Deutsch im Kontext

Weltweit gibt es insgesamt etwa 6000 verschiedene Sprachen. Diese Zahl kann nicht genauer bestimmt werden, einerseits weil es Gebiete gibt, die sprachwissenschaftlich sehr schlecht erforscht sind, anderseits weil es keine eindeutigen Kriterien gibt, um einzelne Sprachen voneinander abzugrenzen. Wann eine Sprache als Sprache bezeichnet wird, basiert sehr oft auf politischen Kriterien. So ist z.B. das Luxemburgische, das als Amtssprache in Luxemburg gilt, den benachbarten deutschen Dialekten sehr ähnlich, zu denen es linguistisch gesehen gehört; aber die beiden chinesischen «Dialekte» Mandarin und Kantonesisch, die offiziell zu einer einzigen Sprache gehören, sind gegenseitig nicht verständlich. Sprachen lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen: 

  •  typologisch z. B. nach der Stellung von Subjekt, Verb und Objekt im Satz sowie nach der Art wie grammatische Bedeutungen sprachlich kodiert werden und
  • genetisch nach der historischen Entwicklung und Verwandtschaft.

Sprachen können nach der Wortstellung im einfachen Aussagesatz in Typen unterteilt werden, wobei man nur die Position von Subjekt, (finitem) Verb und Objekt berücksichtigt. SVO- und SOV-Stellung sind mit Abstand am häufigsten anzutreffen; OSV und OVS sind extrem selten. Das Deutsche gehört mit vielen anderen Sprachen wie Englisch, Finnisch oder Suaheli zum SVO-Typ, obwohl es im Nebensatz eine andere Wortstellung zeigt.
Ein anderes Einteilungsschema geht der Frage nach, mit welchen Mitteln grammatische Kategorien im Satz ausgedrückt werden, das heisst dass morphologisch-syntaktische Gesichtspunkte im Vordergrund stehen. Demzufolge unterscheidet man die Sprachtypen isolierend, agglutinierend, flektierend und polysynthetisch. Das Deutsche gehört zum flektierenden Typ, denn grammatische Kategorien werden durch Flexionsendungen am Ende des Wortes oder durch Stammvariation angezeigt. Diese Endungen drücken mehrere Kategorien gleichzeitig aus. Dadurch entsteht ein grammatisches und inhaltliches Netz von Beziehungen zwischen den Wörtern. Sprachen, die ähnlich verfahren, sind indoeuropäische Sprachen z. B. Französisch, Russisch oder Albanisch.

isolierend: einem Wort entspricht eine Information, die Wörter werden nicht verändert z. B. Vietnamesisch:

Khi tôi den nhà ban tôi, chúng tôi bat dau làm bài.
Wenn ich kommen Haus Freund ich, Plural ich beginnen tun Lektion.

Übersetzung: Als ich ins Haus meines Freundes kam, begannen wir, Lektionen zu machen.

 

agglutinierend («anklebend»): ein Wort kann mehrere Informationen umfassen, jede Information wird durch ein Morphem ausgedrückt, diese werden aneinandergereiht:
z. B. Finnisch:

talo - talossani - taloissani

talo = Haus
i = Plural
ssa = in
ni = zeigt Besitz durch eine 1. Person Singular an «mein»
Übersetzung: Haus - in meinem Haus - in meinen Häusern

 

flektierend: ein Wort kann mehrere Informationen umfassen, diese Informationseinheiten können verschmolzen sein
z. B. Deutsch:

Haus (Singular) - Häuser (Plural)

bei dieser Form sind die Informationen Plural und Nominativ, Genitiv bzw. Akkusativ am Stamm verschmolzen

 

polysynthetisch (auch einverleibend):
verbindet die vorkommenden Wörter eines Satzes zu so genannten Satzwörtern
z. B. Grönländisch:

Kaffi-so-rusupp-unga.

Kaffee-trink- Lust haben auf-ich

Wortgleichungen von indoeuropäischen Sprachen mit der rekonstruierten indoeuropäischen Form.

Sprachen, die auf eine gemeinsame Ursprache zurückgeführt werden können, bezeichnet man als genetisch verwandt. Dieses Verhältnis wird mit den Metaphern Sprachfamilie, Mutter- und Tochter- bzw. Schwestersprachen beschrieben. Unter Ursprache versteht man eine Sprache, die schriftlich nicht belegt sein muss, die aber aufgrund von lautlichen, morphologischen und lexikalischen Entsprechungen ihrer Tochtersprachen rekonstruiert werden kann. Diese rekonstruierten Formen werden mit einem Stern (Asterisk) gekennzeichnet wie indoeuropäisch *pod «Fuss».
Das Deutsche gehört zur indoeuropäischen oder indogermanischen Sprachfamilie. Im ausgehenden 18. Jahrhundert entdecken verschiedene Forscher aufgrund von Gemeinsamkeiten im Wortschatz und Sprachbau den Zusammenhang des Altindischen mit den europäischen Sprachen, so William Jones (1786) und Franz Bopp, der 1816 seine Untersuchung «Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenen der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache» veröffentlicht.

Schematischer Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen:
Sprachverwandtschaften werden oft mit dem aus der Biologie übernommenen Modell des Stammbaums dargestellt. Den ersten Sprach-Stammbaum zeichnete August Schleicher im 19. Jahrhundert für das Indoeuropäische.

Die indoeuropäische Sprachfamilie gehört mit 2 Milliarden Sprechern zur grössten und am besten erforschten Sprachfamilie. Sie umfasst die Mehrheit der Sprachen Europas (ausser z. B. Baskisch, Finnisch, Ungarisch), die in folgende Sprachzweige eingeteilt werden: Albanisch, Italisch (Latein und die romanischen Sprachen), Germanisch, Griechisch, Keltisch, Baltisch und Slawisch.
Ausserhalb Europas gehören Indisch, Iranisch, Armenisch und die ausgestorbenen Sprachzweige Tocharisch und Hethitisch dazu. Da sich diese Sprachfamilie geographisch von Indien bis nach Europa erstreckt, trägt sie den Namen Indoeuropäisch (älter Indogermanisch). Die indoeuropäischen Sprachen gehören zum flektierenden Typ. Weitere sprachliche Gemeinsamkeiten, die für die älteren Sprachstufen rekonstruiert werden, sind Ablaut, acht Kasus, drei Genera und freier Wortakzent.
Zeitlich wird die indoeuropäische Ursprache um etwa 3000 vor Chr. angesetzt. Danach geht man von Wanderbewegungen und der allmählichen Aufspaltung in die Tochtersprachen aus. Die jüngste Theorie geht von einer Urheimat des Indoeuropäischen südlich des Schwarzen Meeres (Kleinasien) aus.

Stammbaum des Germanischen.

Das Germanische ist ein Sprachzweig des Indoeuropäischen und lässt sich in drei Untergruppen einteilen: Ost-, West- und Nordgermanisch. Diesen lassen sich folgende ältere Dialekte bzw. Einzelsprachen zuordnen: Gotisch, Altenglisch, Altfriesisch, Altniederfränkisch, Altniederdeutsch, Althochdeutsch und Altnordisch.
Wann sich diese Dialekte genau herausgebildet haben, ist nicht genau bestimmbar. Das Gotische ist jedenfalls aus der Mitte des 4. Jahrhunderts in einer Bibelübersetzung nachweisbar. Damit ist es die am frühesten belegte germanische Einzelsprache, heute allerdings ohne modernen Vertreter. Seit dem 12. Jahrhundert ist das Altnordische in Skandinavien (v.a. Island) überliefert, von welchem die heutigen skandinavischen Sprachen abstammen. Ab dem 8. Jahrhundert ist das Althochdeutsche in grossen Teilen des heutigen hochdeutschen Sprachgebietes nachweisbar. Altniederfränkisch ist die nur spärlich belegte Vorstufe des Niederländischen; Altniederdeutsch ist die Vorstufe des Niederdeutschen, dem heute der Status eines Dialektes zukommt.

Abschnitt aus Plinius, nat.hist. 28,191 zu Seife.

Charakteristisch für die germanischen Sprachen ist u. a. die systematische Umgestaltung des indoeuropäischen Konsonantensystems durch die 1. Lautverschiebung, die Festlegung des Wortakzentes auf die erste bzw. die Stammsilbe, die Herausbildung der schwachen Verben und die Reduktion der indoeuropäischen 8 auf 4 Kasus.
Das Germanische ist ebenfalls eine rekonstruierte Sprache, das sich aus den ältesten Sprachstufen der germanischen Einzelsprachen ableiten lässt. Aber im Gegensatz zu den «Indoeuropäern» sind die Germanen historisch fassbar: Ab dem 3. Jahrhundert berichten griechische und römische Autoren über germanische Stämme und diese Quellen überliefern uns indirekt germanischen Wortschatz.
Eine weitere Quelle für die Rekonstruktion sind Entlehnungen in Nachbarsprachen. Interessante Beispiele finden sich im Finnischen, fin. kuningas (König) aus germ. *kuningaz, fin. rengas (Ring) aus germ. *hrengaz, denn sie haben eine altertümlichere Form bewahrt als die germanischen Einzelsprachen.

Die 1. oder germanische Lautverschiebung wurde erstmals von Jacob Grimm beschrieben; daher auch Grimm's Law. Bei dieser Verschiebung werden die indoeuropäischen Verschlusslaute regelmässig umgewandelt. Die betroffenen 9 Phoneme kann man in 3 Gruppen zusammenfassen:

  • Die stimmlosen Plosive p, t, k werden zu stimmlosen Frikativen f, þ, x. Der Reibelaut x verändert sich im Anlaut zum Hauchlaut h.
  • Die stimmhaften Plosive b, d, g werden stimmlos p, t, k.
  • Die behauchten, stimmhaften Plosive bh, dh, gh verlieren die Behauchung (Aspiration) und werden zu stimmhaften Frikativen, die später im Germanischen als stimmhafte Plosive b, d, g realisiert werden.

Die Ursachen der 1. Lautverschiebung sind unklar und die Datierung ist umstritten. Da aber kein lateinisches Lehnwort im Germanischen diese Veränderungen zeigt, endet sie mit ziemlicher Sicherheit vor dem Kontakt der Germanen mit den Römern (ca. 500-300 v. Chr.).

Lateinisch, Griechisch und Altindisch zeigen keine 1. LV, im Unterschied zu den germanischen Tochtersprachen Englisch, Deutsch, Schwedisch und Gotisch.

(1) ie. p t k germ. f þ x (> h)
lat. pater engl. father
lat. tres engl. three
lat. centum dt. hundert

(2) ie. b d g germ. p t k
lat. labium schwed. pp
gr. kardia engl. heart
lat. genu dt. Knie



(3) ie. bh dh gh b d g germ. b, d, g
aind. bhrātar engl. brother
aind. dhuhitar engl. daughter,
aind. stighnoti got. steigan

Eine Ungereimtheit im Ergebnis der 1. Lautverschiebung konnte Jacob Grimm allerdings nicht erklären: nicht alle indoeuropäischen Plosive p, t, k entsprechen im Germanischen den stimmlosen Frikativen f, þ, x. Stattdessen treten in manchen Wörtern stimmhafte Plosive auf. Wie Karl Verner herausfand, spielen dabei die indoeuropäischen Akzentverhältnisse eine Rolle.

Sein Gesetz besagt: Aus den stimmlosen Plosiven p, t, kentwickeln sich über eine Zwischenstufe stimmhafte Plosive b, d, g, wenn der Akzent im Indoeuropäischen nicht unmittelbar vorausgeht, also nicht im Anlaut und unmittelbar nach betonter Silbe. Am Wortpaar ziehen - gezogen kann dies gut gezeigt werden: Beide Wortformen haben im Wortinnern den Plosiv k: indoeuropäisch *déukonom (Infinitiv) und *dukonós (Partizip Perfekt) mit dem Unterschied, dass bei *déukonom der Akzent vor dem k steht und bei *dukonós der Akzent dem k folgt. Der Infinitiv durchläuft also regulär die 1. Lautverschiebung, während beim Partizip Verners Gesetz wirkt.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist noch in nhd. Wortpaaren greifbar: f - b in dürfen – darben, d - t in schneiden – geschnitten, h - g in ziehen – gezogen. Dieser Wechsel im Konsonantismus wird nach Jakob Grimm auch als grammatischer Wechsel bezeichnet.

Ie. Ausgangs- punkt 1. LV & Verner «ein- schalten» Germ. Nhd. Ergebnis
*déukonom *teuxanan *teuhanan ziehen 1. LV
*dukonós *tuganaz *tuganaz gezogen Verners Gesetz

Englisch und Niederdeutsch zeigen keine 2. LV, im Unterschied zu den oberdeutschen Dialekten.

Das Deutsche trennt sich von den anderen germanischen Sprachen durch eine weitere Veränderung im Konsonantismus ab: die 2. oder ahd. Lautverschiebung. Betroffen von dieser Lautverschiebung sind die germanischen stimmlose Plosive p, t, k, die germanischen stimmhaften Plosive b, d, g. Entscheidend ist die Entwicklung von p, t, k, die je nach Position im Wort Frikative und Affrikaten, eine neue Lautgruppe, generiert:

  • nach Vokal entwickeln sich Doppel-Frikative p > ff, t > zz, k > xx.
  • im Anlaut und nach Konsonant entwickeln sich Affrikaten p > pf, t > tz, k > kx. Die im Westgermanischen entstandenen Geminaten pp, tt, kk entwickeln sich ebenfalls zu Affrikaten, z.B. westgerm. *appla > ahd. apful.

Die stimmhaften Plosive b, d, g werden zu p, t, k, wobei sich im Hochdeutschen nur t durchsetzt, p und k sind v.a. in altbair. und teilweise in altalem. Schriftdenkmälern vorhanden. In den Kontext der 2. LV wird auch der Wandel von þ zu d gestellt.
Zeitlich fällt die 2. LV ins 5. bis 8. Jahrhundert n. Chr. Im Gegensatz zur 1. LV ist die 2. LV nicht im ganzen Sprachgebiet vollständig durchgeführt. Einzig im Hochalemannischen und Südbairischen wirkt sich die 2. LV in vollem Umfang aus mit dem Wandel von k > kch / ch; im Mitteldeutschen fehlt der Wandel von p > pf. Das Niederdeutsche ist von dieser Lautverschiebung nicht betroffen.