Insulare Schriften
Irische, andere keltische und angelsächsische Schriften werden zusammenfassend als «insulare Schriften» bezeichnet. Sie weisen eine Reihe charakteristischer Buchstabenformen, Ligaturen und Abkürzungen auf, die sie von den (meisten) kontinentalen Schriften unterscheiden. Die Entwicklung der insularen Schriften beginnt mit der Christianisierung der Iren im 5. Jahrhundert. Die Angelsachsen übernahmen im Laufe des 7. Jahrhunderts bei ihrer Bekehrung zum Christentum irische Schreibstile. Insulare Minuskeln entstanden auch auf dem Kontinent, beispielsweise in den Zentren der angelsächsischen Mission in Deutschland wie Echternach, Fulda, Würzburg oder Mainz. In England verschwanden die insularen Schriftarten ab dem Ende der angelsächsischen Epoche, nach der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 n. Chr., allmählich. In Irland sind einige Merkmale noch heute in Gebrauch!
Buchstabenformen
In den insularen Schriften sind die Spitzen aller Minimen und Oberlängen keilförmig. Man unterscheidet zwei grosse Schriftarten: Majuskel und Minuskel. Die insulare Majuskel wird oft als «insulare Halbunziale» bezeichnet. Sie weist sehr kurze Ober- und Unterlängen auf und verwendet die Grossbuchstaben N, R und S. Diese Schriftart findet sich beispielsweise im berühmten «Book of Kells». Typische Buchstabenformen der insularen Minuskel sind das d mit rundem Rücken (ꝺ) und das g mit flachem Oberteil (ᵹ). Zudem stehen die Buchstaben f (ꝼ), r (ꞃ) und das lange s (ꞅ) auf der Grundlinie, was es manchmal schwierig macht, das r vom s und vom f zu unterscheiden. In der insularen kursiven Minuskel sind die unteren Teile der Minimen und die Unterlängen spitz zulaufend, und die Schrift ist kompakter.
Altenglisch
Für Texte in Altenglisch wird eine Reihe von Sonderzeichen verwendet. Der Buchstabe eth (ð), bestehend aus einem d mit rundem Rücken und einem Strich durch den Oberlängenabschnitt, wurde geschaffen, um den Laut /θ/ darzustellen, der dem modernen englischen th entspricht. Zwei Zeichen wurden aus der Runenschrift in die Handschrift übernommen, nämlich ƿ (wynn) für /w/ und þ (thorn) für /θ/; þ wird als Alternative zu ð verwendet (meist am Wortanfang). Die Ligatur æ, bestehend aus a und e, wird regelmässig als spezielles altenglisches Zeichen namens ash aufgeführt und steht für den Monophthong /æ/. Sie leitet sich aus der lateinischen Verwendung von æ ab.
Abkürzungen
Die gebräuchlichste insulare Abkürzung ist das Zeichen ⁊, das wie die Zahl 7 geformt ist, jedoch unter die Grundlinie hinausragt. Es steht in jeder Sprache für «und», z. B. für das lateinische et, das altirische ocus oder das altenglische and. Das Zeichen leitet sich aus einem Kurzschriftsystem ab, das Tiro, dem Sekretär des römischen Staatsmannes und Schriftstellers Cicero (106–43 v. Chr.), zugeschrieben wird, und wird daher allgemein als «Tironisches et» bezeichnet. Ein weiteres tironisches Zeichen, das in insularen Schriften verwendet wird, ist das Zeichen ÷ für «(dies) ist» (lateinisch est). Weitere typisch insulare Abkürzungen sind h mit einem kleinen Haken für das lateinische autem («aber, jedoch») und ↄ, ein umgekehrtes c, für das Präfix con-. Insulare Schriften verwenden auch Abkürzungen, die in kontinentalen Schriften üblich sind, zum Beispiel das Nasalsuspensionszeichen, das aus einem horizontalen Strich über einem Vokal besteht und zu n oder m erweitert wird.
Die häufigste Abkürzung, die spezifisch für das Altenglische ist, ist ꝥ, d. h. ein Thorn mit einem Strich durch den Oberlängenausläufer, das für þæt («das») steht. Es ist jedoch zu beachten, dass in volkssprachlichen Texten im Allgemeinen weniger Abkürzungen vorkommen als in lateinischen.
Spätere Entwicklung
Ab dem 10. Jahrhundert taucht die angelsächsische Quadratminuskel auf, die nach den quadratischen Proportionen von Buchstaben wie n, u und a benannt ist. Ende des 10. Jahrhunderts wurde die karolingische Minuskel eingeführt, die jedoch nur für lateinische Texte verwendet wurde, während für Texte in Altenglisch weiterhin die insulare Minuskel beibehalten wurde. In einigen angelsächsischen Urkunden führt dies zu umfangreichen Handschriftenwechseln, wenn die Grenzklauseln in Altenglisch verfasst sind, während der Rest der Urkunde in Latein vorliegt.
Weiterführende Literatur:
Stokes, Peter A. 2020. «Insular Script.» In: The Oxford Handbook of Latin Palaeography, hrsg. von Frank T. Coulson und Robert G. Babcock. New York: Oxford University Press. S. 213–233.
Zitationsvorschlag
Annina Seiler: Ad Fontes, Insulare Schriften, URL: https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/schriften-lesen/schriftgeschichte.