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Archivaufgabe 2: Das Videoladen-Archiv

Am 18. Juni 1980, drei Wochen nach dem Opernahauskrawall, belagern Jugendliche das Zürcher Ratshaus. Das Rohmaterial des Videoladenarchivs erlaubt unter anderem einmalige Einblicke in Aktionen wie diese. Videoladen Zürich: "Rathaus Demo", Zürich 18. Juni 1980, Schweizerisches Sozialarchiv, F_9049: Videoladen Zürich, Signatur: F 9049-046, © Videoladen Zürich, Online: Schweizerisches Sozialarchiv [Stand: 15.05.2021].

Rohmaterial

Anders als bei den Wochenschaubildern handelt es sich bei dem Material des Videoladen-Archivs nicht um durchkomponierte und sehr stark mediatisierte Bewegtbilder, sondern in den meisten Fällen um ungeschnittenes Rohmaterial, sozusagen dem Rohstoff, aus dem der Videoladen später die audiovisuelle Geschichte der Bewegung schrieb. Das Medium Video erlaubte es im Gegensatz zum teuren Film, mit einer Kamera an einer Demo oder einer Sitzung aufzutauchen und einfach mal mehr oder weniger ziellos »draufloszufilmen«. Die so entstandenen Bilder sind gar nicht so einfach anzuschauen, sie wirken auf die Betrachtenden anfangs unzusammenhängend, spannungslos oder gar langweilig. Der Vergleich mit dem aus diesem Rohmaterial entstandenen Film Züri brännt zeigt eindrücklich auf, wie der Prozess von Schnitt und Montage sowie das Zusammenspiel der Bilder mit Kommentar und der Musik die Zusammenhänge zwischen den Bildern, ihre Spannungswirkung und ihre scheinbare Kohärenz und sinnhafte Handlungsstruktur prägt. Die Sichtung des Rohmaterials macht den Prozess des Videomachens nachvollziehbar. Die ungeschnittenen Bilder zeichnen sich überdies dadurch aus, dass sie dem tatsächlichen Geschehen näher kommen, als ein fertiges Videodokument. Natürlich zeigen auch sie nicht unmittelbare Realität, sondern stellen Ereignisse selektiv und von der Perspektive der Bewegung aus dar. Sie lassen aber trotzdem Schlüsse auf den Bewegungsalltag vor der medialen Ästhetisierung zu. Die dokumentierten Diskussionen an Sitzungen und Vollversammlungen haben darüber hinaus als audiovisuelle Protokolle, die etwa auch Körpersprache, geschlechtsspezifisches Diskussionsverhältnis und andere aus Textprotokollen nicht ersichtliche Dimensionen dokumentieren, einen hohen Stellenwert.