Das Staatsarchiv Zürich als Erinnerungs-Ort

Im Gegensatz zum Klosterarchiv Einsiedeln ist das Staatsarchiv Zürich kein kirchliches, sondern ein staatliches Archiv: Es übernimmt, erschliesst und konserviert die dauernd überlieferungswürdigen Unterlagen des Kantonsrats, der Regierung, der kantonalen Zentral- und Bezirksverwaltung sowie der Gerichte und Anstalten.
Als historisches Archiv verwahrt das Staatsarchiv zudem das Verwaltungsschriftgut des alten Stadtstaates Zürich bis 1798 (bis zur Helvetik). Im Staatsarchiv Zürich wird also neben den modernen Akten auch der grösste Teil der Akten aus dem Zürcher Ancien Régime aufbewahrt, darunter viele Kirchenakten.

Zürich war Königspfalz und Reichsstadt, Partner und Vorort der Eidgenossenschaft und gelangte nach der Reformation in den Besitz zahlreicher säkularisierter Klöster und Kirchenämter. Die Bestände des Staatsarchivs Zürich sind deshalb reich und von überregionalem Interesse. Und weil Zürich im Laufe seiner Geschichte von (Kriegs-) Schäden mehrheitlich verschont blieb, sind viele der fragilen Papiere erhalten: Die Zürcher Rats- und Regierungsprotokolle etwa liegen seit dem 14. Jahrhundert fast komplett vor. All dies macht aus dem Staatsarchiv einen zentralen Ort für Zürcher Erinnerungen.

Für alle Besucherinnen und Besucher der erste Schritt im Staatsarchiv Zürich: die Anmeldung.

Im Jahr 1837 kommt es zur Gründung des Staatsarchivs Zürich, nachdem zuvor Kanzleien und Registratoren (= Archivare) das Verwaltungsschriftgut und die Rechtsschriften Zürichs gesammelt haben. Besitzansprüche zu dokumentieren und staatliches Handeln abzubilden – das ist bis heute die Hauptaufgabe des Staatsarchivs geblieben. Im Gegensatz zum Ancien Régime steht der Zugang nun aber allen offen: Die offiziellen Papiere sind kein Staatsgeheimnis, kein – wie es früher hiess – «Arcanum» mehr, sie sind nun auch der Geschichtsforschung zugänglich.
Die modernen Bestände prägen das Profil des Staatsarchivs Zürich, das jedes Jahr um Hunderte von Laufmetern wächst, insgesamt 30 Papierkilometer misst und einige Terabytes elektronische Dokumente speichert. Als expandierendes Gedächtnis verfügt das Staatsarchiv Zürich zudem über viele privater Herkunft, von Zürcher Firmen, Vereinen, Zünften, Parteien oder Privatpersonen.
Dagegen führen die Zürcher Gemeinden eigene Archive, etwa die Stadtarchive von Zürich und Winterthurmit eigenen Lokalitäten. Die Bestände dieser Gemeindearchive sind vor allem für die Zeit nach 1798 reichhaltig. Für die Zeit davor bleibt das Staatsarchiv Zürich die erste Adresse für Zürcher Geschichtsinteressierte.

Die Archivarinnen und Archivare vor Ort helfen weiter.

Besucherinnen und Besucher, die zum ersten Mal im Staatsarchiv Zürich arbeiten, stossen bei ihrer Quellensuche auf Schwierigkeiten, die nicht zürichspezifisch sind, sondern in jedem Archiv auftreten. So musst Du Deine genaue Fragestellung oft erst einmal finden, was eine spezielle Kunstfertigkeit verlangt; oder Deine Fragestellung ist noch zu vage oder schon zu speziell; oder dann liefern die vorhandenen Findmittel zu den gewünschten Schlagwörtern keine Treffer. In dieser Situation gilt es, sogleich die Archivarinnen und Archivare vor Ort um Rat zu fragen, statt allein in die Irre zu gehen, sofern man grundsätzliche Auskünfte nicht schon vor dem ersten Besuch eingeholt hat.
Im Staatsarchiv Zürich selber bietet der Katalograum(offizielle Bezeichnung «Lesesaal Repertorien») mit seinem Auskunftsschalter und seinen Findmitteln Wegweiser durch die Papierflut, und dies in grosser Fülle: Das primäre Findmittel ist der Online-Archivkatalog, er kann, wie der Name sagt, über Internet und damit schon vor einem Archivbesuch abgefragt werden. Im Staatsarchiv stehen aber zusätzlich immer noch handgeschriebene Register, gedruckte Inventare und maschinengetippte Findbücher zur Verfügung. Ein einziger Zugang zu allen Quellen besteht somit nicht, Du musst oft verschiedene Medien und Suchstrategien gleichzeitig benutzen. Auch darin ist das Staatsarchiv Zürich keine Ausnahme in der Archivlandschaft.

Die Bibliothek des Staatsarchivs Zürich.

Der einfachste Zugang zu den Zeugnissen von früher geht von der einschlägigen Forschungsliteratur aus, also von Hinweisen in Büchern oder Aufsätzen auf entsprechende Quellenbestände des Staatsarchivs. Die Präsenzbibliothek des Staatsarchivs Zürich bietet dazu einen sehr guten Service. Sie verfügt nicht nur über die wichtigsten Werke zur Geschichte Zürichs und der Schweiz, die – thematisch aufgestellt – frei zugänglich sind, sondern sie besitzt auch einen Grossteil der unselbstständigen Literatur (Artikel und Aufsätze) oder der sogenannten grauen Literatur (Broschüren, Privatdrucke) zur Zürcher Geschichte, neben fast allen kantonalen Gemeindegeschichten.
Dieser gesamte Bibliotheksbestand ist elektronisch retrokatalogisiert und wird daher sinnvollerweise bereits vor dem Archivbesuch von zu Hause aus am PC erkundet. Auf diese Weise kann man vor Ort, vor den Bücherregalen des Staatsarchivs Zürich, leicht mit der Suche nach Zürcher Quellen und deren Signaturen beginnen.

Auch der Online-Archivkatalog orientiert sich am Archivplan. Hier ein Ausschnitt aus der «Archivplansuche» des Online-Katalogs des StAZH.

Als anderer Weg, sich den Schätzen des Staatsarchivs Zürich zu nähern, bietet sich der Archivplan des Staatsarchivs an. Damit ist die Übersicht über alle Archivbestände gemeint, die der Zürcher Staatsarchivar Paul Schweizer 1897 geschaffen hat und die bis heute relativ weitgehend Gültigkeit besitzt.
Der Archivplan des Staatsarchivs Zürich ordnet die Archivalien mit Hilfe der Buchstaben A bis Z und benennt Untereinheiten mit römischen Ziffern (etwa B I–XII). Diese Buchstaben stehen, wenn auch nicht trennscharf, für verschiedene Epochen und für verschiedene staatliche Ämter: A–J bezeichnet die Archivbestände bis 1798; K deckt einen Grossteil der Periode der Helvetik, Mediation und Regeneration ab; und die Buchstaben L–Y ordnen das Schriftgut seit 1831. Für die neuere Zeit besteht ein separates Verzeichnis in dem die Bestände nach dem Provenienzprinzip geordnet sind.
An diesem Archivplan orientiert sich auch das zentrale Findmittel des Staatsarchivs Zürich, der Online-Archivkatalog. Für die Frühe Neuzeit sind dabei hauptsächlich das ältere Hauptarchiv und dessen Nebenarchive von Interesse (A–J), mit den drei grossen Archiveinheiten A («Akten»), B («Bücher») sowie C («Urkunden»), die sich wiederum durch bestimmte formale Eigenschaften auszeichnen.

«Trucke» des alten Zürcher Kanzleiarchivs, in der Ehegerichtsakten aufbewahrt wurden.

Unter dem Buchstaben A findest Du alle losen Akten abgelegt, welche die alten Zürcher Kanzleien in Holzschubladen, in sogenannten «Trucken», aufbewahrt haben. Diese ungebundenen Akten handeln von der Verwaltung in Stadt und Landschaft Zürich, sie berichten von Kriegen und dem Zürcher Gerichtswesen, und sie dokumentieren die Beziehung Zürichs zur Eidgenossenschaft und zum Ausland. Ganz unterschiedliche Quellentypen sind hier vertreten, etwa Mandate, Briefe, Verträge, Kundschaften oder Verhörprotokolle.
Die Staatsarchivare des 19. Jahrhunderts haben diese alte Ordnung der «Trucken» zum Teil aufgebrochen und nach dem Pertinenzprinzip neue Untersektionen gebildet, etwa zum Hexenprozess von Wasterkingen von 1701. Zum Glück jedoch nicht lange, so dass die Verweise im alten Sachregister (im «Blauen Register», vgl. dazu später) auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Insgesamt ist der Bestand A der besterschlossenste des Staatsarchivs Zürich zur frühen Neuzeit und damit der ideale Einstieg. Ausgehend von den Akten kannst Du nämlich leicht nach weiteren Quellen fahnden, etwa in den Büchern und Bänden der Archivsignatur B.

Protokoll über eine Gerichtsverhandlung auf der Kyburg von 1750 (Staatsarchiv Zürich, B VII 21.22)

Die Abteilung B des Staatsarchivs besteht ebenfalls aus Akten, im Gegensatz zu A freilich in gebundener Form, in 9'600 Büchern oder Bänden. Auch diese Quellen zeichnen ein reiches Bild von der frühneuzeitlichen Herrschaft Zürichs und ihrer Verwaltung der Landschaft, in letzterem Fall sogar bis 1831.
In vielerlei Hinsicht ergänzen die Bücher (B) die Akten aus A, etwa in B IV mit den Zürcher Missiven, das heisst den Kopien der ausgehenden Korrespondenz Zürichs: Sie bieten die Antwort auf die in A aufbewahrten Anfragen an den Zürcher Rat. Aufschlussreich ist zudem B II mit den Protokollen des Zürcher Rates; B VI mit den Gerichtsbüchern sowie B VII mit Dokumenten zur Verwaltung der Zürcher Landvogteien, Obervogteien und Gerichtsherrschaften.
Der Bestand C schliesslich versammelt die Urkunden von Stadt und Landschaft Zürich, sei es in Form von Originalen, sei es als Abschrift in Kopialbüchern. Die über 50'000 Urkunden sind relativ gut erschlossen, da die frühere Historiographie auch in Zürich diesen Quellentyp bevorzugt erforscht hat.

Recherchen per Zürcher Archivplan verlangen also ein gewisses Vorwissen über die Organisation des Zürcher Staatswesens. Anfängerinnen und Anfänger im Archiv, an die Suchmasken moderner Bibliothekskataloge gewöhnt, werden zunächst wohl lieber mit entsprechenden Schlag- und Stichwörtern auf Quellensuche gehen wollen. Dazu bietet das Staatsarchiv Zürich ebenfalls Hand.
Seinen gesamten Archivbestand erfasst das Staatsarchiv Zürich im Online-Archivkatalog. Dieser bietet drei verschiedene Suchmöglichkeiten:

  • die Volltextsuche
  • die Archivplansuche
  • die Feldsuche

Die Volltextsuche erlaubt eine Abfrage nach Wörtern oder Ausdrücken, unabhängig davon, in welchem Feld diese vorkommen. Die Archivplansuche bietet die Möglichkeit einer strukturierten Recherche in der Archivtektonik, der hierarchischen Struktur des Archivs. Mit der Feldsuche schliesslich kann in einem bestimmten Datenbankfeld (z.B. Titel oder Signatur) nach einem Wort oder einem Ausdruck gesucht werden.
Eine archivübergreifende Onlinesuche bietet das Archivportal «Archives Online», an dem eine steigende Zahl von grösseren Archiven partizipiert.

Das Weisse und Blaue Register im Staatsarchiv Zürich.

Aussergewöhnlich innerhalb der Schweizer Archivlandschaft ist das Staatsarchiv Zürich dank eines speziellen Findmittels. Der Registrator Johannes Rahn begann 1713 alle Zürcher Akten, wie sie in den «Trucken» lagen, Stück für Stück zu verzeichnen. Diese Regesten wurden von ihm und seinen Nachfolgern in Folianten eingetragen, die nach der Farbe der Einbände «Weisse Register» genannt werden. Auf dieser Grundlage wiederum schuf der Registrator Salomon Wolf nach 1765 ein blau gebundenes Orts- und Sachregister (das «Blaue Register»), das für die Bestände A, E I und B VIII eine aussergewöhnliche thematische Erschliessungstiefe bietet – nämlich bis auf die Ebene der einzelnen Akte. Mit Erfolg schon damals: Zunächst wurden so alle Archivalien bis 1739 verzeichnet, dann die von 1740–1789 und schliesslich die von 1790–1798 bzw. von 1803–1813. (Für die Helvetik fehlt leider ein blaues Register.)
Über die verwendeten Sachbegriffe informieren Dich die Kopfzeilen in den einzelnen Bänden des «Blauen Registers», zum Teil Übersichten am Ende eines Bandes sowie ein unvollständiges, bis «Sihlwald» reichendes Verzeichnis aller Lemmata bis 1739, an denen sich auch die späteren blauen Bände orientieren. Nur: All diese Sachbegriffe stammen aus dem 18. Jahrhundert, sie sind in deutscher Kurrentschrift geschrieben, und die Verweise des «Blauen Registers» müssen mit Hilfe einer Tabelle in die modernen Signaturen des Staatsarchivs Zürich übertragen werden. Doch das sind überwindbare Schwierigkeiten: Und Wer diese handschriftliche Suchmaschine benutzt, kommt sehr weit.

Das heutige Staatsarchiv Zürich vereint Bestände unterschiedlicher Provenienz. Ein bedeutsamer Tei des Aktenmaterials umfasst das Verwaltungsschriftgut der mittelalterlichen Rechtsvorgänger des Stadtstaates, darunter nebst dem Grossmünster auch das hier abgebildete Fraumünster. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verwalteten diese Institutionen ihr Archivmaterial selbst.

Das einzigartige «Blaue Register» deckt vieles ab – aber leider nicht alles. Dies zum einen wegen der speziellen Schlagwürter des 18. Jahrhunderts und deren Lückenhaftigkeit. Zum anderen fehlen im «Blauen Register» Verweise auf Quellen, die erst im 19. Jahrhundert ins Staatsarchiv gelangten, auf die Unterlagen des Kaufmännischen Direktoriums, der Zürcher Kirchenbehörde (das Antistitialarchiv), der Finanzbehörde, des Grossmünsterstifts, des Spitals oder des Klosters Rheinau. Die frühneuzeitlichen Archivalien dieser Gremien muss man deshalb mit anderen Findmitteln des Staatsarchivs Zürich suchen, die zwar auch Sachregister aufweisen, jedoch nicht bis zum einzelnen Dokument vordringen wie das «Blaue Register». Doch gerade das Kirchenarchiv kann beispielsweise zum Thema «Liebe, Ehe und Sexualität im alten Zürich» viele Informationen liefern.
Zu einer anderen wichtigen frühneuzeitlichen Quellengruppe im Staatsarchiv, den Protokollen des Zürcher Rates, hat der Pfarrer Johann Jakob Meyer im 18. Jahrhundert ein eigenes Promptuar geschaffen, das heisst ein Sachregister samt Regesten zu allen Ratsbeschlüssen bis 1786. Es ist als Ergänzung zum «Blauen Register» ebenso nützlich wie die vielen weiteren spezialisierten Findmittel im Staatsarchiv Zürich, etwa zu Vogteiquellen, zu Zürcher Gemeindearchiven, zu den Briefen von Humanisten. Ein inspirierender Aufenthalt nur schon im Katalograum des Staatsarchivs Zürich ist so alleweil garantiert.

Das Blaue und das Weisse Register sind für viele Fragestellungen eine Art Türöffner zum Staatsarchiv Zürich.

Am Ende dieses Überblicks über verschiedene Zugangsweisen zum Zürcher Staatsarchiv hast Du vermutlich mehr als genug Hilfsmittel zur Hand, dank denen Du mit dem Recherchieren beginnen kannst. Vermutlich hast Du sogar einige Fragen mehr als am Anfang, als es noch keine weissen und blauen oder schwarzen Findmittel gab. Vieles davon wird sich freilich klären, sobald man das Objekt seiner Wissensbegierde im Archiv konkret zu suchen beginnt – online, in Katalogen, in Rücksprache mit dem Archivpersonal und durch Lektüre der gefundenen Quellen.