Historische Fotografien aus Afrika

Schon bald nach ihrer Einführung in Europa gelangte die Fotografie nach Afrika und etablierte sich gleichzeitig mit der kolonialen Durchdringung des Kontinents. Missionare, Forscher, Kolonialbeamte, Händler und bald auch einheimische Berufsfotografen verwendeten die Fotografie in wissenschaftlichem, dokumentarischem, propagandistischem und kommerziellem Interesse. Mit der Etablierung von Fotostudios zunächst in Küstenstädten und später auch im Landesinneren verbreiteten sich Studiofotografien für den privaten Gebrauch der einheimischen Bevölkerung. Anlässlich von Schulabschlüssen, Hochzeiten oder anderen einschneidenden Ereignissen liess man sich fotografieren. Wanderarbeiter schickten Fotografien nach Hause und trugen Fotografien von Familienmitgliedern zur Erinnerung bei sich.

Aufbewahrt in Archiven geriet ein Teil der kolonialen Fotobestände am Ende der Kolonialzeit in Vergessenheit. Mit dem aufkommenden Interesse an visuellen Quellen und den neuen Auseinandersetzungen mit der kolonialen Vergangenheit in Ländern des Nordens und des Südens wurden die historischen Fotografien aus Afrika neu entdeckt.

Das Kapitel «Historische Fotografien aus Afrika» ist in drei Teile gegliedert und gibt einen Einblick in den Entstehungskontext der Fotografien sowie ihre spätere Verwendung und thematisiert, wie heute mit diesem Bildmaterial umgegangen wird.

Die technischen Neuerungen der fotografischen Verfahren und bezüglich der Kameras fanden sich bald nach ihrer Einführung jeweils auch in Afrika wieder. Es gibt allerdings regionale Unterschiede der Verbreitung und der Aneignung der Fotografie sowie bei der Entstehung spezifischer fotografischer Traditionen. Diese Differenzen sind einerseits auf die unterschiedlichen kolonialen Praktiken zurückzuführen, andererseits auf soziale Unterschiede und die kulturelle Vielfältigkeit des afrikanischen Kontinents.
Zudem ist die Geschichte der Fotografie in den einzelnen Regionen und Staaten Afrikas unterschiedlich gut erforscht und daher lassen sich oft keine allgemein gültigen Aussagen treffen.

Die folgenden Kapitel bieten einen Einblick in die Geschichte der Fotografie in Afrika.

Folgendes Buch bietet einen kurzen Überblick in die Fotogeschichte verschiedener Regionen Afrikas: Haney, Erin: Exposures. Photography and Africa, London 2010.

Thiésson, E.: «Native Woman of Sofala (Mozambique)», Moçambique 1845, George Eastman House, Still Photograph Archive, Nr. 69:0265:0140. Online: George Eastman House, Photography Collection Online, [Stand: 10.4.2014]. Courtesy of George Eastman House, International Museum of Photography and Film.

1840, nur ein Jahr nach der Präsentation der ersten Daguerreotypie, waren antike Denkmäler in Ägypten beliebte Motive der neuen Technologie. So beginnt die Geschichte der Fotografie in Afrika fast zeitgleich mit der Geschichte der Fotografie in Europa. Auch im südlichen Afrika entstanden die ersten Aufnahmen bereits um 1840: Europäische Fotografen legten auf ihren Reisen nach Indien oder Australien Zwischenhalte in Südafrika ein und fotografierten dort Landschaften und Menschen. Im Gepäck von Seeleuten gelangte die Kamera ebenfalls schon in den frühen 1840er Jahren an die westafrikanische Küste. Bekannt ist etwa, dass ein französischer Marine-Offizier in Elmina, im heutigen Ghana, schon 1840 eine Stadtansicht aufnahm. Im Laufe dieses Jahrzehnts wurden bereits in vielen Küstenregionen des afrikanischen Kontinents fotografische Aufnahmen gemacht.
Dennoch sind erhalten gebliebene Aufnahmen aus Afrika aus der Frühzeit der Fotografie eine Seltenheit – abgesehen von jenen aus Ägypten. Dies liegt daran, dass die Herstellung einer Fotografie noch teuer und aufwändig war. Zudem handelt es sich bei den meisten der frühen fotografischen Verfahren um Direktpositiv-Verfahren, das heisst die Aufnahmen sind immer Unikate.

Eine der wenigen erhalten gebliebenen Fotografien der 1840er Jahre aus Afrika zeigt Königin Xai Xais aus Sofala, Moçambique. Diese Daguerreotypie wurde vom französischen Reisefotografen E. Thiésson aufgenommen.

Sory, Ibrahim Sanlé: ohne Titel, Burkina Faso o.D. © Ibrahim Sanlé Sory. Online: Portraits photographiques d'Afrique de l'Ouest, [30.10.2013].

In den 1840er Jahren liessen sich professionelle Fotografen in afrikanischen Küstenstädten nieder und eröffneten die ersten permanenten Ateliers. Wie überall auf der Welt begann auch in Afrika in den 1860er Jahren die grosse Zeit der Fotostudios und gegen Ende des 19. Jh. gab es in den meisten grösseren afrikanischen Städten Ateliers, die ihre eigenen fotografischen Traditionen hervorbrachten. Die Entwicklung handlicherer Kameras setzte der Blütezeit der frühen Studios ein Ende: Gegen Ende des 19. Jh. verlor die Studiofotografie für den Handel an Bedeutung, bei der lokalen Bevölkerung konnten sie sich aber weiterhin behaupten.
In der Anfangszeit wurden die Fotostudios vorwiegend von Europäern und Amerikanern geführt, doch schon bald steigen auch Afrikaner ins Fotogeschäft ein: Insbesondere die westafrikanischen Küstenstädte der ehemaligen britischen Kolonien blicken auf eine lange Tradition der afrikanischen Studiofotografie zurück. Etwas anders zeigte sich die Situation in den französischen Kolonien: Hier blieb das Geschäft des Fotografierens bis nach dem Zweiten Weltkrieg von der Kolonialadministration kontrolliert. Erst dann setzte die breite Etablierung von Studios, die von afrikanischen Fotografen geführt wurden, ein. Auch in Ostafrika gehörten die meisten Ateliers bis zum Ende der Kolonialzeit Europäern und Indern, die ihre eigenen fotografischen Traditionen nach Afrika brachten.

Auch wenn die Blütezeit der afrikanischen Studiofotografie in der Zeit zwischen den 1960er und 1980er Jahren lag, sind die Ateliers auch heute noch auf dem ganzen Kontinenten verbreitet. Einen Einblick in die Kunst der afrikanischen Studiofotografie bietet die Website Portraits photographiques d'Afrique de l'Ouest.

Freitas, Antoine: «Premier photographe à la minute Congolais à Buea Mulumba (Kasai)» Kasai (DR Kongo) 1939, Museum for African Art, ohne Bildnummer. Online: artnet.com, [28.10.2013].

Die Fotostudios etablierten sich anfänglich vor allem in den Handelsstädten der afrikanischen Küstenregionen. Insbesondere die afrikanischen Fotografen betrieben aber nicht nur städtische Studios, sondern reisten auch entlang der Küste und ins nähere Hinterland, um dort als Wanderfotografen ihre Kundschaft zu bedienen. Die Wanderfotografen zogen durch die Dörfer und Siedlungen und machten hier auch Aufnahmen, die sie später in ihren Studios verkauften. In grösseren Städten kündigten sie ihren Aufenthalt vorgängig über Zeitungsannoncen an. Neben der Grundausrüstung – Kamera, Stativ, Dunkelkammer sowie empfindliche Chemikalien und Glasplatten – hatten die Fotografen oft auch eine Leinwand dabei, sodass für die lokalen Kunden eine studioähnliche Umgebung gestaltet werden konnte.
Die Wanderfotografen legten auf ihren Reisen teilweise grosse Distanzen zurück. In den französischen Kolonien waren beispielsweise nicht selten Wanderfotografen aus den englisch dominierten Küstenregionen unterwegs, da die repressive Kolonialpolitik das Entstehen eines Berufsstandes einheimischer Fotografen zu verhindern suchte.
Mit der zunehmenden Ausbreitung der Fotostudios verschwand die Wanderfotografie aber weitgehend.

Der angolanische Fotograf Antoine Freitas liess sich 1932 in Kinshasa nieder und reiste ab 1935 mit seiner Kamera im ganzen Land umher. Auf dieser Aufnahme sieht man ihn, wie er umringt von neugierigen Zuschauern vier Frauen vor einer bemalten Leinwand fotografiert.

Titelseite der Publikation: Neumayer, Georg (Hrsg.): Anleitung zur Wissenschaftlichen Beobachtungen Auf Reisen. Mit besonderer Rücksicht auf die Bedürfnisse der kaiserlichen Marine, Berlin 1875. Online: Open Library, [Stand: 10.4.2014]. (Diese Publikation ist vollständig auf Open Library online verfügbar)

Seit der Frühzeit des Kolonialismus spielte die Fotografie im Kontext von so genannten Entdeckungsreisen eine wichtige Rolle. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Forschungsreisen, militärischen Expeditionen, kolonialen «Erschliessungen» und Abenteuerreisen oft schwer zu treffen.
Auch die fotografischen Praktiken und Motive überschnitten sich. Fotografien dienten der Dokumentation und Erinnerung, der visuellen Aneignung, der Inventarisierung und Ordnung, sie waren Herrschaftsinstrument – etwa bei der Klassifizierung von Menschen und Tieren – und Trophäe.
Geographen, Anthropologen, Botaniker und Ethnologen nutzen die Kamera als wissenschaftliches Aufzeichnungsinstrument, galt sie doch als zuverlässiges und schnelles Hilfsmittel zur Widergabe vielfältiger Details. Während Zeichner die Essenz, das Typische z.B. einer ihnen unbekannten Pflanze zu erfassen suchten, gab die Kamera immer ein Individuum wieder, sei es Pflanze, Mensch oder Tier. Mit standardisierten fotografischen Verfahren, schriftlichen Interpretationshilfen («Ein typischer Massai…») und der Auswahl von als typisch erachteten Motiven sollten fotografische Aufnahmen eine besondere Beweiskraft erhalten, indem sie «objektiv» und «authentisch» das zuvor als typisch inszenierte Motiv wiedergaben. Aus heutiger Sicht erscheinen allerdings oft wieder die «Einzelfälle», da uns die kolonialen Interpretationsraster nicht mehr vertraut sind.

Zur Standardisierung anthropologischer Aufnahmen trugen unter anderem Handbücher und Anleitungen mit Hinweisen für «möglichst objektive Aufnahmen des menschlichen Körpers» bei. Einer der bekanntesten Ratgeber ist jener von Gustav Fritsch, der 1875 in der «Anleitung zu Wissenschaftlichen Beobachtungen Auf Reisen» herausgegeben wurden.

oly de Lobtinière, Gaspard-Pierre-Gustave: «Egypte. Pyramide de Cheops», Ägypten, o.D., in: Paymal Lerebours, Noël-Marie: Excursions daguerriennes: vues et monuments les plus remarquables du globe, Paris 1840-1843. S. 50. Online: Gallica – bibliothèque numerique [Stand: 10.4.2014]. (Diese Publikation ist vollständig auf Gallica – bibliothèque numerique online verfügbar)

Kurz nachdem die Daguerreotypie eingeführt wurde, machten sich Fotografen auf, die Sehenswürdigkeiten in aller Welt abzulichten. Die antiken Denkmäler Nordafrikas und des Nahen Ostens gehörten zu den beliebtesten Sujets, die fotografiert wurden. Die ersten Daguerreotypien der ägyptischen Pyramiden und der Sphinx entstanden bereits um 1840 und sind wohl die frühesten Fotografien aus Afrika.
Insbesondere die kulturellen Schätze Ägyptens zogen auch in den folgenden Jahrzehnten viele Fotografen an. Die Nachfrage nach ihren Bildern war bald so gross, dass in den Städten Fotostudios eingerichtet wurden, die die Bilder kommerziell vertrieben. Im Angebot waren ganze Alben und einzelne Bilder, die Monumente, den Nil, archäologische Ausgrabungen, Porträts der Bevölkerung sowie Strassen und Märkte zeigten. Diese Fotografien wurden massenhaft produziert, international vertrieben und prägten die Bilderwelt aus Ägypten ganz wesentlich. Diese Entwicklung war eng mit dem aufkommenden Tourismus verknüpft: Die Fotografien warben für Fernreisen und lockten die Touristen zu den abgebildeten Orten, wo diese wiederum gerne Souvenir-Fotografien kauften.

Einige Aufnahmen, die auf den zahlreichen Fotoexpeditionen nach Ägypten entstanden, wurden bereits in den 1850er Jahren in Fotobüchern publiziert. Die Daguerreotypien des Schweizers Joly de Lobtinière von ägyptischen Ruinen und Monumenten wurden sogar schon 1841 zusammen mit anderen Aufnahmen in «Excursions daguerriennes» veröffentlicht. Dieses Albumwerk war die erste Publikation überhaupt, deren Stiche auf fotografischen Bildvorlagen beruhten.

Portrait einer Mpongwe Frau, Gabun. Fotograf: Francis W. Joaque, 1875-1885, (F) III 23593 @ Museum der Kulturen Basel. Online: African Photography, [Stand: 10.4.2014].

Anders als in anderen Regionen des Kontinents ist die lange fotografische Tradition an der westafrikanischen Küste von Anfang an geprägt durch das Mitwirken lokaler Fotografen und Kunden.
Als Teil des atlantischen Raumes war Westafrika seit dem 16. Jh. am interkontinentalen Austausch von Waren und Menschen beteiligt. Durch die Rückwanderung befreiter Sklaven aus Nord- und Südamerika, innerafrikanische Migrationsbewegungen und die Präsenz von Europäern bildeten sich entlang der westafrikanischen Küste seit Ende des 18. Jh. neue städtische Gesellschaften.
In prosperierenden Städten wie Freetown, Lagos oder Accra entwickelte sich bereits ab den 1860er Jahren ein Markt für Fotografien, an dem sich auch Afrikanerinnen und Afrikaner beteiligten – sowohl als Fotografen wie auch als Kundinnen. Augustus Washington, ein Nachfahre ehemaliger Sklaven, der aus den USA nach Liberia migrierte, fotografierte bereits in den 1850er Jahren.
In den 1890er Jahren war eine ganze Reihe afrikanischer Fotografen tätig, die in den Städten Ateliers eingerichtet hatten oder umher reisten und ihre Dienste vor Ort anboten. Historisch erforscht sind u.a. die Arbeiten und Biografien von Fred Grant, Francis W. Joaque, J. P. Decker, Alphonso Lisk-Carew sowie der Familie Lutterodts, die seit den 1870er Jahren über mehrere Generationen hinweg Fotostudios in verschiedenen Städten West- und Zentralafrikas betrieb.
Zu den Kunden dieser Fotografen gehörten neben Missionaren, Kolonialbeamten und Reisenden auch die lokale Elite und wohlhabende Händler. Die städtische Kundschaft weitete sich aus, als die Fotografien erschwinglicher wurden.

Obwohl sehr wenig über die Gründe bekannt ist, aus denen sich Frauen porträtieren liessen, scheint es, dass sie das Fotostudio sehr gut als Ort der Selbstinszenierung zu nutzen wussten. Sie trugen meist Kleidung aus feinen Stoffen, Schmuck und aufwändige Frisuren und hielten Accessoires in der Hand. Diese Fotografie einer jungen Frau machte Francis W. Joaque aus Freetown, der in verschiedenen west- und zentralafrikanischen Städten fotografierte.

Wuhrmann, Anna: «König Ndjoya aus Bamum», Bamum (Kamerum) 1911/15, BM Archives, Reference: E-30.29.052. Online: BM Archives, [Stand: 10.4.2014].

Zu den frühen Aufnahmen aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern und Regionen zählen auch Porträts von Herrschern. Sie wurden von Fotografen aufgesucht und bald auch selbst zu Auftraggebern. Rasch hatten afrikanische Herrscher die Wirksamkeit der Fotografie für die Selbstinszenierung und Repräsentation erkannt und luden Fotografen ein, um sich porträtieren zu lassen, oder beschäftigten sie dauerhaft an ihren Höfen. Die Herrscher arrangierten die Aufnahmesituation, inszenierten sich mit Machtsymbolen und kontrollierten sehr genau, wie sie und ihre Familien dargestellt wurden. Sie verschenkten ihre Bilder an Besucher und liessen sie in der Öffentlichkeit verbreiten. In Form von Postkarten und Souvenirfotografien zirkulierten die Herrscheraufnahmen auch ausserhalb des afrikanischen Kontinents.
Das wohl meist fotografierte Königreich Afrikas ist das in West-Kamerun gelegene Bamum, wobei die überwiegende Mehrheit der Aufnahmen rund um den königlichen Hof entstand. Während der Regierungszeit König Ibrahim Njoyas von 1894 bis 1933 gastierten zahlreiche europäische Amateurfotografen an seinem Hof. König Njoya war sich bewusst, dass die Fotografien inner- und ausserhalb seines Königreiches zirkulierten, er liess sich mit Insignien und Uniformen porträtieren und die königliche Familie, seine Entourage und Feste in Szene setzen und fotografierte gelegentlich auch selbst.
Bekannte Fotografien von afrikanischen Herrschenden sind auch jene der äthiopischen Kaiser Yohannes IV und Menelik II und des Königs Kobena Gyan von Elmina sowie der königlichen Familien der Merina aus Madagaskar, der Oba im Königreich Benin und der westafrikanischen Asante.

Unter den Amateurfotografen, die König Njoya und seinen Hof ablichteten, waren auch mehrere Missionarinnen und Missionare der Basler Mission. Mehr als 400 Aufnahmen aus Bamum sind über das Archiv der Basler Mission online verfügbar. Zahlreiche Aufnahmen zeigen König Njoya selbst, so auch diese Fotografie von Anna Wuhrmann. Der König soll zu den am meisten fotografierten afrikanischen Herrschern gehören und besass selbst eine Kamera.

Die Ausbreitung und Etablierung der Fotografie und die koloniale Eroberung Afrikas fanden fast zeitgleich statt. Viele Forscher, Händler, Missionarinnen, Kolonialbeamte und Reisende machten Fotografien oder erwarben bei den ortsansässigen Fotografen passende Aufnahmen. Der Austausch von Bildern fand auch in der Imagination statt. Das vorhandene Bildarsenal im Kopf bestimmte mit, was Europäerinnen und Europäer in der Fremde sahen, wie sie es sahen und wie sie es schliesslich erneut abbildeten.
Gleichzeitig eigneten sich auch die Afrikanerinnen und Afrikaner die Fotografie an und wurden vor und hinter der Kamera aktiv. Sie entwickelten eigene Vorstellungen von fotografischer Ästhetik und angemessenen Posen. Oft als ernst und starr interpretiert, vermitteln Porträts der afrikanischen Fotografen für ihre Kundschaft jedoch einen Ausdruck von Würde und innerer Sammlung, von Gelassenheit und Eleganz.
Die folgenden Kapitel beschreiben, wer mit welchen Motiven im kolonialen Afrika fotografierte, was auf den Fotografien häufig abgebildet ist und welche Rolle die Fotografierten im Visualisierungsprozess einnahmen.

Washington, Augustus: «Urias A. McGill, half-length portrait, facing front», o.O. 1854-1860, Library of Congress, Prints and Photographs Online Catalog (PPOC), Reproduction Number: LC-USZC4-6770. Online: Library of Congress, [Stand: 10.4.2014].

Die ersten Fotografen in Afrika reisten entlang der Küstenregionen und boten in den kolonialen Zentren ihre Dienste an. Schon bald richteten professionelle Fotografen in den grossen Hafen- und Handelsmetropolen und später auch in kleineren Städten Fotostudios ein. Diese Studios wurden anfänglich von europäischen und amerikanischen Fotografen geführt, schon bald stiegen aber auch Afrikaner ins Geschäft mit den Fotografien ein.
Die Kunden – zu Beginn vor allem in den Kolonien tätige Europäer – liessen sich in den Ateliers von den professionellen Fotografen porträtieren. Die Berufsfotografen wurden aber auch ausserhalb ihrer Studios engagiert: Sie begleiteten wissenschaftliche und militärische Expeditionen, fotografierten in offiziellem Auftrag Strassen, Städte und koloniale Einrichtungen sowie Zeremonien und private Feste. In ihren Studios inszenierten sie zudem Genreszenen mit der einheimischen Bevölkerung – Aufnahmen, die bei den europäischen Kunden besonders beliebt waren.
Vor allem die afrikanischen Fotografen arbeiteten nicht nur in ihren städtischen Studios oder in direktem Auftrag, sondern suchten als Wanderfotografen neue Kundschaft. Entlang der Küsten und im Landesinnern zogen sie von Ort zu Ort, boten ihre Dienste an und machten darüberhinaus Fotografien, die sie später weiter vertrieben.
Die Fotografen verkauften ihre Aufnahmen – auch jene, die ursprünglich von privaten Kunden in Auftrag gegeben wurden. Es war nämlich üblich, dass der Fotograf die Negative behielt und weitere Abzüge machte. Vor allem Reisende kauften die Fotografien von Landschaften, Sehenswürdigkeiten und der afrikanischen Bevölkerung, um ihre Reisealben oder wissenschaftlichen Sammlungen zu komplettieren.

Diese Daguerreotypie wurde von Augustus Washington aufgenommen. Washington betrieb in den 1850er Jahren in mehreren westafrikanischen Städten Fotostudios, war allerdings zeitweise mit seiner Kamera auch auf Wanderschaft.

o.F.: «1. Klasse Seminar Buea 1913», Buea (Kamerun) 1913, BM Archives, Reference: E-30.16.030. Online: BM Archives, [Stand: 10.4.2014].

Die in Afrika verstärkt seit dem 19. Jh. tätigen evangelischen Missionsgesellschaften erkannten das Potential der Fotografie als Medium der Kommunikation und rüsteten ihre Missionare mit Kameras aus. Die Fotografien, die die missionseigenen Publikationen bebilderten, dienten der visuellen Dokumentation der erfolgreichen Bekehrung und des zivilisatorischen Erfolge und warben so zu Hause für ideologische, personelle und vor allem finanzielle Unterstützung.
Missionsfotografien zeigen häufig missionarische Tätigkeiten, die Entstehung christlicher Gemeinden und Einrichtungen des Erziehungs- und Gesundheitswesens, aber auch den Kontrast zwischen «Heidentum» und christlicher Lebensart. Beliebt waren Abbildungen, die Afrikanerinnen und Afrikaner bei so genannt zivilisierten Tätigkeiten, z.B. im Schulunterricht, zeigten oder Gruppenfotografien, die ihre Integration ins soziale Leben der Missionen verdeutlichen sollten. Viele Fotografien zielten darauf ab, einen positiven Wandel zu belegen, was beispielsweise in Vorher-Nachher-Abbildungen zum Ausdruck kommt: der «nackte Heide» neben dem sittsam gekleideten Täufling.
Die Missionare und ihre Familien lebten teilweise sehr lange in ihren Einsatzgebieten und hinterliessen daher nicht selten auch private Erinnerungsfotografien. Diese zeigen auch andere Szenen als die publizierten Fotografien, etwa den Alltag der Missionsfamilien oder eine familiäre Nähe zu ihren afrikanischen Freunden und Angestellten.

Diese Klassenfotografie zeugt von missionarischem Erfolg, sind die wohl gekleideten Seminaristen mit Büchern und Heften in der Hand doch angehende Priester.

o.F.: «Negro Type, Central African cephalic index 70», o.O. o.D, in: The Popular Science Monthly 50, 1896, S. 584. Online: Wikisource, [Stand: 10.4.2014].

Im 19. Jh. entsprach die Fotografie als Dokumentationsmittel einem positivistischen Wissenschaftsverständnis, insofern sie als unbestechlich galt und eine originalgetreue Widergabe der Realität versprach. Botaniker, Geologen, Zoologen und andere Wissenschaftler liessen Fotografien anfertigen und fotografierten auch selbst auf ihren Forschungsreisen.
Besonders geeignet schien die Fotografie als Dokumentationsmittel in der Völkerkunde und Anthropologie. Forscher machten und kauften Fotografien, um ihre Theorien visuell zu belegen. Gleichzeitig wollten sie die «vom Aussterben bedrohten Völker» bildlich festhalten.
Die Fotografie wurde auch bei der Vermessung körperlicher Merkmale eingesetzt, die Grundlage für die nach heutigen Erkenntnissen unmögliche Klassifizierung von «Rassen» und «Typen» war. Diese anthropometrischen Fotografien zeigen Vorder- und Seitenansicht von Gesichtern und Körpern, wobei standardisierte Aufnahmeverfahren dafür sorgen sollten, dass die äusseren Merkmale exakt dargestellt und Messungen auch anhand des Bildes möglich wurden.
So genannte Typenfotografien zeigen Menschen, die als Stellvertreter eines «Volkes» oder einer «Stammes» galten. Sie wurden u.a. in «Typenatlanten» publiziert, die Gesamtdarstellungen fremder Kulturen oder der gesamten Menschheit anstrebten.
Auf ethnographischen Fotografien hingegen wurden Menschen in ihrem kulturellen Umfeld und mit Artefakten gezeigt.

In der «Typenfotografie» wurden die Menschen vorzugsweise frontal und seitlich abgelichtet. Oft lassen sich solche Fotografien aber nur durch Bildunterschriften, wie etwa «typischer Vertreter des … Volkes» von Porträtsaufnahmen unterscheiden.

Sicht auf einen Landesteg in Libreville, Gabun. Zu sehen ist eine Gaslaterne am Landesteg, sowie Segelschiffe. Fotograf: Francis W. Joaque, 1875-1885, (F) III 23598 @ Museum der Kulturen Basel. Online: African Photography, [Stand: 10.4.2014].

Mit dem Aufkommen des Ferntourismus reisten immer mehr Menschen auch zu Vergnügungsreisen in afrikanische Länder, ohne dort arbeiten und missionieren, sammeln oder forschen zu wollen.
Fotografien waren beliebte Souvenirs, um sich zu Hause an die vergangene Reise zu erinnern und die Eindrücke aus der fremden Welt der Familie und Freunden zu zeigen. Aber auch die Europäer vor Ort – Kolonialbeamte, technische «Experten», Geschäftsleute und Händler, Jäger und Missionare mit ihren Familien – erfreuten sich an Erinnerungsfotografien von ihren Ausflügen und Reisen.
Die Reisenden fotografierten selbst und ergänzten ihre Andenken mit Fotografien und ganzen Alben, die in den Fotostudios vor Ort zu kaufen waren. Sie gaben spezielle Aufnahmen in Auftrag oder wählten noch häufiger Fotografien aus den bereits bestehenden Beständen der professionellen Fotografen aus. Diese richteten sich auf die Wünsche ihrer Kunden ein und fotografierten Menschen und entlegene Gegenden, die den Vorstellungen von der fremden Welt entsprachen.
Die im Laufe der Zeit immer einfacher zu bedienenden Kameras erlaubten den Touristinnen und Touristen, ihre Fotografien selbst zu knipsen. In der Folge mussten viele Berufsfotografen ihre Studios aufgeben oder auf die in Mode kommenden Postkarten und gedruckten Alben ausweichen.

Diese Ansicht des Piers in Libreville stammt aus dem Reisealbum von Carl Passavant, wurde aber vom afrikanischen Fotografen Francis W. Joaque aufgenommen. Passavant hatte sie vermutlich bei Joaque direkt gekauft oder geschenkt bekommen.

Woeckner: ohne Titel, Deutsch Ost Afrika (Tansania) 1909-1912, Universitätsbibliothek Frankfurt a.M., Bildbestand der Deutschen Kolonialgesellschaft, Bildnummer: 071-1999-62. Online: Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, [Stand: 15.8.2013].

Die Fotografie begleitete die koloniale Eroberung Afrikas und stand mit dieser in einer Wechselwirkung. Auf Expeditionen, die die systematische Erforschung der kolonialen Gebiete zum Ziel hatten, wurden Landschaften, Flora und Fauna und auch die Bevölkerung fotografisch erfasst. Durch die Erweiterung der Kenntnisse über die erworbenen Gebiete sollten diese besser kontrolliert werden können.
Als Dokumentationsmittel wurde die Fotografie auch auf militärischen Expeditionen und Eroberungen verwendet. Mithilfe der Aufnahmen der geografischen Gegebenheiten, die man seit Anfang des 20. Jh. auch aus der Luft machte, wurden Karten und Pläne erstellt, um das Terrain zu beherrschen.
Auch in der Verwaltung wurde die Fotografie eingesetzt, etwa bei der Erfassung von Kriminalität, Krankheiten und Volkszählungen oder bei der Dokumentation kolonialer Infrastrukturprojekte wie dem Bau von Strassen, Spitälern oder Verwaltungsgebäuden.
So wurde die Fotografie als Instrument bei der Ausbreitung und Ausübung der kolonialen Herrschaft eingesetzt. Gleichzeitig diente sie auch dazu, das Fremde und die Fremden zu visualisieren und in Abgrenzung dazu die koloniale Überlegenheit zu demonstrieren. Die Fotografie wurde in diesem Sinne auch als Propagandamittel eingesetzt, um die kolonialen Projekte zu legitimieren.

Die Kolonialbeamten fotografierten auch in privatem Rahmen. Besonders beliebt waren etwa Aufnahmen von Jagdszenen. Sie zeigten nicht nur die exotische Tierwelt, sondern demonstrierten auch die Macht und Überlegenheit über diese.

Erhardt, Wilhelm: «Frau mit Fetischschnüren», Ghana 1899-1912, BM Archives, Reference: D-30.23.014. Online: BM Archives, [Stand: 10.42014].

Es gibt nur wenige direkte Überlieferungen über das Empfinden der Fotografierten während der Aufnahmesituation. In den Forschungs- und Reiseberichten wird aber von unterschiedlichen Reaktionen der Afrikanerinnen und Afrikaner berichtet: Sie reichen von Furcht und Schrecken über Staunen und Neugierde bis hin zu Begeisterung.
Der Aufnahmeprozess war wohl oft mit mehr oder weniger Zwang verbunden, denn es gibt eine Reihe von Berichten, die den Widerstand der Fotografierten beschreiben. Das Misstrauen war nicht nur gegen die Kamera gerichtet, sondern auch gegen die Aufnahmesituation, in denen langes Stillsitzen, unbequeme Körperhaltungen und manchmal auch das Entblössen des Körpers verlangt wurden.
Die Gründe für die Verweigerung des Fotografiertwerdens sind unterschiedlich: Zum einen gab es wie in Europa Befürchtungen, dass sich bei der Aufnahme ein Teil des Körper oder der Seele auf das Bild überträgt. In anderen Fällen war das Unbehagen mit der Vorstellung begründet, dass die Kamera magische Kräfte ausstrahle, die den Fotografierten Schaden zufüge.
Der Widerstand kann aber nicht nur mit magischen oder religiösen Vorstellungen begründet werden: Da die Aufnahmesituation vielfach mit Zwang und Dominanz einherging und die Kamera als Machtinstrument verwendet wurde, ist die Verweigerung des eigenen Abbildes auch als Widerstand gegen die koloniale Unterdrückung zu verstehen.

Die oft angespannt wirkende Haltung und der starre Blick sind nicht zwingend auf Angst bei den Abgebildeten zurückzuführen. Die langen Belichtungszeiten der frühen Fotografieverfahren führten auch dazu, dass die Fotografierten häuft wie erstarrt wirken.

Ein nigerianischer Chief posiert mit seiner Entourage, Niger Delta, Bonny, Nigeria. Fotograf: unbekannt, wahrscheinlich John Parkes Decker, 1875-1885, (F) III 23787 @ Museum der Kulturen Basel. Online: African Photography, [Stand: 10.4.2014].

Die Aufnahmesituationen waren aber nicht in jedem Fall von Zwang geprägt. Afrikanerinnen und Afrikaner liessen sich auch selbst abbilden und nutzen die Fotografie im eigenen Interesse und zur Selbstinszenierung. Sie gestalteten den Aufnahmeprozess mit, indem sie die Pose, Kleidung und Accessoires sowie die Requisiten auswählten.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich innerhalb und ausserhalb der Fotostudios eigene Darstellungskonventionen. Die Fotografen waren mit den Wünschen ihrer afrikanischen Kundinnen und Kunden konfrontiert und es entwickelten sich Normen über angemessene Erscheinung und Posen, die sich standardisierten, im Laufe der Zeit aber auch immer wieder veränderten.
Afrikanerinnen und Afrikaner waren also nicht nur passive Opfer im Prozess des Fotografierens, sondern auch gestaltende Akteure.

Diese Fotografie wurde zwischen 1875 und 1885 aufgenommen und zeigt Adda Allison, der zusammen mit seiner Entourage posiert.

Fritsch, Gustav: Maqoma, Ngqika chief, Robben-Island (Südafrika) 1863, SUNSScholar Research Repository, Gustav Theodor Fritsch Collection, Nr.: GTF_EM-SMB_32_915© Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Online: Stellenbosch University, [Stand: 2.4.2014].

Macht man sich den kolonialen Entstehungskontext der Fotografien bewusst, liegt es nahe, in den Bildern allein die Widerspiegelung der kolonialen Verhältnisse zu sehen. Es gab jedoch vielfältige Beziehung zwischen den am Aufnahmeprozess Beteiligten untereinander, die von freundschaftlichem Einverständnis bis zu brutalem Zwang reichten. Nicht immer spiegeln sich diese Beziehungen direkt in den Fotografien wider, so nahm Gustav Fritsch Fotografien von kriegsgefangenen Chiefs in Südafrika für seine «rassekundlichen» Studien auf, die heute nur noch als genaue Studien (individuelle Portraits) erscheinen und auch so verwendet werden, beispielsweise in Schulbüchern oder auf Webseiten.
Zudem traten Afrikaner und Afrikanerinnen selbst als Fotografen oder Auftraggeberinnen auf, und wirkten auch in dieser Weise an den Fotografien und an ihrer eigenen Darstellung mit.
Wie Bilder interpretiert werden, hängt letztlich auch von der Perspektive und dem Wissen des Betrachtenden ab. Die Fotografien zirkulierten, wurden im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Kontexten betrachtet und hatten jeweils unterschiedliche Wirkungen auf die Betrachtenden. Letztlich ist die Fotografie als Resultat der Beziehung zwischen Fotograf, Fotografierten und Betrachtendem zu verstehen.

Ohne die Bildlegende ist heute nicht erkennbar, dass diese Aufnahme vom Ngqika-Chief Magoma 1863 im Rahmen der rassenkundlichen Studien von Gustav Fritsch auf der südafrikanischen Gefangeneninsel Robben-Island entstand. Verändert sich das Wissen des Betrachtenden über den Entstehungskontext, verändert sich auch die Wahrnehmung der Abbildung. 2001 wurde diese Aufnahme als Coverfoto für das südafrikanische Geschichtsjournal Kronos verwendet.

Die Fotografien aus Afrika blieben nicht in den Händen der Auftraggeber und der Porträtierten, sondern wurden auch verkauft, verschenkt und getauscht.
Mit dem Besitzerwechsel konnte sich der Verwendungszweck einer Fotografie verändern, sie konnten vom privaten Kontext in die öffentliche Sphäre und von einem Medium in ein anderes übertreten. Solche unterschiedlichen Verwendungszwecke und «medialen Verwandlungen» wurden durch die Vervielfältigungsmöglichkeiten befördert: Von einem Negativ konnten immer wieder Abzüge gemacht und bearbeitet werden.
Im Gepäck der Reisenden, in Begleitung von Briefen und später auch als Postkarten gelangten die Fotografien auch nach Europa. Dort zirkulierten sie weiter: Sie wurden als Erinnerungsstücke in private Alben eingeklebt, in wissenschaftliche Sammlungen eingeordnet, bei Ausstellungen und Vorträgen einem grösseren Publikum gezeigt oder in unterschiedlichen Publikationen abgedruckt.
Die folgenden Kapitel geben einen Überblick, wo und in welcher Form die Fotografien aus Afrika zu sehen waren und in welchen Publikationen sie veröffentlicht wurden. So wird nicht nur deutlich, zu welchem Zweck die Fotografien verwendet wurden, sondern auch, dass ihre Verwendung nicht immer der eigentlichen Aufnahmeintention entspricht.

Schinz, Hans: «Südwest-Afrika. Aandonga», Südwestafrika 1884-1887, Völkerkundemuseum der Universität Zürich, VMZ 395.01.015 © Völkerkundemuseum der Universität Zürich.

Ab Mitte des 19. Jh. wurden zahlreiche ethnologische, anthropologische, naturforschende und geografisch-kommerzielle Gesellschaften gegründet und an den Universitäten begann die Institutionalisierung der Wissenschaft von «Völkern» und Menschen als akademische Disziplinen.
Damit einher ging auch die Eröffnung völkerkundlicher Museen. Die Gesellschaften, wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen kauften oder übernahmen das Material, das die Reisenden auf ihren Erkundungen der aussereuropäischen Gegenden zusammengetragen hatten.
Wissenschaftliches Ziel war es, eine umfassende Bestandsaufnahme aller «Völker» und «Rassen» zu machen und sie zu erforschen, zu inventarisieren und typologisieren. Gesammelt wurde neben ethnografischen Gegenständen und wissenschaftlichen Daten auch Fotografien, die als Ersatz für die nichtverfügbaren «Objekte» dienten, als Dokumentation und Illustration sowie als visuelle Quellen der physischen Anthropologie.
Weil viele Wissenschaftler nicht selbst reisen konnten, griffen sie auf das Bildmaterial dieser Sammlungen zurück, um ihre Theorien zu überprüfen und zu veranschaulichen.
Die ethnologischen und völkerkundlichen Sammlungen waren darüberhinaus auch ein Fundus, aus dem das passende Bildmaterial für Publikationen, Ausstellungen, Diapräsentationen und Vorträge ausgewählt werden konnte.

Der Botaniker Hans Schinz sammelte auf seiner Forschungsreise durch Südwestafrika von 1884 bis 1887 nicht nur Pflanzen, sondern alles, was ihm bedeutsam erschien. Mit der Kamera wollte er zudem «Menschen- und Kulturentypen» festhalten. Seine ethnografische Sammlung verkaufte er an die Ethnographische Gesellschaft Zürich, heute befindet sie sich im Völkerkundemuseum der Universität Zürich.

o.F.: «Kolonial Ausstellung Stuttgart 1928 – Völkerschau», Stuttgart (Deutschland) nach 1928, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Kolonialismus und afrikanische Diaspora auf Bildpostkarten, ohne Bildnummer. Online: Digitale Sammlungen der Universität zu Köln, [Stand: 16.8.2013].

Fotografien wurden schon sehr früh in Ausstellungen öffentlich gezeigt. In wissenschaftlich, kommerziell und kolonial-propagandistisch motivierten Ausstellungen war die Fotografie ein spektakuläres Mittel, um ein grosses Publikum auf die Anliegen der Organisatoren aufmerksam zu machen.
Fotografien von «exotisch» aussehenden Gegenden und Menschen waren in grossen Ausstellungen beliebte Sujets. Bei den Weltausstellungen dienten Fotografien dazu, die neuesten Errungenschaften des fortschrittlichen Westens mit dem traditionellen Leben aussereuropäischer Gesellschaften zu kontrastieren. Der grosse Publikumserfolg der Kolonialabteilungen in den Weltausstellungen führte bald zu eigenständigen Kolonialausstellungen. Dabei wurden nicht nur Gegenstände und Fotografien aus Übersee gezeigt; besonders gut besucht waren die Völkerschauen, bei denen Menschen aus den Kolonien ausgestellt wurden.
Kleinere Fotoausstellungen wurden auch von wissenschaftlichen Gesellschaften und Museen organisiert. Die Mittelschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft zeigte 1885 beispielsweise eine Ausstellung mit dem Ziel «vermittels Original-Photographien ausserschweizerischer Landschaften ein Bild des gegenwärtigen Globus zu entwerfen». Kurz darauf eröffnete die Gesellschaft das Ethnographische Gewerbemuseum, später das Photographische Museum und richtete Wanderausstellungs-Schränke ein, die an Schulen gezeigt wurden.

Fotografien wurden bei Ausstellungen nicht nur gezeigt, sondern auch gemacht. Afrikanerinnen und Afrikaner, die bei Völkerschauen «präsentiert» wurden, wurden meistens auch vermessen, fotografiert und dokumentiert. Wie diese Aufnahme von der Kolonial Ausstellung Stuttgart von 1928 zeigt, waren solche Fotografien auch beliebte Sujets für Postkarten.

«In Council: The Courtyard our Tembé at Ujiji (From a photograph by the Author)», ohne weitere Angaben, in: Henry M. Stanley, Through the Dark Continent. The Source of the Nile around the Great Lakes of Equatorial Africa and down the Livingstone River to the Atlantic Ocean, New York 1878, S. 62. Online: Internet Archive, [Stand: 10.4.2014]. (Diese Publikation ist auf Internet Archive vollständig online verfügbar)

Weite Verbreitung fanden die Fotografien aus dem kolonialen Afrika durch die Veröffentlichung in Publikationen aller Art:

In Expeditions- und Reiseberichten illustrierten sie etwa die Beobachtungen und Erlebnisse von Reisenden. Auch Ethnologen, Anthropologen und Geografen verwendeten in ihren wissenschaftlichen Publikationen Bildmaterial, um ihre Theorien zu belegen und die Untersuchungen zu veranschaulichen. In den oft sehr reich bebilderten Missionspublikationen dienten Fotografien als visuelle Belege der erfolgreichen Christianisierung. In ähnlicher Weise warben die Publikationen kolonialer Gesellschaften und Institutionen, die sich mit den Überseegebieten und ihrer Beziehung zu den Metropolen beschäftigten, für das koloniale Engagement. In den albumähnlichen Fotobüchern und Bildbänden standen die Fotografien sogar im Zentrum: Sie versammelten Fotografien zu bestimmten Regionen und Themen oder versuchten die Weltbevölkerung mit so genannten Typenfotografien darzustellen.
An ein breites Publikum gelangten die Fotografien schliesslich durch die Reproduktion in der Massenpresse und vor allem in den illustrierten Zeitschriften, die sich grosser Beliebtheit erfreuten. Den Abbildungen wurde so zunehmend eine Bedeutung in der Vermittlung von Informationen und Nachrichten zugesprochen.
Die Fotografien wurden anfänglich als Stiche reproduziert oder die Abzüge direkt in die Bücher eingeklebt. Mit den drucktechnischen Entwicklungen wurde es gegen Ende des 19. Jh. aber zunehmend einfacher und günstiger, Fotografien in Publikationen zu reproduzieren. Die Zahl der in Zeitschriften, Broschüren und Büchern abgedruckten Fotografien stieg in der Folge rasch an.

Reise- und Expeditionsberichte erlebten im 19. Jh. ihre Blütezeit. Diese Abbildung stammt aus Henry Morton Stanleys Reisebericht «Through the Dark Continent» von 1878 und wurde nach der Vorlage einer Fotografie gemacht, die er selbst aufnahm - will man der Bildlegende Glauben schenken.

o.F. «Aufn. d. Bildstelle, Lichtbilder Vortrag 1941», Deutschland 1941, Universitätsbibliothek Frankfurt a.M., Bildbestand der Deutschen Kolonialgesellschaft, Bildnummer: 046-7127-20. Online: Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, [Stand: 17.8.2013].

Fotografien konnten seit den 1850er Jahren auf Glas produziert werden, wodurch sie sich zur Bildprojektion verwenden liessen. Ab den 1880er Jahren wurden Dias in ganzen Serien produziert und die Bildvorführungen auf der Leinwand kamen mehr und mehr in Mode.
Forschende und wissenschaftliche Gesellschaften organisierten Vorträge, die an ein Fachpublikum und die interessierte Öffentlichkeit gerichtet waren. Die Fotografien waren Illustrationen und Belege der Forschungsergebnisse, sie dienten der Unterhaltung und zeigten symbolisch-visuell die Modernität und Überlegenheit europäischer Forschung.
Diashows und Vorträge waren auch für koloniale Gesellschaften ein wichtiges Mittel der Öffentlichkeitsarbeit, um koloniale Ideen und Interessen zu propagieren. Die präsentierten Fotografien und Karten illustrierten die Vorträge von Rednern.
Mit dem aufkommenden Ferntourismus wurden auch Vorträge über Reiseerlebnisse in fernen Gegenden populär und sprachen ein breites Publikum an. Die Schwarz-Weiss Dias wurden ab den 1890er Jahren auf Grossleinwand vorgeführt, sodass die oft zahlreichen Besucher die Reiseerfahrungen visuell miterlebten.

Diese Fotografie entstand während eines Lichtbildvortrages, der 1941 vom Deutschen Reichskolonialbund organisiert worden war. Der Reichskolonialbund fasste zwischen 1933 und 1943 alle deutschen Kolonialorganisationen zusammen und warb – unter anderem in Diavorträgen – für die Wiedererlangung der ehemaligen deutschen Kolonialgebiete.

Franz Spenker Verlag : «Beim Schwarzkünstler. Deutsch-Süd-West-Afrika», o.D. (1905 verschickt), Hamburg (Deutschland), Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Kolonialismus und afrikanische Diaspora auf Bildpostkarten, ohne Bildnummer. Online: Digitale Sammlungen der Universität zu Köln, [Stand: 16.8.2013].

Fotografien aus Afrika zirkulierten ab den 1890er Jahren auch als Bild- und Ansichtspostkarten. Insbesondere in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg produzierten Berufsfotografen und Bildagenturen, aber auch Missionsgesellschaften und Kaufleute, tausende von Postkarten mit afrikanischen Sujets und machten damit ein lukratives Geschäft. Auch afrikanische Fotografen beteiligten am Postkartenhandel.
Die Bildpostkarten zeigen eine breite Vielfalt von Sujets: Sie reichen von Landschaften und Städten, Infrastruktur und Sehenswürdigkeiten bis hin zu Menschen, die in exotischen Szenerien, in Gruppen und als Einzelne, in Studios oder unter freiem Himmel, abgebildet worden sind. Nicht immer wird auf den ersten Blick der koloniale Hintergrund deutlich, doch auch die beliebten humoristischen und karikierenden Darstellungen spiegeln eine kolonialistische Perspektive.
Als Grusskarten verschickt, Briefen beigelegt oder als Erinnerungen in Reisealben eingeklebt zirkulierten die Postkarten in weiten Räumen und prägten das Bild von fernen Regionen und Kulturen massgeblich mit.

Online verfügbare Postkartensammlungen:

Wie die Poststempel und die Beschriftung auf der Rückseite belegen, schickte ein gewisser Emil diese Postkarte 1905 aus Deutsch-Südwestafrika (Namibia) an seine Schwester Martha Tsilrischkale nach Berlin «zur Verbesserung Deiner Sammlung».

In folgendem Buch wurden private Fotografien von südafrikanischen Familien herausgegeben: Mofokeng, Santu: The Black Photo Album – Look at Me: 1890-1950, Göttingen 2013. Einige der Fotografien aus diesem «Black Photo Album» können auf Flickr online angeschaut werden.o.F.: «Père avec sa belle sœur», Majunga (Madagaskar) ca. 1958, private Sammlung.

Eine grosse Anzahl von Fotografien blieb in privaten Händen. In Schuhschachteln aufbewahrt, in Fotoalben eingeklebt oder in Bilderrahmen aufgehängt dienen sie der Erinnerung – oder sie werden vergessen. Viele von ihnen gelangten nie an ein breites Publikum, wurden aber im Familien- und Freundeskreis gezeigt.
Erinnerungsfotografien, die aus afrikanischen Ländern nach Europa gelangten, zirkulierten zwar nicht im öffentlichen Raum, innerhalb des privaten Kreises vermittelten aber auch sie die Eindrücke aus Afrika. Sie reisten mit ihren Besitzern oder wurden zusammen mit Briefen verschickt.
Auch Afrikanerinnen und Afrikaner verbreiteten ihre privaten Aufnahmen, indem sie sie tauschten, verschenkten oder ihrer Familie und Freunden im Ausland zukommen liessen.
Die privaten Fotografien dienen der Präsentation und Repräsentation – sowohl in Afrika wie auch in Europa.

Diese Fotografie entstand ungefähr 1958 in Madagaskar und gelangte mit einem Verwandten der Abgebildeten in die Schweiz, dem sie bis heute zur Erinnerung an die entfernte Familie dient.