähe von Gavva/Nord-Nigeria", Gavva (Nigeria) o.D., BM Archives, Reference: QQ-30.027.0174. Online: BM Archives, [Stand: 9.4.2014]. Auf der Rückseite der Karte steht ein Text, der Spenden verdankt.

Fotografien werden mit unterschiedlichen Absichten aufgenommen: Einige sind zur privaten Erinnerung geknipst worden, andere wurden aus kommerziellem Interesse in Auftrag gegeben oder dienten zur Dokumentation oder Propaganda. Die Frage nach den Bildproduzenten, d.h. dem Fotografen und der Auftraggeberin, und ihren Absichten sind wesentlich bei der Analyse von Fotografien. Bei der Bildinterpretation müssen also auch folgende Fragen gestellt werden:

  • Zu welchem Zweck wurde die Fotografie aufgenommen? Welche Botschaft wollen die Bildproduzenten vermitteln?
  • Wurde die Fotografie zu privaten Zwecken aufgenommen oder war sie von Anfang an zur Veröffentlichung vorgesehen?
  • Sind die Abgebildeten die Auftraggeber?
  • Wer hat die Fotografie gemacht? Eine beauftragte Berufsfotografin oder ein Amateurfotograf aus persönlichem Interesse?
  • In welchem Verhältnis stehen die Fotografin und die abgebildeten Personen zueinander?
  • Entstand die Fotografie in einem inszenierten Rahmen? Posieren die Abgebildeten? Oder ist es ein Schnappschuss?
  • Für wen wurde die Fotografie gemacht? Wer sind die Adressaten?

Publizierte Missionsfotografien unterscheiden sich häufig von den Aufnahmen, die die Missionare für ihre privaten Alben machten. Da die Missionshäuser Fotografien zur Spendenwerbung in der Heimat verwendeten, erstaunt es nicht, dass sie v.a. die missionarischen Erfolge zeigen.

o.F.: «Prime Minister Nyerere and Sir Richard Turnbull», Tanganjika (Tanzania) vermutlich 1961-1964, ohne weitere Angaben. Online: Tanzanian Affairs, [9.1.2014].

Richtet sich das Augenmerk auf den Bildinhalt, ist es hilfreich, diesen zuerst möglichst genau zu beschreiben. Bei der sprachlichen Benennung werden Merkwürdigkeiten und Details ebenso beschrieben wie die Bildelemente, die auf den ersten Blick offensichtlich erscheinen. Die Fotografie muss also genau betrachtet werden:

  • Wie viele Personen sind auf der Fotografie abgebildet? Sitzen sie in der Bildmitte oder stehen sie am Rand? Wie stehen die Personen zueinander?
  • Wie sehen die Personen aus? Wohin schauen sie? Wie sind ihr Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung? Was tun sie?
  • Wie sind die Personen gekleidet? Tragen sie Schmuck oder Accessoires? Halten sie etwas in den Händen?
  • Welche Gegenstände sind auf der Fotografie sichtbar? Wie sind sie angeordnet? Sind Strassenschilder, Werbetafeln oder Denkmäler erkennbar?
  • Wie sieht die Umgebung aus? Sind Tiere, Gebäude oder Verkehrsmittel abgebildet? Wurde die Fotografie im Freien oder in einem Studio aufgenommen?
  • Aus welcher Perspektive wurde die Fotografie aufgenommen? Wie ist der Ausschnitt und die Belichtung gewählt?

Die konkrete begriffliche Fassung des Bildinhaltes hilft, eine Fotografie genau anzuschauen, Hinweise für die Identifizierung zu finden und bereitet die nachfolgende Interpretation vor.

Details können nicht nur für die Interpretation, sondern auch für die Identifizierung von Fotografien entscheidend sein: Anhand der Fahne von Tanganjika im Hintergrund erkennt man, dass diese Fotografie zwischen 1961, als Tanganjika unabhängig wurde, und 1964 entstanden sein muss, als sich das Land mit Zanzibar zu Tanzania zusammenschloss. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Fahne nicht mehr verwendet.

Folgendes Buch bietet einen Überblick über die wichtigsten Methoden und theoretischen Ansätze der Fotoanalyse: Jäger, Jens: Fotografie und Geschichte, Frankfurt/Main 2009, S. 74-103.
Coverbild: «Reading an image in the Other context. A visual essay by Paul Jenkins», produziert von Matt Gainer, 2012. Online: Center for Religion & Civic Culture, [Stand: 30.12.2013].

Bei der Bildinterpretation sind Kenntnisse über die Aufnahmesituation, die Beteiligten und ihren Gestaltungsspielraum, die technischen Möglichkeiten sowie über die zeitgenössischen Darstellungskonventionen und den allgemeinen historische Kontext zentral.
Bei der Interpretation sollten aber noch weitere Fragen gestellt werden:

  • Was ist das Thema der Fotografie? Welches Motiv steht im Zentrum des Interesses?
  • Wie ist das Motiv dargestellt? Wird mit Symbolen gearbeitet?
  • In welcher Weise ist die Fotografie inszeniert? Welche gestalterischen Massnahmen wurden vorgenommen?

Auch historische Erkenntnisse fliessen in die Interpretation mit ein, die Fotografie soll also auch aus heutiger Perspektive kritisch gedeutet werden.
Historikerinnen und Historiker verwenden unterschiedliche Methoden zur Interpretation von Fotografien. Welcher Ansatz gewählt wird, hängt vor allem von der Forschungsfrage ab.

Im visuellen Essay «Reading an image in the Other context» zeigt Paul Jenkins anhand einer Fotografie, wie wichtig die Kenntnisse über den historischen und kulturellen Kontext sind, um eine Fotografie zu entschlüsseln. Der Essay ist online verfügbar.

Gol'dštejn, Grigorij: «Lenin mit Kamenev und Trotzki auf dem Sverdlov-Platz», Moskau 1920, Moskau, RGASPI, 393/1/205. Online: Wikimedia Commons, [Stand: 9.4.2014] (Bis ca. 1927 in UdSSR verbreitet).


Gol'dštejn, Grigorij: «Der 5. Mai 1920 aus der manipulierten Perspektive der 1970er-Jahre: Trotzki und Kamenev am rechten Treppenaufgang sind wegretuschiert», Moskau 1920, in: A.I. Petrov (Hg.), V.I. Lenin. Al'bom fotografij [V.I. Lenin. Ein Foto-Album], IMEL, Moskau 1974, Abb. 111. Online: Wikimedia Commons, [Stand: 9.4.2014].

Weitere Informationen zur Geschichte dieser Fotografie und zur sowjetischen Bildpolitik bietet folgender Aufsatz: Waschik, Klaus: Virtual Reality. Sowjetische Bild- und Zensurpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er-Jahren, Aug. 2010, in: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe 7, H. 1, 2010. www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Waschik-1-2010 [Stand: 10.1.2014]

Je nach Fragestellung wird auch untersucht, wie eine Fotografie im Laufe der Zeit verwendet wurde, welche Wirkung sie auf die Betrachter hatte und welche Bedeutung ihr zugeschrieben wurde. Die Aufbewahrung, die Präsentationsform und der schriftliche Kontext verraten viel über die Verwendungsgeschichte einer Fotografie. Bei veröffentlichten Fotografien geben zudem die Auflagenhöhe, der Erscheinungsort und die Art der Publikation, die die Fotografie beinhaltet, weitere Informationen über das mögliche Publikum.
Die Analyse der Verwendungsgeschichte ist interessant, weil Fotografien in verschiedenen Zusammenhängen verwendet werden und ihre Bedeutung verändern: Private Fotografien zirkulierten beispielsweise später als Postkarten, aus Dokumentarfotografien wurden Werbeplakate, aus Fotoalben werden historische Quellen. Es lohnt sich also, weitere Nachforschungen anzustellen – beispielsweise die folgenden:

  • Suche in weiteren Archiven, Museen und Publikationen nach derselben Fotografie
  • Vergleich der Aufbewahrungs- bzw. der Publikationskontexte und der Bildlegenden
  • Wurde die Fotografie verändert, beschnitten, retuschiert oder sogar manipuliert? Wurde sie zensiert? Aus welchen Gründen?
  • An welches Publikum richtete sich die veröffentlichte Fotografie?

Es ist generell schwierig, Aussagen über die Betrachter einer Fotografie oder deren Wirkung zu machen. Über die Verwendungsgeschichte können aber dennoch mögliche zeitgenössische und spätere Rezipienten ermittelt werden.

Die Geschichte dieser Fotografie ist noch interessanter als ihr Entstehungskontext: Auf der Originalaufnahme, die in den 1920er Jahren in der Sowjetunion als Postkarte zirkulierte, waren neben Lenin auch Trotzki und Kamenev abgebildet. Wieso wurden die beiden später wohl wegretuschiert?

In folgendem Buch werden die Vorgehensweise bei der seriell-ikonographischen Fotoanalyse und konkrete Anwendungsbeispiele beschrieben: Pilarczyk, Ulrike/Mietzner, Ulrike: Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005.
Buchcover: Starl, Timm: Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, München/Berlin 1995.

Die bisher beschriebenen Schritte beziehen sich auf die Analyse einzelner Fotografien. Will man aber allgemeinere Aussagen über Visualisierungsformen, Bildprogramme oder die soziale Praxis des Fotografierens machen, müssen mehrere Fotografien oder ganze Bestände untersucht werden.
Die Untersuchung von Serien kann z.B. zeigen, welche Motive in Ferienkatalogen dominierten, welche Postkartenmotive in einer bestimmten Zeit besonders beliebt waren oder welche Momente einer Hochzeitsfeier typischerweise fotografiert werden. Sie lassen Aussagen zur Fotopraxis in unterschiedlichen Zeiten und Regionen und zur historischen Entwicklung fotografischer Praxen zu. Seriell-ikonographische Verfahren fokussieren auf die Darstellungsformen, etwa wie man Herrscher porträtierte oder wie Freundschaften visuell dargestellt wurden. Werden Fotografien aus einem längeren Zeitraum betrachtet und verglichen, kann so der Wandel von Bildkonventionen nachgezeichnet werden.
In der Forschungspraxis werden die seriellen Verfahren und die Einzelbildanalyse häufig kombiniert, d.h. es werden grössere Fotobestände auf Motive und Darstellungsformen untersucht und diese anschliessend in der Analyse einzelner Fotografien vertieft betrachtet.

Um die Entwicklung der Knipserpraxis in Deutschland und Österreich zwischen 1880 und 1980 nachzuzeichnen, untersuchte Timm Starl 70'000 Fotografien aus privaten Alben. Dabei arbeitete er u.a. die zentralen Fotomotive heraus und zeigt auf, dass die Mehrheit der privaten Fotografien in der Freizeit und insbesondere im Urlaub entstand.