Althochdeutsche Glossierung

Als im 8. Jahrhundert in den althochdeutschen Klöstern die Überlieferung in deutscher Sprache einsetzt, geschieht dies mehrheitlich nicht in der Form eigenständiger ahd. Texte, sondern in der Form von Glossen. Unter einer Glosse versteht man ein Kommentar- bzw. Übersetzungswort. Die Überlieferung des Deutschen setzt somit nicht mit Text-, sondern mit Einzelwortüberlieferung ein. Ahd. Glossen wurden in lateinische Handschriften eingefügt, um das Verständnis erklärungsbedürftiger lateinischer Wörter zu erleichtern. Es handelt sich im Prinzip um Worterklärungen, die dem besseren Verständnis der lateinischen Vorlage dienen. Das kommentierte lateinische Wort wird in der Forschung Lemma, die Glosse Interpretament genannt.

In den mittelalterlichen Skriptorien werden alle Arten lateinischer Texte glossiert: die Bibel, Dichter der klassischen Antike wie Ovid und Vergil sowie frühmittelalterliche Autoren wie Walahfrid Strabo. Dabei werden Einzelwörter, schwierige Flexionsformen aber auch schwierige syntaktische Konstruktionen ins Ahd. umgesetzt. Das Glossieren ist stark im Kontext der Wissensvermittlung der mittelalterlichen Klosterschulen verankert, denn es geht primär um das bessere Verständnis vor allem religiöser lateinischer Texte.

Marginalglosse in der Pastoralregel von Papst Gregor dem Grossen in einer St. Galler Abschrift (Cod. Sang. 216, p. 61, Stiftsbibliothek St. Gallen/Codices Electronici Sangallenses) aus der Zeit um 800:
Lemma: effusio f. 'Verschwendung'
Interpretament: spildlicho (Adverb) 'verschwenderisch'

Ahd. Glossen sind hauptsächlich vom 8. bis ins 13. Jahrhundert überliefert, mit einem Schwerpunkt im 9. Jahrhundert. Die frühesten bekannten Glossen stammen aus dem Kloster Echternach (heute in Luxemburg) und datieren vermutlich in die 1. Hälfte des 8. Jahrhunderts. Manchmal ist nur ein einziges Wort in einer Handschrift glossiert; manche Handschriften sind hingegen fast Wort für Wort übersetzt und umfassen mehr als 5'000 Einträge.
Bergmann/Stricker listen über 1'300 Handschriften mit 230'000 Einzelbelegen auf. Manche Handschriften weisen neben lateinischen und ahd. auch altenglische Glossen auf.
Man schätzt, dass zwei Drittel des ahd. Wortschatzes in Glossen überliefert sind. Glossen überliefern also den weitaus grösseren Teil des ahd. Wortschatzes. Anregungen zur Glossierung kommen aus dem angelsächsischen Raum und sind durch die Missionierungstätigkeit auf den Kontinent gelangt.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Glossen in den Text eingefügt sind: Sie können interlinear, zwischen den Zeilen, oder marginal, am Blattrand, stehen. Sie sind meist mit Feder geschrieben, können aber auch mit einem Griffel ins Pergament geritzt worden sein. Hin und wieder sind sie verschlüsselt.

Ahd. Interlinearglosse in einer Rheinauer Handschrift, dem Liber Regulae Pastoralis von Gregor dem Grossen, Ende 9./Anfang 10. Jahrhundert (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 35, fol. 43v.).

Bei der Interlinearglossierung wird das Interpretament zwischen den Zeilen über das jeweilige Lemma geschrieben, das es kommentieren soll. In der Regel ist es relativ kurz und besteht aus wenigen Wörtern.
In der Rheinauer Handschrift 35, fol. 43v finden sich mehrere Interlinearglossen. In Zeile 14 lautet der lateinische Satz: Plerumque enim accepta salus carnis per vitia expenditur. (Deutsch: 'Manchmal wird nämlich die empfangene Gesundheit mit den Lastern des Fleisches aufgewogen.') Das Lemma expenditur wird mit gespentot uuirdit (deutsch: 'aufgewogen wird', -it mit Querstrich abgekürzt) glossiert.
Sogenannte Marginalglossen hingegen befinden sich an den Rändern der Blätter. Da hier mehr Platz zur Verfügung steht, kann die Glossierung auch länger ausfallen und kleinere Textkommentare enthalten. Manchmal wird das Interpretament mit Abkürzungen wie i für id est oder t für teutonice (deutsch) hervorgehoben.
Selten sind Kontextglossen, die neben ihrem Lemma im Text stehen und direkt beim Abschreiben eingefügt wurden.

Griffelglosse der Handschrift Aldhelmus, De laudibus virginum, aus dem 9. Jahrhundert (Zentralbibliothek Zürich, Ms. C. 59, fol. 2r, Zeile 20):
Abbildung 1: Glosse schwach sichtbar.
Abbildung 2: Einritzung auf Foto verdeutlicht.
Lemma: stipulentur
Interpretament: infestenon, Infinitiv 'sich förmlich etwas zusagen, angeloben lassen, stark bekräftigen'.

Neben der Eintragung mit der Feder existiert noch eine andere, oft übersehene Form der Eintragungstechnik: die Griffelglossierung. Dabei benutzt der Schreiber weder Tinte noch einen Farbstift, um das Interpretament zu notieren, sondern er ritzt mit einem Griffel das entsprechende Wort in das Pergament. Mönche benutzen für ihren eigenen Schreibgebrauch Wachstafel und Griffel. Tinte wird in der frühen Zeit ausschliesslich in den klösterlichen Skriptorien verwendet; den Griffel haben die Mönche aber jederzeit zur Verfügung, auch für spontane, individuelle Eintragungen. Er wird auch gezielt für Vorarbeiten eingesetzt.
Diese farblosen, geritzten Wörter sind leicht zu übersehen und werden deshalb auch blinde Glossen genannt. Sichtbar werden die Griffelglossen oft erst im Streiflicht. Sie stellen eine eigenständige Überlieferungsform dar und nehmen innerhalb der Glossenquellen einen wichtigen Platz ein, da unter ihnen die ältesten sind.

Geheimschriftglosse in einer Handschrift mit den Dialogen Gregors des Grossen aus dem frühen 9. Jahrhundert, südliches Bayern (Diözesanarchiv Augsburg, Hs. 10, fol. 79a, Z. 16):
Lemma: a leuibus
Interpretament: fonilosen (= Präp. foni, Dat. Pl. Adjektiv lôs) (= leichtfertig).
Nhd. Übersetzung:
«Und so geschieht es, dass wir von den müßigen zu den sündhaften, von den leichtfertigen zu den böseren Worten kommen.»

Bei der geheimschriftlichen Notierung werden im Allgemeinen die Vokale des Interpretaments durch andere Zeichen ersetzt.
Geheimschriftglossen treten in zwei Arten auf:
- Die Vokale des Wortes werden durch den im Alphabet nachfolgenden Konsonanten ersetzt (bfk-Geheimschrift), z. B. lat. moneta entspricht ahd. munizza (= Münze) und wird mit mxnkzzb glossiert. (Anmerkung zur Verschriftung: Für jund w gibt es im Ahd. noch keine eigenen Buchstaben).
- Die Vokale des Wortes werden durch Punkte ersetzt (Punkt-Geheimschrift): a = 1 Punkt, e = 2 Punkte, i = 3 Punkte etc. so in f::ndrei punktel::s:n = fonilosen 'leichtfertig' (vgl. Abbildung).
Diese beiden Verschlüsselungssysteme sollen vom angelsächsischen Bischof und Missionar Bonifatius (672/75-754) gelehrt worden sein.
Die Gründe für die Verschlüsselung sind bis heute nicht klar. Vielleicht steckt eine Gelehrtenspielerei dahinter; möglicherweise sollten diese Glossen nicht jedem (gleich) verständlich sein.

Jedem lateinischen Lemma ist ein althochdeutsches Interpretament übergeschrieben, z. B:
lat. Lemma ahd. Interpretament nhd. Übersetzung

de
(Präposition mit Ablativ)

fona
(Präposition mit Dativ)
von, nach
oboedientia
(Subst., fem. Ablativ)
hor samii
(Subst., fem., Dativ Sing.)
Gehorsam
primus
(Adjektiv, Superlativ, mask. Sing.)
erista
(Adjektiv, Superlativ, mask. Nom. Sing.)
erste
itaque
(Adverb)
inv nv
(Adverb)
also
humilitatis
(Subst., mask. Gen.)
dera deoheiti
(Art. u. Subst., fem., Gen.)
Demut
gradus
(Subst., mask. Nom.)
stiagil
(Subst., mask., Nom. Sing.)
Sprosse, Stufe, Grad
Interlinearversion der Benediktinerregel (Cod. Sang. 916, p. 34, Stiftsbibliothek St. Gallen / Codices Electronici Sangallenses)
Nhd. Übersetzung: «Vom Gehorsam:
Die erste Stufe also der Demut ist Gehorsam ohne Zögern.»

Schon fast die Form eines Textes nehmen die Interlinearversionen an. Hier stehen nicht vereinzelte Interpretamente zwischen den Zeilen, sondern ein lateinischer Text wird Wort für Wort übersetzt. «Dadurch entsteht strenggenommen eine Art Rohübersetzung, die unabhängig von den idiomatischen Wendungen der Zielsprache die Formen der Grundsprache Wort für Wort umsetzt, ohne sie dem Sinn nach in ein neues Ganzes zu integrieren.» (Stefan Sonderegger)
Ergebnis ist im Normalfall ein vollständiger, aber nicht stilistisch oder syntaktisch geformter ahd. Text. Ein Beispiel dafür ist die ahd. Interlinearversion der Benediktinerregel. Neben Versionen, die keine zusammenhängende Übersetzung der Vorlage anstreben und so vor allem eine reine Formenübersetzung darstellen, gibt es auch solche, die einer dichterischen Übersetzung gleichkommen, indem z. B. stabreimende Elemente eingesetzt werden (Murbacher Hymnen). Manche Versionen gehen in Richtung einer völlig freien Umsetzung; dabei steht die Erfassung des Gesamtsinnes im Vordergrund (Glossierung von Notkers Psalter).

Die erste Seite des Abrogans (Cod. Sang. 911, p. 4, Stiftsbibliothek St. Gallen / Codices Electronici Sangallenses):
Im Abrogans wird sowohl das lateinische Ausgangswort wie auch das lateinische Synonym übersetzt: Dem ersten lateinischen Lemma Abrogans entspricht dheomodi (demütig, untertan), das Synonym dazu humilis wird mit samftmoati wiedergegeben; parallel dazu stehen
[...] abba. fa
terlih: pater. fater ('Vater')
abnuere. ferlaucnen:
renuere. pauhnen. ('verleugnen, ablehnen') recusare.
faruuazzan: refutare:
fartriban. ('ablehnen') absque uetere.
uzzana moatscaffi: ab
sque amicicia. uzzana fri
untscaffi ('ohne Freundschaft') usw. nebeneinander.
Die Wörter sind nicht in Spalten geordnet.

Glossare
Glossare sind Wörtersammlungen, also eine Art Wörterbuch. Sie können einsprachig (vgl. Synonymwörterbuch) oder mehrsprachig angelegt sein. Man unterscheidet für die althochdeutsche Zeit zwei Typen: Textglossare und Sachglossare.

Textglossar
Ein Textglossar enthält Wörter aus einem bestimmten Text, z. B. aus der Bibel. Ausgewählten Textwörtern sind volkssprachige Interpretamente gegenübergestellt. Die Anordnung erfolgt entweder in der Reihenfolge, in welcher die Wörter im Text stehen, oder alphabetisch.

Eines der «bedeutendsten Zeugnisse der ältesten sprachgeschichtlichen Stufe des Deutschen» (Stefan Sonderegger) ist ein alphabetisches Textglossar: der nach dem ersten Wort benannte Abrogans vom Ende des 8. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein ins Althochdeutsche übersetztes lateinisches Synonymwörterbuch, welches bei stilistischer Variation helfen soll.

Ausschnitt aus dem Vocabularius Sancti Galli zum Ackerbau (Cod. Sang. 913, p. 184, Stiftsbibliothek St. Gallen / Codices Electronici Sangallenses):
Transkription (Steinmeyer Bd. III, S. 2):

saxus stain (Stein) festuca halma (Grashalm)
cimentus calc (Kalk) triticus corn (Korn)
ortus garto (Garten) spicas hahir (Ähre)
cluasara piunte (Gehege) scopa pesamo (dünner Zweig)
campus feld (Feld) uentilabrus
ager accar (Acker) uuintscuffla (Wurfschaufel)
cultura azuuisc (Bebauung) pala scufla (Schaufel)
germinat archinit (keimt auf) area chasto (Fläche)
nascit arrinit (wächst) scorea stadal (Stadel)
semen samo (Samen) flaigegellus
pallea spriu (Spreu) driscila (Dreschflegel)

Ein Sachglossar erfasst den Wortschatz bestimmter Sachgebiete, z. B. Fische, Pflanzen oder Körperteile, die auch alphabetisch angeordnet sein können. Ein Beispiel dafür ist das spätahd. Summarium Heinrici vom Anfang des 11. Jahrhunderts, in welchem beispielsweise ein Abschnitt den weiblichen Kleidern (de feminalibus vestimentis) gewidmet ist:
    Ciclades vezstuchelen uel ciclat (= Rundrock, -kleid).
    Speculum spigel (= Spiegel).
    Vitte walken uel benda (= Binde, Kopfbinde)
    Discriminale vnderbende (= Haarnadel) usw.

Ein nicht ganz so typisches Beispiel ist der sog. Vocabularius Sancti Galli, vom Ende des 8. Jahrhunderts, denn die Anordnung nach Gruppen ist nicht durchgängig und lückenhaft. Enthalten sind u. a. die Themenkreise: Bäume, Körperteile, Tiere und Ackerbau. Beim Vocabularius handelt es sich um ein kleinformatiges Notizbuch (10x12cm) eines Schreibers in angelsächsischer Tradition, das auf dem Hintergrund der angelsächsischen Mission des Bonifatius im 8. Jahrhundert entstanden sein dürfte. Nach Texten zu Missionsfragen und zu Schulwissen enthält die Handschrift das Wörterbuch. Dieses Glossar nimmt eine Sonderstellung ein, denn man nimmt an, dass es nicht zum Erlernen des Lateinischen, sondern des Deutschen diente.
Mit dem Hl. Gallus hat das Notizbuch nichts zu tun; die Zuschreibung ist irrtümlich.