Schriftgeschichte

Eine kurze Darstellung der lateinischen Schriftgeschichte und der einzelnen Schriften soll eine ungefähre Datierung von Texten im Archiv ermöglichen. Du solltest auf den ersten Blick abschätzen können, ob Du eine früh- oder spätmittelalterliche Handschrift oder eine neuzeitliche Quelle vor Augen hast.

Schriftvergleiche können ausserdem Hinweise zur Herkunft (Provenienz) einer Handschrift geben. Die Datierung und vor allem die Lokalisierung der Handschrift allein aufgrund des Schriftbildes ist jedoch schwierig und kann in der Regel nur in Zusammenarbeit mit Spezialisten erfolgen.

Grundsätzlich unterscheidet man:

Majuskelschriften
Grossbuchstaben
Zweiliniensystem
keine Ober- und Unterlängen
Minuskelschriften

Kleinbuchstaben
Vierliniensystem
Ober- und Unterlängen
Kursiven
rasche, flüchtige Schrift
meist verbundene Buchstaben
häufig Schlaufen

Die Nomenklatur der Schriften und der Schriftbeschreibung ist nicht einheitlich. Spezialisten unterscheiden zum Teil Schriftarten einzelner Klöster (Skriptorien). Eine solche Zuschreibung ist jedoch vielfach problematisch und für Laien ohnehin kaum möglich.

Bibel aus dem Kloster Tours in Frankreich (Alkuin-Bibel), um 830
Capitalis quadrata
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 1, fol. 220r

Bibel aus dem Kloster Tours in Frankreich (Alkuin-Bibel), um 830
Capitalis rustica
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 1, fol. IVr

Den Ausgangspunkt für die mittelalterliche Schriftentwicklung bildete die römische Capitalis. Es handelt sich um eine Majuskelschrift, d. h. sie wird nur aus gleich hohen Grossbuchstaben gebildet.
Majuskelschriften des Mittelalters orientierten sich stark an dieser vor allem für Steininschriften verwendeten römischen Vorlage. Es lassen sich drei Majuskelschriften unterscheiden: Capitalis quadrata, Capitalis rustica und Unziale.
Die Capitalis quadrata wird auch als Capitalis monumentalis bezeichnet. Ihr Name leitet sich vom geometrischen Verhältnis zwischen Höhe und Breite der Buchstaben ab (besonders deutlich sichtbar bei den Buchstaben M, N, O und D).
Bei der Capitalis rustica hingegen sind die Buchstaben weniger breit als hoch. In der Regel werden sie näher aneinandergerückt, was zu schmaleren Proportionen führt.

Unziale
Psalterium, Frankreich, Ende 9. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 161, fol. 1r

Halbunziale
Evangelienfragment, 5. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 79b, fol. 6r

Die Unziale ist eine reine Majuskelschrift. Ihre Formgebung ist allerdings nicht quadratisch oder eckig wie bei der Capitalis, sondern rund. Daher erklärt sich auch ihr Name (lateinisch uncus = 'Bogen', 'Haken'). Man erkennt dies besonders gut an den Buchstaben E, M und U (statt V). Als Buchschrift taucht die Unziale vor allem in Texten des späten 3. bis 8. Jahrhunderts auf.
Die Halbunziale bildet gegenüber der Unziale die Ober- und Unterlängen weiter aus. Sie lässt sich nicht eindeutig als Majuskel- oder Minuskelschrift bezeichnen, sondern steht zwischen diesen beiden Grundtypen. Auffällig sind vor allem die Oberlängen bei b, d, h, l, und Unterlängen bei f, g, p, q. Das a ähnelt einem ci oder cc, g besitzt eine wellenförmige Unterlänge, n wird häufig in Majuskelform geschrieben.
Capitalis und Unziale wurden im Mittelalter nach dem Übergang zur Minuskel weiterhin als Auszeichnungsschriften für Überschriften, Incipits, Explicits, Rubriken und Hervorhebungen verwendet.

Insular-Minuskel, Adomnáns Vita Columbae (Iona, ca. 688–713). Der Beginn des Absatzes wird durch ein Diminuendo hervorgehoben, das aus einem grösseren Buchstaben besteht, auf den immer kleinere folgen – ein für frühe insulare Handschriften typisches Merkmal (Schaffhausen, Stadtbibliothek, Gen. 1, S. 4; https://www.e-codices.ch/en/list/one/sbs/0001, Public Domain CCO 1.0).

Insulare Schriften


Irische, andere keltische und angelsächsische Schriften werden zusammenfassend als «insulare Schriften» bezeichnet. Sie weisen eine Reihe charakteristischer Buchstabenformen, Ligaturen und Abkürzungen auf, die sie von den (meisten) kontinentalen Schriften unterscheiden. Die Entwicklung der insularen Schriften beginnt mit der Christianisierung der Iren im 5. Jahrhundert. Die Angelsachsen übernahmen im Laufe des 7. Jahrhunderts bei ihrer Bekehrung zum Christentum irische Schreibstile. Insulare Minuskeln entstanden auch auf dem Kontinent, beispielsweise in den Zentren der angelsächsischen Mission in Deutschland wie Echternach, Fulda, Würzburg oder Mainz. In England verschwanden die insularen Schriftarten ab dem Ende der angelsächsischen Epoche, nach der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 n. Chr., allmählich. In Irland sind einige Merkmale noch heute in Gebrauch!

Buchstabenformen

In den insularen Schriften sind die Spitzen aller Minimen und Oberlängen keilförmig. Man unterscheidet zwei grosse Schriftarten: Majuskel und Minuskel. Die insulare Majuskel wird oft als «insulare Halbunziale» bezeichnet. Sie weist sehr kurze Ober- und Unterlängen auf und verwendet die Grossbuchstaben N, R und S. Diese Schriftart findet sich beispielsweise im berühmten «Book of Kells». Typische Buchstabenformen der insularen Minuskel sind das d mit rundem Rücken (ꝺ) und das g mit flachem Oberteil (ᵹ). Zudem stehen die Buchstaben f (ꝼ), r (ꞃ) und das lange s (ꞅ) auf der Grundlinie, was es manchmal schwierig macht, das r vom s und vom f zu unterscheiden. In der insularen kursiven Minuskel sind die unteren Teile der Minimen und die Unterlängen spitz zulaufend, und die Schrift ist kompakter.

Altenglisch

Für Texte in Altenglisch wird eine Reihe von Sonderzeichen verwendet. Der Buchstabe eth (ð), bestehend aus einem d mit rundem Rücken und einem Strich durch den Oberlängenabschnitt, wurde geschaffen, um den Laut /θ/ darzustellen, der dem modernen englischen th entspricht. Zwei Zeichen wurden aus der Runenschrift in die Handschrift übernommen, nämlich ƿ (wynn) für /w/ und þ (thorn) für /θ/; þ wird als Alternative zu ð verwendet (meist am Wortanfang). Die Ligatur æ, bestehend aus a und e, wird regelmässig als spezielles altenglisches Zeichen namens ash aufgeführt und steht für den Monophthong /æ/. Sie leitet sich aus der lateinischen Verwendung von æ ab.

Abkürzungen

Die gebräuchlichste insulare Abkürzung ist das Zeichen ⁊, das wie die Zahl 7 geformt ist, jedoch unter die Grundlinie hinausragt. Es steht in jeder Sprache für «und», z. B. für das lateinische et, das altirische ocus oder das altenglische and. Das Zeichen leitet sich aus einem Kurzschriftsystem ab, das Tiro, dem Sekretär des römischen Staatsmannes und Schriftstellers Cicero (106–43 v. Chr.), zugeschrieben wird, und wird daher allgemein als «Tironisches et» bezeichnet. Ein weiteres tironisches Zeichen, das in insularen Schriften verwendet wird, ist das Zeichen ÷ für «(dies) ist» (lateinisch est). Weitere typisch insulare Abkürzungen sind h mit einem kleinen Haken für das lateinische autem («aber, jedoch») und ↄ, ein umgekehrtes c, für das Präfix con-. Insulare Schriften verwenden auch Abkürzungen, die in kontinentalen Schriften üblich sind, zum Beispiel das Nasalsuspensionszeichen, das aus einem horizontalen Strich über einem Vokal besteht und zu n oder m erweitert wird.

Die häufigste Abkürzung, die spezifisch für das Altenglische ist, ist ꝥ, d. h. ein Thorn mit einem Strich durch den Oberlängenausläufer, das für þæt («das») steht. Es ist jedoch zu beachten, dass in volkssprachlichen Texten im Allgemeinen weniger Abkürzungen vorkommen als in lateinischen.

Spätere Entwicklung

Ab dem 10. Jahrhundert taucht die angelsächsische Quadratminuskel auf, die nach den quadratischen Proportionen von Buchstaben wie n, u und a benannt ist. Ende des 10. Jahrhunderts wurde die karolingische Minuskel eingeführt, die jedoch nur für lateinische Texte verwendet wurde, während für Texte in Altenglisch weiterhin die insulare Minuskel beibehalten wurde. In einigen angelsächsischen Urkunden führt dies zu umfangreichen Handschriftenwechseln, wenn die Grenzklauseln in Altenglisch verfasst sind, während der Rest der Urkunde in Latein vorliegt.

Weiterführende Literatur:
Stokes, Peter A. 2020. «Insular Script.» In: The Oxford Handbook of Latin Palaeography, hrsg. von Frank T. Coulson und Robert G. Babcock. New York: Oxford University Press. S. 213–233.

Zitationsvorschlag

Annina Seiler: Ad Fontes, Insulare Schriften, URL: https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/schriften-lesen/schriftgeschichte.

Vor- und frühkarolingische Minuskel
Liber scintillarum, 8. Jh. Provenienz: St. Gallen
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 65, fol. 9v

Die Auflösung des römischen Reiches führte zu einer regionalisierten Schriftentwicklung. Aus diesem Grund sprach man im 19. Jahrhundert von der Zeit der «Nationalschriften» (6. bis 11. Jahrhundert). Gemeinsames Merkmal dieser Schriften ist, dass sie die Halbunziale und die römische Kursive zu Minuskeln (Kleinbuchstabenschriften) weiterentwickelten (z. B. langobardische Schrift, westgotische Minuskel, Beneventana). Sie sind zum Teil schwer lesbar.
Besonders hervorzuheben sind die insularen Schriften, die im irisch-angelsächsischen Gebiet entstanden sind. Von der Insularis gibt es einen stark gerundeten Typ und später die kursivierte Spitzschrift. Die ältesten Quellen in St. Gallen, Fulda, Mainz, Würzburg und Salzburg sind dem runden Typ zuzuordnen. Besonders auffällig sind in der Spitzschrift das a (dreieckförmig) und das f (mit Unterlänge und Mittelstrich). r und s sind sehr ähnlich und leicht zu verwechseln.
Die frühkarolingischen Minuskeln des 8. und 9. Jahrhunderts kündigten als Schriften des Übergangs den nächsten bedeutsamen Wandel an: Auf der einen Seite wirkten in ihren zahlreichen Ligaturen Traditionen kursiven Schreibens aus der Spätantike und in ihren Buchstabenformen ältere Minuskelschriften fort. Auf der anderen Seite bildeten einige ihrer Varianten die Basis für die nächste Etappe in der lateinischen Schrift: Die karolingische Minuskel.

Karolingische Minuskel
Psalterium, Frankreich, Ende 9. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 161, fol. 163v

Die karolingische Minuskel entstand um 800 aus ausgewogen stilisierten Elementen verschiedener Vorgängerschriften in den Bildungszentren des karolingischen Reiches. Sie war eine neue, klare und einheitliche Schrift, die unter der Herrschaft Karls des Grossen flächendeckend eingeführt wurde. In den Randzonen blieben regionale Schriften noch längere Zeit erhalten. Die karolingische Minuskel ist eine geformte Buchschrift. Sie zeichnet sich aus durch:

  • konsequente Verwendung des Vierliniensystems
  • unverbundene Buchstaben
  • wenige Ligaturen

Für Überschriften wurden weiterhin Majuskelschriften verwendet (Capitalis, Unziale, Misch- und Zierformen).
Die karolingische Minuskel hielt sich fast vier Jahrhunderte, auch wenn sich einige ihrer Buchstabenformen veränderten. Eine Datierung aufgrund der Buchstaben ist allerdings nicht einfach, weil die Grundschrift relativ einheitlich bleibt.
Eine Sonderform ist die diplomatische Minuskel, die in den Königsurkunden seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts verwendet wurde. Ihre Kennzeichen sind grosse geschwungene und geschnörkelte Oberlängen sowie Gitterschrift in der ersten Zeile und in der Recognitionszeile.

Spätkarolingische Minuskel
Epistolae Pauli, 12. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Car. C 149, fol. 51v

Frühgotische Minuskel
Psalterium, Schaffhausen 1253 (früheste datierte Handschrift der Zentralbibliothek Zürich)
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 85, fol. 61v

Der Übergang von der spätkarolingischen Minuskel zur frühgotischen Minuskel ist fliessend. Es bestanden Mischformen wie die romanische Minuskel oder die karolingisch-gotische Mischschrift. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts ist dieser Umformungsprozess vollendet; seither erinnerten die Schriften in ihren Zügen kaum mehr an die karolingische Minuskel.
Die Veränderungen gegenüber der karolingischen Minuskel sind insbesondere die Brechung, die Engerstellung der Schäfte, die Streckung und stärkere Betonung der Vertikalen sowie die Bogenverbindung (de, do, be, bo, or). Die Bögen und Halbbögen wurden nicht mehr in einem runden und einzigen Zug geschrieben, sondern die Feder wurde im Spitz neu angesetzt (gotische Brechung).

links: Textura oder Textualis formata
Rudolf von Ems, Weltchronik, um 1350
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 15, fol. 218v
rechts: Rotunda
Psalmen und Brevier, Italien, 15. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 182, fol. 9r

Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte sich aus der frühgotischen Minuskel die Textura. Die Grundprinzipien der Brechung von Bögen, der Organisation der Schäfte auf der Zeile und der Streckung des Mittellängenbereichs zu Lasten der Ober- und Unterlängen sowie der Bogenverbindungen sind voll ausgebildet und führen zu jenem ineinander verwobenen, gitterartigen Schriftbild, dem die Schrift ihren Namen verdankt. Infolgedessen sind insbesondere die Buchstaben, die nur aus Schäften im Mittelband bestehen, schwer zu unterscheiden, da i noch lange ohne i-Strich oder i-Punkt geschrieben wird. So lassen sich Buchstabenkombinationen wie mm mi ni ui in iu iii etc. oft nur aus dem Kontext erschliessen.
Die Gründung von Universitäten und der damit verbundene höhere Bedarf an natürlich begrenzten Ressourcen (Pergament) führten zu einer veränderten Gestaltung von Büchern. Die Schriften wurden in dieser Zeit immer kleiner und gedrängter. Zudem wurden deutlich mehr Abkürzungen verwendet.
Die Textualis ist im Vergleich zur Textura eine einfachere Schrift, die rascher geschrieben werden konnte. Wichtiges Kennzeichen ist auch hier, dass die Buchstaben unverbunden nebeneinander stehen und f und langes s ohne Unterlängen auf der unteren Schriftzeile stehen bleiben.
Vor allem in Italien und Frankreich wurden rundere Buchstabenformen bevorzugt. Diese Schrift wird als Rotunda oder Textualis semiquadrata bezeichnet.
Die Textura oder Textualis formata wurde für Bücher mit hervorragender Bedeutung verwendet und zu einem Vorbild für die Typen des frühen Buchdrucks (Gutenberg-Bibel)

Gotische Bastarda
Livre d'heures, Frankreich (Tours), 15. Jh.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 168, fol. 17r


Gotische Kursive
Urkunde Lütolds von Regensberg, 1285
Klosterarchiv Einsiedeln, K.P.1.

Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte sich die Bastarda. Sie trägt sowohl Züge der Textura und Textualis, tendiert aber vom Duktus her in Richtung einer Kursive. Kennzeichen sind eine hohe Stilebene, stark geformte, wenig verbundene Buchstaben (obwohl es auch Bastarden mit Schlaufen gibt) und deutliche Unterlängen bei f und langem s, deren Schäfte meist deutlich verdickt sind. Charakteristisch ist auch die sichtbare Schrägstellung der Schrift.
Insgesamt ist im Zuge der spätmittelalterlichen Zunahme an Schriftlichkeit eine stärkere Differenzierung der Schriftverwendung je nach Gebrauchskontext zu verzeichnen: von sehr schön gestalteten Buchschriften bis zu stark gekürzten Konzeptschriften.
Die verstärkte Schriftverwendung in der Verwaltung und Geschäftstätigkeit, aber auch die gestiegenen Anforderungen an die wissenschaftliche Arbeit führten im 13. Jahrhundert zur Herausbildung der gotischen Kursive, die bis ins 16. Jahrhundert in Gebrauch war. Ihre Linienführung ist flüchtiger als jene der Textualis oder Bastarda. Kennzeichen sind Unterlängen bei f und langem s, häufig Schrägstellung und durch Schlaufen verbundene Buchstaben. Die gotische Kursive oder lat. Cursiva war die vorherrschende Gebrauchsschrift, wurde in gehobener Form allerdings auch für schön ausgestaltete Bücher mit Illustrationen verwendet.

Humanistische Minuskel
Vergil, Opera, Italien, 15. Jh. Laut Eintrag fol. Ir 1765 in Rom gekauft durch David Vogel.
Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 83, fol. 2r.

Humanistische Kursive
Hans Füssli, Schweizer- und Zürcherchronik mit eigenhändigen Zusätzen von Heinrich Bullinger (sog. Bullinger-Chronik oder «Handbüchli»)
Zentralbibliothek Zürich, M. K 39 Bullinger, fol. 125v.

Die humanistischen Gelehrten lehnten im 14. / 15. Jahrhundert die gotischen Schriften zunehmend ab und orientierten sich statt dessen wieder an der karolingischen Minuskel. So entstand die humanistische Minuskel (Antiqua).
Die humanistische Minuskel unterscheidet sich nur wenig von der karolingischen Minuskel. Mögliche Differenzierungsmerkmale bieten lediglich die i-Punkte, das gotische t, dessen Schaft den Querbalken durchstösst, und die teilweise Verwendung des runden s und r. Häufig kam es auch zu individuellen Mischungen von gotischer Schrift und humanistischer Minuskel (Gotico-Antiqua).
Als Auszeichnungsschrift wurde weiterhin die Capitalis nachgeahmt.
Neben der humanistischen Minuskel entwickelte sich die flüchtige, nun stark individuell geprägte humanistische Kursive.
Die humanistische Minuskel (Antiqua) wurde neben der Textualis (Fraktur) in den Buchdruck übernommen. In neuzeitlichen Handschriften wurde die Antiqua oft für fremdsprachige Zitate (Latein, Französisch, Italienisch) oder als Auszeichnungsschrift verwendet.

Romanische Schrift
Staatsarchiv Graubünden, D II a 1.20a

Die Entwicklung der lateinischen Schrift war seit dem 15. Jahrhundert durch den Buchdruck mitgeprägt. Die Kunst handschriftlichen Buchschreibens wurde zunehmend von Gutenbergs Drucktechnik mit beweglichen Lettern verdrängt. Damit wurde die weitere Geschichte der Handschrift in zunehmendem Masse vom Bereich des Geschäfts- und Gebrauchsschriftguts bestimmt. Auch die Gebrauchsschriften differenzierten sich immer stärker je nach Zweck und Ausführungsgrad. Neben kalligraphische, d. h. ausgesprochene Schönschriften, traten stark individuell geprägte Schriften.
Die europäische Schrift - die geschriebene und die gedruckte - entwickelte sich in der Frühen Neuzeit in zwei Strängen. Diese sind im Allgemeinen voneinander unabhängig und vermischen sich selten.
Der erste Strang, die romanische Schrift, wurzelt in der Schrifttradition des italienischen Humanismus (15. Jahrhundert). Diese italienische Schrift wurde zum Vorbild für die neuzeitliche Kursive in Frankreich, Spanien und den Niederlanden (z. B. Bastarda Ilana). Auch die Lettre anglaise steht in dieser Tradition.

Deutsche Kurrentschrift im 16. Jahrhundert
Hans Füssli, Schweizer- und Zürcherchronik (sog. Bullinger-Chronik oder «Handbüchli»)
Zentralbibliothek Zürich, Ms. K 39, fol. 73v

Deutsche Kurrentschrift im 18. Jahrhundert
Universitätsbibliothek Basel, VB Mscr. M 14.3, p. 81

Der zweite Strang stand weiterhin in der Tradition der gotischen Schriften und war vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet. Diese sogenannte deutsche Kurrentschrift wurde zur allgemein üblichen Geschäftsschrift der Neuzeit.
Sie entwickelte die kursiven Elemente der gotischen Kursive weiter, überwand aber nach und nach die Brechungen. Erkennbar ist die Kurrentschrift am h mit Schleifen an Ober- und Unterlänge. Ebenfalls charakteristisch ist das «Knospen»-e, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geöffnet wurde und seit dem 17. Jahrhundert fast ausschliesslich zweischäftig verwendet wurde.
Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden i und j, u und v jeweils nach ihrem Lautwert geschrieben. Gleichzeitig setzte sich die Grossschreibung aller Substantive immer mehr durch. In der Barockzeit wurden die Grossbuchstaben zunehmend verschnörkelt.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Kurrentschrift die gebräuchliche Verkehrsschrift in Deutschland.



Capitalis quadrata
Vergil-Handschrift, 4. bis 5. Jhd.

Erhart / Hollenstein 2006, S. 84

Die Interpunktion diente im frühen Mittelalter der rhetorischen Gliederung. Sie richtete sich nach den Sprechpausen und der Metrik und nicht nach der Grammatik.
Texte wurden meist durch Initialen gegliedert. Rot ausgezeichnete Majuskeln markierten die Satzanfänge. Textabschnitte wurden später auch mit Paragraphenzeichen kenntlich gemacht. Viele Texte kamen allerdings ohne jede Interpunktion aus.
Verschiedene Mittel der Textorganisation und Interpunktionszeichen, welche uns bei der Organisation eines Textes heute helfen und unersetzlich erscheinen, entwickelten sich erst mit der Zeit. Die Worttrennung setzte sich beispielsweise nur sehr langsam durch. Erst vom 9. Jahrhundert an wurden die Wörter durchgehend auseinander geschrieben.
Die Silbentrennung durch einen Strich am Ende der Zeile wurde erst im 11. Jahrhundert üblich, durch zwei Striche dann im 14. Jahrhundert. Fragezeichen gibt es seit der karolingischen Minuskel. Ausrufezeichen werden sogar erst im 16. Jahrhundert verwendet.

Neo-gothic script, bailiffs' account of Lappee, 1545
National Archives of Finland, http://digi.narc.fi/digi/view.ka?kuid=2661303.

Die im zwölften Jahrhundert in Frankreich entwickelte gotische Schrift wurde in West- und Mitteleuropa verwendet. Sie war gekennzeichnet durch die Betonung von Vertikalen, Geraden und scharfen Winkeln. Der gotische Stil wurde in Süd- und Westeuropa durch die humanistische Kursiv- oder Lateinschrift verdrängt, die im Italien des 15. Jahrhunderts entwickelt wurde. Die humanistische Kursivschrift ist der zeitgenössischen Handschrift ziemlich nahe und ist daher für die Menschen von heute recht einfach zu lesen. Die im deutschen Sprachraum entwickelte neugotische Schrift auf der Grundlage des gotischen Schreibstils blieb in Nordeuropa bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Das neugotische Alphabet entwickelte sich auf der Grundlage der Kurrent-Schrift, die in Deutschland bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer verwendet wurde.

Als Schweden sich von der Kalmarer Union löste, stärkte das Königreich seine Verbindungen zum deutschen Sprachraum, was sich auch in der Verwendung neugotischer Schrift ab den 1520er Jahren zeigt.
Eine Besonderheit der neugotischen Schrift ist, dass der letzte Strich mehrerer Buchstaben durch eine zusätzliche Schleife von anderen Buchstaben getrennt wurde. Dies geschah normalerweise für die Buchstaben a, g, q, v, w und y. Auch andere Buchstaben, wie b, l und t, können eine zusätzliche Schleife gehabt haben. Einige wenige Buchstaben wurden von anderen Buchstaben durch ein diakritisches Zeichen über dem Buchstaben unterschieden. Über den Buchstaben u, v und w wurde ein geschwungener Strich markiert. Der Buchstabe y ist schwer von der Kombination ij zu unterscheiden, da auch zwei Punkte über einem Buchstaben y markiert wurden. Oft ist der Unterschied nur an der Art und Weise zu erkennen, wie das Wort klingt, obwohl eine Reihe von Schriftgelehrten den Schaft des Buchstabens y nach links drehen, während in der Kombination ij der Schaft des j fast gerade ist. Die Form einiger Buchstabenkombinationen ist zunächst in mancher Handschrift schwer zu erkennen. Dazu gehören ff, fft, sk, ss, st und tt.
Im sechzehnten Jahrhundert war es typisch, Wörter in der Mitte zu verkürzen. Eine Möglichkeit bestand darin, das Wort in der Mitte abzuschneiden und das Ende mit einem gewellten Strich (Aufhängung) anzuzeigen. Ein Wort konnte auch abgekürzt werden, indem Buchstaben aus der Mitte weggelassen wurden. Die Monate September, Oktober, November und Dezember wurden mit der Zahl und dem Suffix -bris oder -ber (7bris = Septembris, 8bris = Octobris, 9bris = Novembris und 10bris = Decembris) verkürzt. Dies basierte auf dem ältesten römischen Kalender, in dem diese Monate auf den Plätzen 7-10 lagen. Die Tatsache, dass in einem Wort Buchstaben fehlten, wurde durch eine Linie darüber angezeigt (Kontraktion). Dies geschah oft noch im achtzehnten Jahrhundert für die Doppelkonsonanten mm und nn. Ansonsten nahm die Verwendung von Abkürzungen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ab. Darüber hinaus wurden verschiedene Zeichen verwendet, um Buchstabenkombinationen, Wörter oder Maß- und Geldeinheiten zu beschreiben. Der verwendete Bindestrich (Bindestrich) entsprach dem heutigen Gleichheitszeichen (=). Die Groß-/Kleinschreibung war instabil: Oft ist es unmöglich zu sagen, ob ein Buchstabe groß oder klein ist.

Judgement book, Pielisjärvi and Liperi winter session, 1685
Finnish National Archives, http://digi.narc.fi/digi/view.ka?kuid=3723505

German neo-Gothic script stabilized during the seventeenth century, when the variation in matters such as capitalization and punctuation use, which was still inherent in the mid-sixteenth century, decreased. The development of the script was characterized by inertia. Much of the typical letter shapes and diction of the previous century was retained for a long time alongside new conventions. This means that the boundary between the typical writing styles of the two centuries is very fluid. Diction learned young did not disappear in later life. During the course of the seventeenth century, the vertical handwriting that had been typical in the past began to slant more and more to the right. Ornate upper–case letter shape is a typical feature of seventeenth–century handwriting, especially at the beginning of each section. Often, an upper–case letter is decorated so richly that it is almost impossible to identify, other than by deduction based on the whole word.
The second characteristic change in sixteenth and seventeenth century handwriting is the appearance of a separate loop between the stem and the last stroke of the letter. Typically, this was the case in the letters a, g, q, r, v, w and y. The letters b, l and t may also have had an additional loop. This feature is already emphasized in many eighteenth century scripts and it makes it more difficult to separate characters into distinct entities. The letter t became taller than before, but the first letter often stayed shorter in the letter combination tt. The letter e developed during the seventeenth century to eventually resemble the letter n in today's alphabet. The letter k often looked like an & sign or number 8 in today's alphabet. In many cases, the identification of letters was complicated by the fact that the letter o was left open from the top, while the loop of the letter d was not joined to the stem.

Letter from Matthias August to Petter Claesson, 17 June 1776
Finnish National Archives, http://digi.narc.fi/digi/view.ka?kuid=6117123.

Eighteenth-century diction remained basically the same as it had been in the previous century. However, some handwriting features were many times more pronounced than before. For example, the loop between the letter stem and strokes became more pronounced and heightened compared to other parts of the letter, and letter loops became many times deeper, so that for example it became more difficult to distinguish between the letters a, m and r. Sometimes, particularly in official documents, handwriting may be even excessively slanted to the right. This is attributed to the fact that the scribes were paid according to the number of sheets used, and this way the text would have required more sheets. In general, eighteenth–century hand–written text is characterized by ornamentation and the attempt to create an aesthetic impression.