Der Umgang mit Findmitteln im Staatsarchiv Zürich: Zur Liebe finden

Nachdem Dir im Kapitel «Das Staatsarchiv als Erinnerungsort» verschiedene Zugangsweisen zu einem weltlichen Archiv vorgestellt wurden, gilt es nun, die Quellensuche im Staatsarchiv Zürich anhand eines konkreten Beispiels zu erproben.

Als Thema werden dafür Geschichten um Liebe, Ehe und Sexualität im frühneuzeitlichen Zürich gewählt, nicht zuletzt, weil diese treffend veranschaulichen können, aus welchem Kräftefeld historisches Material hervorgeht: Wenn individuelle Gefühle mit staatlichen Strukturen, wenn Behörden und Herzen miteinander in Konflikt geraten, entstehen vielseitige Quellen, auch in Zürich. Das Thema verspricht zudem, den Reiz von Archivarbeit besonders augenfällig zu machen - oder wie die Historikerin Arlette Farge meint: «le goût de l'ârchive» steigere die Lust an Geschichte, sprich die Liebe für das Vergangene unweigerlich.

Ein anonymes Liebesversprechen in Form eines faltbaren Briefes aus dem Jahr 1802. Staatsarchiv Zürich, GS [=Graphische Sammlung] 633, 5.
Derartige Archivfunde sind Trouvaillen – besonders in einem Staatsarchiv. Begreiflicherweise bleiben nämlich individuelle Liebesbekundungen viel schlechter im Netz der historisch-staatlichen Überlieferung hängen als Zeugnisse über die Durchsetzung herrschaftlicher Kontrolle oder die Ahndung von Verstössen dagegen.

«Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr», meinte Friedrich Schiller 1796 zum vergeblichen Wunsch, das Innenleben in die richtigen Worten zu fassen. Schillers Sprachskepsis gilt auch für die Worte der Liebe, besonders wenn jene von Historikerinnen und Historikern in der Vergangenheit gesucht werden: Mal spricht sie in poetischen Herzensergiessungen, mal in prosaischen Akten über nicht gehaltene Eheversprechen zu uns, selten aber in den heute noch geläufigen Ausdrücken.
Das Problem, sich von den heutigen Begrifflichkeiten zu lösen und sich statt dessen Kenntnisse über die vergangenen, zeitgenössischen Wortfelder zu einem bestimmten Thema erarbeiten zu müssen, ist eine in Historikerkreisen bekannte Knacknuss beim Gang ins Archiv.
Zudem bewahrt das Zürcher Staatsarchiv (wie jedes Staatsarchiv) vor allem die Papier gewordenen Normen und entsprechenden Vergehen einer Gesellschaft auf, so dass freiwillig entstandene Zeugnisse von Zuneigung (wie der nebenstehende Liebesbrief), die man mit Liebe am ehesten in Verbindung bringt, nur selten zu finden sind: Liebesgeschichten im Staatsarchiv handeln hauptsächlich von herrschaftlicher Kontrolle und individueller Überschreitung, von Gesetzesbruch und Ahndung. Doch auch das Verbotene von damals kann - richtig gelesen - viel über das (Liebes-)Leben von früher verraten.


Im Staatsarchiv Zürich kann am PC der Online-Archivkatalog im Volltext auf Liebesworte durchsucht werden.

Auf der Suche nach Zürcher Liebesgeschichten bietet sich zunächst die Volltextsuche im Online-Archivkatalog des Staatsarchivs an. Mit dem Schlagwort Liebe trifft man im Computer auf die Zürcher Gemeinde «Liebensberg» oder gelangt zur «Liebessteuer», einer frühneuzeitlichen Abgabe für Not leidende Personen. – Liebe in Zweiergestalt sieht aber doch etwas anders aus.

Auch bei Eingabe des Suchbegriffs Sexualität hilft das moderne Findmittel kaum weiter: Mit dem entsprechenden Schlagwort landet man im Jahr 1909/1910, bei den Ausführungen des sozial engagierten Pfarrers Leonhard Ragaz zu «sexualethischen Problemen», oder 1998, beim «Referendum betr. Spezialabteilung für Sexual- und Gewaltstraftäter». Für die Frühe Neuzeit kommt dies alles reichlich spät. Reichhaltiges Material findet sich mit Hilfe des Computers einzig unter dem Schlagwort Ehe: Es verweist unter anderem auf  «Eheversprechen», die in der Frühen Neuzeit oft Anlass von Klagen waren, wenn ein Mann die schwanger gewordene Frau nicht ehelichen wollte. Das Fazit aber bleibt: Mit modernen Suchworten kommt man im Staatsarchiv Zürich der frühneuzeitlichen Liebe gegenwärtig kaum näher.

Seite aus dem «Blauen Register» des Staatsarchivs Zürich, wo diverse «Leichtfertigkeiten» verzeichnet sind. Hier ein Beispiel aus der Klasse «Frühzeitiger Beischlaf».

Der nächste Gang führt zu den alten Findmitteln, zum «Blauen Register». Dort findet man Liebesgeschichten unter einem Lemma, das man nur dank guter Kenntnis der historischen Semantik, zeitgenössischen Lexika oder der Forschungsliteratur vermuten, viel eher aber dank der Hilfe des Archivpersonals herausfinden kann. Erneut zeigt sich, wie entscheidend die Auskünfte der Archivarinnen und Archivare vor Ort sind.
Entsprechend der Ausrichtung eines Staatsarchivs auf Gesetz und Devianz behandelt das «Blaue Register» nämlich Liebe als «Leichtfertigkeit». Erstaunlicherweise kommt dieser Begriff im Schweizerischen Idiotikon nicht vor. Um die Bedeutung des Begriffs Leichtfertigkeit zu eruieren, müssen wir also zu anderen Nachschlagewerken greifen. Im Grimmschen Wörterbuch bedeutet Leichtfertigkeit ein «von Gebot und Sitte abweichendes Treiben der Menschen [...] theils in strengerem Sinne von Verbrechen»; zudem verweise es auf «geschlechtliches Treiben». Das Zedlersche «Universal-Lexicon» wiederum definiert im 18. Jahrhundert Leichtfertigkeit kurz und knapp als «Unfug» und «Muthwillen».
Das Wort besitzt somit eine moralische wie juristische Bedeutung - und genau in diesem doppelten Sinne sind unter Leichtfertigkeiten im Staatsarchiv Zürich denn auch zahllose Liebesfälle, pardon: -vergehen erfasst worden.

Die acht Klassen des «Leichtfertigen» im Staatsarchiv Zürich

1.

«Frühzeitiger Beischlaf» (vor der Ehe);

2.

«Unzüchtige Aufführung von mancherley Arth ärgerlicher Zusammenkönften» (im Generalregister des «Blauen Registers» ergänzt durch «Bethstubeten» und «ärgerlicher Einzug». Angesprochen sind damit hauptsächlich Geselligkeitsformen der Jugend);

3.

«Hurey, überhaupt» (im Generalregister ergänzt durch «Schwängerung»);

4.

«Ehebruch»;

5.

«Blutschand» (Inzest);

6.

«Nothzwang» (Vergewaltigung);

7.

«Sodomiterey» (Homosexualität);

8.

«Bestialität» (Geschlechtsverkehr mit Tieren).


Die acht Klassen des «Leichtfertigen» im Zürcher Staatsarchiv.

«Leichtfertig» war in der Frühen Neuzeit Zürichs offenbar so viel, dass das «Blaue Register» dafür acht Klassen eingeführt hat, nämlich «Frühzeitiger Beischlaf», «Unzüchtige Aufführung von mancherley Arth ärgerlicher Zusammenkönften», «Hurey, überhaupt», «Ehebruch», «Blutschand», «Nothzwang», «Sodomiterey», «Bestialität».
Was hier wie eine genaue Ordnung ausschaut, wird für uns heute wieder zur Unordnung: Hurey kann auch auf heimliche Kindsgeburten verweisen, und unter Bestialität erfasst das «Blaue Register» Ende des 18. Jahrhunderts teilweise auch «Päderastie» (die Liebe eines Mannes zu einem Knaben bzw. Jüngling), welche sonst unter Nothzwang aufgeführt ist.
Um Klarheit über die Natur des «Leichtfertigen» zu erlangen, reicht das Register also nicht; es ist diesbezüglich vielmehr selbst eine Quelle für das 18. Jahrhundert. In einer solchen Situation hilft nur die Lektüre der Quellen weiter. Aufschlussreich sind dabei vor allem die Kundschaften oder Nachgänge, das heisst die Verhöre und Zeugenbefragungen, welche die Richter bei Liebesdelinquenz durchführten oder durchführen liessen. Sie sind im Staatsarchiv für die Frühe Neuzeit in mehr als 150 Schachteln überliefert. Informativ in Sachen historischer Liebe sind zudem die protokollierten Verhandlungen und Entscheidungen der Zürcher Ehe- und Sittengerichte.

Quellenlektüre im Lesesaal des Staatsarchivs.

Liebe ist natürlich auch in der Vergangenheit nicht nur ein Verbrechen, sondern ebenso sehr ein Versprechen auf mehr, beispielsweise das Glück gewünschter Zweisamkeit. Informationen dazu findet man im Zürcher Staatsarchiv aber vor allem dann, wenn man die vorhandenen Quellen gegen den Strich liest, das heisst gegen ihre delinquente Vorgabe.
Dafür empfiehlt es sich, das grosse Wort Liebe in Alltagsfragen zu überführen: Wo hat man früher in Zürich getanzt und gefeiert? Wie teuer waren gemeinsam Tisch und Bett - und die Trennung davon? Wo trafen Männer Männer, Frauen Frauen? Und wie sorgten Eltern für ihre Kinder?
Mit einem solchen konkreten Interesse für Szenarien und Orte von Liebe im alten Zürich wird aus einem Quellenmaterial, das der Kriminalitätshistoriker Gerd Schwerhoff treffend mit «aktenkundig und gerichtsnotorisch» umschrieben hat, plötzlich mehr: Man kann dann in den Akten auch Liebevolles entdecken, wofür die damaligen Richter und die späteren Archivregistratoren keinen Blick hatten, weil ihr Interesse ein anderes war. Auch deshalb hört das eigene Entdecken im Archiv nie auf.

Eheversprechen von Johannes Krauer (Wetzikon/Hombrechtikon) für Verena Kleind, 1811. Staatsarchiv Zürich, GS [= Graphische Sammlung] 633, 2 recto.

Neben der Liebe als - grob gesprochen - «Unzucht», die es zu verfolgen galt, findet man mit einer ausgefeilten Suchstrategie im Zürcher Staatsarchiv schon auch Dokumente ersehnter Innigkeit, wie etwa den nebenstehenden Liebesbrief, ein Eheversprechen aus dem Jahr 1811. Doch das sind eher Zufallsfunde, die sich der Registrierung eines bestimmten Archivbestandes oder dem Rat von Archivarinnen und Archivaren verdanken - vorrangig bleibt die Liebe in den Quellen des Staatsarchivs ein Problem- und das heisst ein Straffall.
Objekte und Personen persönlicher Zuneigung werden in der Frühen Neuzeit oft in Selbstzeugnissen (Autobiographien, Tagebücher oder Briefe) verhandelt. Solche Dokumente hütet das Zürich Staatsarchiv zwar auch einige, wie das Repertorium der privaten Nachlässe der Schweiz oder die schweizerische «Selbstzeugnisse-Datenbank» zeigen. Für Liebesquellen ausserhalb staatlicher Kontrolle sind andere Sammelorte aber vermutlich ergiebiger, etwa die Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich.
Letztlich stellt auch die Liebe der Historikerin und dem Historiker die gleichen quellenkritischen Probleme wie jedes andere Thema: Man muss sie in verschiedenen Kontexten und Quellen suchen - und sich dem Thema mit gewitzten Fragen, die sich im Laufe des eigenen Arbeitsprozesses verfeinern, annähern.

Ausschnitt aus dem Eheversprechen von Johannes Krauer (Wetzikon/Hombrechtikon) für Verena Kleind, 1811. Staatsarchiv Zürich, GS [= Graphische Sammlung] 633, 2 verso.

Nach dieser Tour d'Horizon durch mögliche Liebesgeschichten im Staatsarchiv Zürich wirst Du Dich vielleicht enttäuscht vom Thema (zumindest an diesem Ort) abwenden, weil Herzensangelegenheiten im Staatsarchiv hauptsächlich von Verbot und Vergehen handeln. Auf Umwegen verraten die Akten, die sich herrschaftlicher Kontrolle verdanken, aber trotzdem viel von der Sehnsucht, dem Liebesleid und dem Beziehungsleben von früher.
Entscheidend ist, dass Du Dein historisches Material mit verschiedenen Begriffen in verschiedenen Kontexten suchst und die gefundenen Quellen mit kreativen Fragen konfrontierst, die über deren Entstehungshorizont hinaus in die Gegenwart beziehungsweise zu Deinem Forschungsinteresse hin weisen - und dass Du diesen wissenschaftlichen Brückenschlag im Laufe Deiner Quellensuche immer wieder von neuem und anders unternimmst.